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Kino:Liebe auf den ersten Ton

Still aus "Die verborgenen Farben der Dinge"

Die blinde Osteopathin Emma (Valeria Golino) behandelt den Werbefachmann Teo (Adriano Gianninio).

(Foto: Rocco Soldini; Verleih)

Der Kinofilm "Die verborgenen Farben der Dinge" erzählt von einer Romanze zwischen einer blinden Osteopathin und einem neurotischen Werbefachmann, der sich in ihre Stimme verliebt.

Von Kim Maurus

Blicke können ziemlich viel. Langeweile vermitteln etwa, Fassungslosigkeit oder Zweifel. Oder natürlich, so will es der Mythos, in Sekundenschnelle den Partner fürs Leben identifizieren. Das ist dann die berühmte Liebe auf den ersten Blick, ohne die kaum eine Kinoromanze auskommt. Diese hier allerdings schon - was ganz einfach daran liegt, dass die weibliche Hauptfigur blind ist. Die besondere Qualität von Silvio Soldinis Melodram "Die verborgenen Farben der Dinge" ist die Tatsache, dass hier fast alles anders läuft, als es der Zuschauer gewohnt ist. Eine bessere Beschreibung für das, was den Protagonisten Teo und Emma passiert, wäre Liebe auf den ersten Ton. Als Teo Emma das erste Mal trifft, sieht er sie nicht. Er macht mit Arbeitskollegen eine Tour durchs Museum, in dem Emma nebenberuflich arbeitet. Und er findet ihre Stimme sexy.

Die Glaubwürdigkeit wird zumindest ein bisschen strapaziert, als Teo Emmas Stimme zufällig in einem Kaufhaus wiedererkennt, woraufhin sie sich erst richtig kennenlernen. Teo, gespielt von Adriano Giannini, ist vierzig und arbeitet in einer Werbeagentur. Er hat eine Freundin und eine Affäre, klare Entscheidungen sind nicht so sein Ding, die unangenehmen Dinge des Lebens blendet er am liebsten aus. Und er merkt selbst nicht so richtig, dass er sich gerade in Emma verliebt - geschweige denn, warum. Emma (Valeria Golino) ist frisch geschieden, hauptberuflich Osteopathin und deutlich konfrontations- und entscheidungsfreudiger. In ihrer Freizeit bringt sie einem erblindeten Mädchen Französisch bei und ermutigt es, sich mit einem Blindenstock nach draußen zu wagen. Wenn sie jemanden besuchen will, bittet sie ihren Taxifahrer, für sie zu klingeln. Als Teo sie zum Abendessen einladen will, fragt sie ihn, ob er stattdessen mit ihr Pflanzen einkaufen kann, sie brauche dafür jemanden mit Auto.

Emmas Pragmatismus und ihr Stolz heben sie von vielen anderen Filmhelden ab, die körperlich behindert sind. Der französische Welterfolg "Ziemlich beste Freunde" (2011) etwa, in dem der wohlhabende, aber verbitterte Philippe vom Hals abwärts gelähmt ist und vom schwarzen Driss gepflegt wird. Driss stemmt sich Philippes Verbitterung entgegen, sie werden Freunde. Emma dagegen sieht sich nicht als Opfer ihrer Behinderung. Sie ist weder verbittert, noch braucht sie Teo, um ihr "die schönen Seiten des Lebens" zu zeigen. Aber sie verliebt sich eben in ihn.

Die Idee zu diesem Film kam Regisseur Silvio Soldini, als er 2013 die Dokumentation "Per Altri Occhi / Mit anderen Augen" drehte. Darin porträtierte er zehn Menschen, die ihren eigenen Weg gefunden haben, mit ihrer Blindheit umzugehen, und bei diesen Begegnungen blieb vom Stereotyp des hilflosen, bedauernswerten Blinden nichts mehr übrig. Dafür gibt es nun viel Selbstironie, beispielsweise, wenn Emmas sehbehinderte Freundin Patti lachend erzählt, wie sie eine Plastikfigur für einen Kellner gehalten habe -, und eine andere Art der Wahrnehmung, die Emma so handfest und frisch artikuliert, dass nicht nur Teo ständig grinsen muss. Etwa, wenn sie neben Teo im Bett liegt, seine Wangen abtastet und sagt: "Dein Gesicht ist glücklich!"

Das Drehbuch hat Doriana Leondeff geschrieben, die schon mehrmals mit Regisseur Soldini zusammengearbeitet hat, unter anderem für die Komödie "Brot und Tulpen" (2000). Wie damals beweisen sie auch hier wieder, dass sich Persönlichkeit und Gefühle von Filmfiguren am besten in präzisen Details darstellen lassen. Das wird zum Beispiel dann deutlich, wenn Teo in überaus romantischer Waldkulisse neben Emma sitzt und feststellt, dass der Boden ziemlich feucht ist. Oder wenn Emma einen aufwühlenden Anruf bekommt, während sie Nachhilfe gibt - und dann weitermacht, während sie die Tränen nicht mehr unterdrücken kann. Die Geschichte von Emma und Teo gipfelt in einem bemerkenswerten Schluss, der an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden darf. Auf jeden Fall würdigt dieses Ende jene Komplexität, die das Leben nun mal hat. Und so unklar der Titel "Die verborgenen Farben der Dinge" zunächst klingen mag, so einleuchtend bringt er den Film dann doch auf den Punkt.

Il colore nascosto delle cose, IT/CH 2017 - Regie: Silvio Soldini. Buch: Doriana Leondeff, Davide Lantieri, Soldini. Kamera: Matteo Cocco. Mit Valeria Golino, Adriano Giannini. FilmKinoText, 117 Min.

© SZ vom 31.07.2018
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