Kino Lob des Unbrauchbaren

Auch der Überlebenskampf in den Slums von Manila ist ein Zirkus – in den Bildern von Khavn de la Cruz.

(Foto: Verleih)

Trotzdem fröhlich: Alexander Kluge und sein Filmessay "Happy Lamento", in dem er die Welt als Zirkus begreift und Bilder vom philippinischen Kollegen Khavn de la Cruz borgt.

Von Philipp Stadelmaier

Die Schrift auf den eingeblendeten Texttafeln ist bunt, die Buchstaben wirken alles andere als gesetzt. Sie sind geschwungen, ähneln einer Schreibschrift, wie man sie in der Schule lernt. Als würde ein älterer und schon sehr weiser Schüler, der dem Schüleralter längst entwachsen und dennoch im Klassenzimmer geblieben ist, Dinge in sein Heft notieren, die er schon kennt, aber über die er noch mehr lernen will: Zirkus, Elefant, Mond, elektrisches Licht. Das sind die Hauptmotive, um die es hier gehen wird.

Der alte Schüler ist Alexander Kluge. Zirkus und Elefanten spielten schon in seinem Film "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" von 1968 eine Rolle, aufgehört zu lernen hat er seitdem nie. Kluge ist nicht nur Filmemacher, sondern auch Philosoph, Schriftsteller und Unternehmer, der mit seiner Fernsehproduktionsfirma unzählige Stunden Programm zu unzähligen Themen gemacht hat: Unterricht in assoziativem Denken der verspieltesten Art. Dieses prägt auch seinen neuen Essayfilm, "Happy Lamento", der letztes Jahr auf dem Filmfestival von Venedig Premiere hatte.

Im Splitscreen sieht man in derselben Einstellung Donald Trump, eine Frau, die an den Stoßzähnen eines Elefanten herumturnt sowie einen Aufziehaffen, der Faxen macht. "Der Zirkus kommt in die Stadt", verkündet eine Texttafel, es ist ein ironischer politischer Kommentar. Auch die anderen Motive ziehen vielfältige Variationen auf sich. Es gibt den Song "Blue Moon", gesungen von Elvis Presley, sowie die Geschichte eines Elefanten auf dem Elektrischen Stuhl.

Immer wieder stößt man auf Fragmente aus Kluges Fernseharbeiten, die einem langen Livestream aus den Archiven der Vergangenheit und Gegenwart gleichkommen. Kluge "interviewt" eine sowjetische Offizierin (gespielt von einer Schauspielerin), die von der Evakuierung eines Zirkus im Zweiten Weltkrieg erzählt. Ein Zigarre paffender Heiner Müller bittet darum, den Mond nicht zu kolonisieren, er sei zum Schlafen da. Und Kluges alter Kompagnon Helge Schneider findet, dass man im Weltall keine Lesebrille bräuchte.

Das Großartige am Film des heute 87 Jahre alten, unvermindert neugierigen Geschichtensammlers und -erzählers Kluge ist, dass er sich nicht nur für seine alten Motive und Kumpels interessiert, sondern auch für einen der radikalsten und verrücktesten Filmemacher der Gegenwart. Alexander Kluge "featuring" Khavn de la Cruz, heißt es in den Credits, da die Hälfte von "Happy Lamento" aus Ausschnitten eines Spielfilms des philippinischen Filmemachers besteht: "Alipato - Das flüchtige Leben eines Funkens" zeigt in schrillen und drastischen Bildern das Leben im Slum von Manila.

Waren, die liegen bleiben, gibt es auch im Supermarkt des Audiovisuellen

Der Film handelt von einer Bande von Kindern und Jugendlichen, die im Müll und vom Müll leben, wobei ihnen jegliche moralische Dignität, die gesellschaftliche Randgruppen in Spielfilmen gerne mal auszeichnet, völlig abgeht. Die kleinen, meist nackt umherlaufenden, oft verkrüppelten Freaks mit zerzausten Haaren und schlechten Zähnen haben Blasenprobleme, essen Hunde, Glasscherben oder Kot, und wollen, wie es auf einer Texttafel heißt, "die ganze Welt ficken", was ebenso im sexuellen wie im zerstörerischen Sinne gemeint sein kann (Vergewaltigung ist in dieser höllischen Welt an der Tagesordnung).

"Die toten Schweine von Manila", titelt Kluge, und eine Sequenz spielt dann auch in einem Schweineschlachthof, während Khavns Film immer wieder auf einen Friedhof zurückkehrt, wo mit jedem neuen Getöteten ein Grabstein hinzukommt.

Wie Kluge ist Khavn nicht nur Filmemacher - der Mann ist auch Poet, Musiker und Modedesigner. Beide verbindet die Lust am Assoziieren, am Trash und an der Ironie. Kluge integriert Khavns Film intelligent in seinen eigenen, ohne ihn aufwendig zu kommentieren. Die bunt-brutale Welt des philippinischen Kinopunks ist eine weitere Variation des Zirkusmotives, während der Titel, "Das flüchtige Leben eines Funkens", auf das elektrische Licht verweist, über das Kluge meditiert.

Die eigentliche Verbindung besteht aber in einem "Happy Lamento", einer fröhlichen Klage über den Zustand unserer Welt und der Welt der Bilder. Irgendwann erzählt Kluge eine Anekdote über Waren in Supermärkten, an denen man vorbeigeht, die liegen bleiben, als unbrauchbar eingestuft werden. Im großen Supermarkt des Audiovisuellen, in dem wir jeden Tag unterwegs sind, schenken Kluge und Khavn ihr Interesse demjenigen, was ohne sie auf dem Müll landen würde: anekdotischen Resten der Weltgeschichte und dem Human Trash im Slum von Manila.

Happy Lamento, D 2018. - Regie und Drehbuch: Alexander Kluge feat. Khavn de la Cruz. Kamera: Thomas Willke, Albert Banzon, Thomas Mauch, Erich Harandt. Mit Helge Schneider, Heiner Müller, Galina Antoschwskaja, Peter Berling. Verleih: Rapid Eye Movies, 90 Minuten.