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Kino:La Berlinoise

Film

"Ich hasse melancholische Mädchen. Alle melancholischen Mädchen tun das." Marie Rathscheck kann auf provozierend kleinmädchenhafte Weise direkt in die Kamera gucken.

(Foto: Verleih)

Ein entschlossenes und zugleich sehr charmantes Nein zur Gegenwart: Susanne Heinrichs Debütfilm "Das melancholische Mädchen".

Von Tobias Kniebe

Die junge Frau trägt einen schmutzigweißen Kurzmantel aus Kunstfell, und sie hat eine Pose eingenommen, die klarmacht: Darunter trägt sie nichts. Ihre Haare sind zu einer Hochsteckfrisur à la Audrey Hepburn getürmt. Sie steht vor einer Wandtapete mit Südseepalmen, sie raucht und schaut in eine undefinierbare Ferne. "Ich hasse melancholische Mädchen", sagt sie mit einer Stimme, aus der nicht nur der Hass, sondern auch alle anderen Emotionen getilgt sind. "Alle melancholischen Mädchen tun das."

Schon die ersten Momente von Susanne Heinrichs Film "Das melancholische Mädchen" machen sehr gute Laune, und das sollte man als Errungenschaft einmal festhalten. Im Kino kommt so was momentan nicht allzu häufig vor, schon gar nicht im deutschen. Ein genauerer Grund für dieses Wohlgefühl ist allerdings gar nicht so leicht zu benennen.

Liegt es an der entschiedenen Stilisierung, die aber nicht nur, wie sonst so oft, strenges Künstlertum ankündigt? Stattdessen ahnt man einen vertrackten Humor und den Flirt mit einem Stilmittel, das in der Filmkunst eigentlich ganz verbotenen ist - und sich nur mit dem englischen Wort "Cuteness" einigermaßen gut bezeichnen lässt.

Das Erzählkino darf mal Pause machen, dafür greift mächtig der altbewährte Verfremdungseffekt

Liegt es am Tonfall der Frauenstimme, der sofort klarmacht, dass hier nicht wie üblich um Identifikation gebettelt wird? Ums Mitfühlen, Mitleiden, Mitfiebern, um psychologische Deutung und emotionale Aufladung wird hier jedenfalls nicht gerungen, das Erzählkino als solches darf wegen fortgesetzten Burn-outs mal Pause machen, dafür greift mächtig der altbewährte Verfremdungseffekt. Oder liegt es an der Schauspielerin Marie Rathscheck? Deren blaue Augen können auf provozierend kleinmädchenhafte Weise direkt in die Kamera gucken, wobei die Augenlider ihr eigenes Spiel des Hebens und Senkens treiben, während Sätze voll rätselhafter Klugheit aus ihrem Mund purzeln.

All das zusammen muss es wohl sein, und diese vielen widerstreitenden Eindrücke verdichten sich zu dem Gefühl, dass hier jemand auch hinter der Kamera echt Spaß hatte. Spaß am elaborierten Verwirrspiel, bei dem sinnliche wie intellektuelle Gehirnsynapsen gleichermaßen stimuliert werden, ohne dass es zu leidvollen Kollisionen kommt. "Das melancholische Mädchen" wirkt unberührt von unserer doch recht erregbaren Gegenwart - ungefähr so leicht- oder schwergewichtig wie die Frage, ob ein schmutzigweißer Kunstfellmantel jetzt wirklich das Statement ist, das die Welt braucht.

Viel mehr als diesen Mantel, ein paar Punkstiefel und ein Notebook, auf dessen Festplatte ein Roman am Anfang des zweiten Kapitels stecken geblieben ist, scheint das Mädchen nicht zu besitzen - außerdem muss es sich jede Nacht einen neuen Platz zum Schlafen suchen. Dies schafft aber nur einen losen Zusammenhang für fünfzehn artifiziell bunte Kinovignetten, die trotz ihrer Künstlichkeit den Eindruck erzeugen, sie könnten tatsächlich einem jungen, nicht allzu beschwerlichen, vorerst ziellosen Berliner Frauenleben abgelauscht worden sein.

Die Anfangsszene etwa entpuppt sich als eine Art postkoitales Szenario, bei dem noch ein nackter Mann auf dem Bett liegt, während das selbsternannte melancholische Mädchen einen Vortrag über die eigene Geistesverfassung hält, der auch Gedanken zum Wesen der Melancholie enthält. Darauf steigt der Mann allerdings nicht ein, er sagt nur: "Wie du da stehst in deinem Mantel, das werde ich nie vergessen." "Oh. Ich denke doch", antwortet das melancholische Mädchen.

