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Kino:Lockruf des Sixpacks

Nicht mehr ganz junge Männerstripper in der Sinnkrise, das kann nur eine lustige Farce werden: "Magic Mike XXL" kommt aus der Kino-Werkstatt von Steven Soderbergh, aber Regie führen wollte er diesmal nicht.

"Was hältst Du eigentlich von durchtrainierten, nackten Männerkörpern?" Eigentlich wollte der Kollege bloß die neuen Kinofilme auf die Autoren verteilen. Und plötzlich stehen Fragen im Raum, dezent wie ein Bodybuilder im G-String. Was soll man von einem Film halten, der nicht mal im Trailer mit Handlung, sondern mit eingeölten Sixpacks wirbt? Mit Channing Tatum im Muskelshirt, wie er ein Stahlrohr zu Ginuwines "Pony" mit Hüftbewegungen an die Schleifmaschine stößt, dass die Funken sprühen? Ein Trailer wie eine Einladung zum Junggesellinnenabschied. Und: Was würde man davon halten, wenn es in dem Film nicht um nackte Männer ginge, sondern um Frauen?

Der erste Teil der Geschichte, "Magic Mike", war vor drei Jahren eine Überraschung. Erwartet hatte man eine belanglose Buddy-Komödie - im besten Fall. Aber Steven Soderberghs Film war auf dem Höhepunkt der Finanzkrise vor allem ein Film über Gescheiterte, ein Sozialdrama mit Tanzeinlagen: Mike strippte, um sich über Wasser zu halten und um seinen eigentlichen Traum, Möbel zu entwerfen, zu finanzieren - und nicht mal das klappte. Am Ende gab er das Strippen auf.

Channing Tatum, halbnackt. Komisch ist das auf jeden Fall - aber ist es wirklich das, was Frauen wollen?

(Foto: Claudette Barius)

Jetzt also der zweite Teil. Und der ist wieder eine Überraschung. Weil er die Ernsthaftigkeit, die man dem ersten Film kaum zugetraut hatte, nicht wiederholt, sondern sie vollkommen hinter sich lässt. Der Trailer und auch der alberne Titel lügen nicht: "Magic Mike XXL" ist durch und durch Komödie, textil- und handlungsarm - und sehr, sehr lustig.

Im Jahr 2015 baut Mike doch noch Möbel. Sein Geschäft läuft immerhin gut genug, dass er sich einen Mitarbeiter leisten kann. Als die alten, alternden Kollegen auf dem Weg zu ihrer allerletzten Show in seiner Stadt vorbeikommen, laden sie ihn ein, noch einmal mitzutanzen. Mike sagt zunächst ab - aber dann kommt die Szene mit dem Stahlrohr, in der der 35-jährige Channing Tatum, der in den Neunzigern selbst eine Weile als Stripper gearbeitet hat, zeigt, dass er wirklich irre gut tanzen kann. Und Mike merkt, dass er noch mal Lust hat. Was folgt, ist ein Road(s)trip mit lose verbundenen Episoden, bei dem alle die sprichwörtlichen und mehrmals auch die echten Hosen herunterlassen (wobei es kein amerikanischer Blockbuster wäre, wenn tatsächlich irgendwann mal jemand ganz nackt zu sehen wäre).

Die Botschaft, die die Männer ihrem stets kreischenden Publikum bei diesen Shows vermitteln wollen, hat Oberstripper Dallas (gespielt von Matthew McConaughey, der diesmal nicht mehr dabei ist) ihnen eingetrichtert: "Ihr seid die Ehemänner, die sie nie hatten. Ihr seid die Traumtypen, denen sie nie begegnet sind!" Eine der schönsten Szenen in diesem Geist spielt in einer gottverlassenen Tankstelle. Als Richie (Joe Mangiello) eine Sinnkrise hat, gibt Mike ihm die Aufgabe, die verdrossene Verkäuferin zum Lächeln zu bringen. Richie bindet sich die Schuhe, um auf seinen Hintern aufmerksam zu machen, reibt sich am Kühlschrank und verspritzt mit kaum für Interpretation offenen Bewegungen Wasser aus einer Flasche - dazu läuft "I want it that way" von den Backstreet Boys. Das ist so albern, dass die Verkäuferin nicht anders kann, als zu lachen.

Auch sonst ist Magic Mike XXL an vielen Stellen derart drüber, dass man sich nicht wundern würde, wenn Channing Tatum & Co. irgendwo zusammenhockten und sich lautlose Highfives gäben, weil keiner merkt, dass sie diese ganze "Was Frauen wollen"-Nummer schamlos durch den Kakao ziehen. "Big Dick" Richie etwa vergleicht seine Suche nach einer Frau, die anatomisch betrachtet zu ihm passt, mit der des Prinzen aus Aschenputtel, der die Braut zum Schuh sucht; Mike sagt zu einer geknickten Bekannten allen Ernstes, dass "jemand ihr Lächeln gestohlen" habe; und selbst die Sprühsahne hat ihren Auftritt. Steven Soderbergh hat hier nicht mehr selbst Regie geführt - getreu seiner Ankündigung, bis auf Weiteres keine Kinofilme mehr zu machen. Für Produktion, Kamera und Schnitt ist er dem Film aber doch erhalten geblieben. Gregory Jacobs, sein langjähriger Assistent, wurde zum Regisseur befördert, und zur großen Familie gehört diesmal auch Andie MacDowell, der mit Soderberghs "Sex, Lies and Videotape" der Durchbruch gelang.

Ginge es wirklich um weibliche Begierden, wäre doch wieder ein ernster Film draus geworden

Prinzipiell aber spielen Frauen in diesem Film, in dem es doch angeblich um weibliche Träume geht, nur als Requisiten für die Show der Männer eine Rolle - im Bechdel-Test fällt "Magic Mike" krachend durch. Auch hinter der Kamera sucht man Frauen vergeblich. So ist es wohl zu erklären, dass "Magic Mike XXL" weniger das zeigt, was Frauen wollen, sondern vor allem eine überdrehte Version dessen, was Männer offenbar glauben, was Frauen wollen: nämlich fortlaufend "Königin" genannt, im Stripclub erst mit Balladen charmiert und dann von mehreren Männern zum Schein penetriert zu werden. Andererseits: Hätten die Filmemacher ein realistisches Bild weiblicher Begierden zeichnen wollen, dann wäre am Ende vielleicht doch wieder ein ernster Film draus geworden. Und das wäre ja auch irgendwie schade gewesen.

Magic Mike XXL, USA 2015 - Regie: Gregory Jacobs. Buch: Reid Carolin. Kamera, Schnitt, Produktion: Steven Soderbergh. Mit Channing Tatum, Joe Manganiello, Andie MacDowell. Warner, 115 Min.

© SZ vom 24.07.2015

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