Die Wortspielereien, die Parolen und die Nacktheit erinnern an Jean-Luc Godards frühe Filme

Als Nächstes scheitert das Mädchen bei dem Versuch, bei einer Freundin unterzukommen, weil diese gerade Mutter geworden ist. Die kann keine Gäste gebrauchen, rät aber zu einer eigenen Schwangerschaft: "Dann wäre dein Narzissmus direkt kuriert." Beim Drogenrausch mit Freunden sagt das Mädchen auch irgendwie die falschen Sachen, gewinnt aber einen neuen Übernachtungsplatz. Der Typ rasiert ihr in der Badewanne die Beine und lobt ihre Brüste als "klein und frech". "Oh, ein Poet", sagt das melancholische Mädchen.

So geht es weiter, die Heldin begegnet einem Existenzialisten, der Sex nur noch traurig findet, und sagt: "Mein Körper ist ein Kriegsgebiet, auf dem alle Welt ihre Kämpfe austrägt. Er gehört allen anderen mehr als mir. Also kann ich ihn auch gleich zur Benutzung freigeben." Beim Psychotherapeuten trägt sie eine Laudatio auf ihren noch ungeschriebenen Roman vor, die sie geträumt hat, und erzählt von ihrer Langeweile beim Schreiben: "In der Diktatur der Selbstverwirklichung sind alle Künstler." Dann sitzt sie in einer Drag Bar und erklärt auf die Frage, worauf sie denn warte, es sei "das Ende des Kapitalismus".

Irgendwann fällt einem plötzlich ein, woran diese Wortspielereien und Spitzfindigkeiten in stilisierter Umgebung, die ab und zu mit politischen Parolen, aber auch mit Nacktheit angereichert sind, stark erinnern - nämlich an die Filme des frühen Jean-Luc Godard. Dessen altklug daherredende Herzensbrecherinnen, gern mit Mao-Bibel in der Hand, waren aber doch sehr zweischneidige Wesen: Bezaubernd zwar, aber doch auch trügerische Männerfantasien, die vor allem die Männer selbst nicht ernstnehmen durften, um nicht emotional und diskursiv den Verstand zu verlieren.

Darum kann es einer Filmemacherin der Gegenwart eigentlich nicht gehen, aber worum dann? Die Erklärungen, die Susanne Heinrich für das Begleitmaterial ihres Film verfasst hat, helfen da nicht unbedingt weiter. Darin berichtet sie sehr ernst von einer Depression, von einer "Offenbarung" durch die Lektüre antikapitalistischer und feministischer Theorie und schließt mit diesem Statement: "Tatsächlich habe ich durch die Arbeit am 'melancholischen Mädchen' selbst aufgehört, eines zu sein. Ich erkläre es mir durch die neugewonnene Fähigkeit, negative Gefühle zu politisieren und aus individuellen Erlebnissen strukturelle Analysen abzuleiten."

Nun, wenn der Sinn der ganzen Sache so klar und staubtrocken dasteht - wer würde es wagen zu widersprechen? In den Augen dieses Kritikers ist es allerdings der Film selbst: Er weigert sich, seine Heldin auf jene funktionale Entwicklungsreise zu schicken, die Susanne Heinrich offenbar erfolgreich durchgemacht hat, er weigert sich auch, eine Lernerfahrung zu sein, einen besseren Menschen zu erzeugen, aus seiner Protagonistin wieder ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft zu formen.

Das melancholische Mädchen ist in dieser großen Weigerung unglaublich klug, es ist unglaublich charmant in seinem unerschütterlichen Nein, und man würde ihm wünschen, den heroischen Schwebezustand, in dem es lebt, noch sehr lange aufrechtzuerhalten. Denn wie viel Spaß der doch eigentlich macht - das sieht man hier wirklich in jeder Szene.

Das melancholische Mädchen, DE/FR/DK 2019. Regie und Buch: Susanne Heinrich. Kamera: Agnesh Pakozdi. Mit Marie Rathscheck, Nicolai Borger, Malte Bündgen. Verleih: Salzgeber, 80 Min.

© SZ vom 01.07.2019

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