Kino Kundschafter des Todes

Die Tochter des Patriarchen (Ariane Ascaride) wird von einem Fischer (Robinson Stévenin) umgarnt – Szene aus „Das Haus am Meer“.

(Foto: Verleih)

Eine melancholische Heimkehr, inspiriert von Tschechow: Robert Guédiguians zwanzigster Film "Das Haus am Meer" bringt das Ensemble seiner geliebten Stammschauspieler wieder zusammen.

Von Fritz Göttler

Dies ist der Platz, der ihm gebührt, hierher zieht sich der Vater zurück in seiner Alterseinsamkeit, auf die Terrasse seiner Villa, seines Hauses am Meer, das er selber gebaut hat, in der Bucht von Méjean, nördlich von Marseille. Hier sitzt er und raucht und blickt aufs Meer, das seine grenzenlose Weite ahnen lässt.

Dann erleidet der Vater, so beginnt "Das Haus am Meer", der neue, wundersame Film von Robert Guédiguian, sein zwanzigster, einen Schlaganfall. Er zeigt keine Reaktionen mehr auf seine Umwelt und muss im Bett bleiben. Seine Kinder kommen darauf noch einmal zusammen, in das Haus ihrer Jugend: Joseph ist ehemaliger Gewerkschaftler, Professor, eben entlassen, und er ahnt schon, dass seine junge Freundin, die er mitbringt, eine seiner Studentinnen, nicht mehr lange bei ihm bleiben wird. Angèle ist Theaterschauspielerin, sie hat schlimme Erinnerungen an Méjean, weil hier vor vielen Jahren ihre kleine Tochter ertrunken ist. Armand ist sowieso vor Ort, er hat das kleine Fischrestaurant des Vaters übernommen und hält das Grundstück in Ordnung. Die drei werden verkörpert von Jean-Pierre Darroussin, Ariane Ascaride (die Guédiguians Frau ist) und Gérard Meylan, die alle in den letzten Jahrzehnten vielfach mit Guédiguian gearbeitet haben, in den verschiedensten Paarungen, und die hier noch einmal definitiv jene Gemeinschaft entwickeln, die es so wohl nur in der französischen Gesellschaft gibt, die Fraternität.

Die malerische Felsenbucht ist eine Bühne, offen unter freiem Himmel

Immer ist in den Filmen von Robert Guédiguian zu spüren, dass das Kino gar kein Gegenspieler ist zum Theater, dass es manchmal gar das Theater braucht. "Das Haus am Meer", so war in den französischen Kritiken oft zu lesen, das sei Guédiguians "Kirschgarten", und der hat gern bestätigt, er habe Tschechow wieder und wieder gelesen von Jugend an: "Er ist mein Weggefährte."

Die malerische Felsenbucht ist nun eine Bühne, offen unter freiem Himmel. Eine verlassene Bühne, die meisten Häuser des Ortes sind unbewohnt, die Feriensaison ist vorbei. Auch für die drei Geschwister ist die Zeit der großen Erwartungen und Hoffnungen vorbei, der Aktivitäten, des politischen Engagements, der Projekte und Ideen, der Ideologien. Die Schatten des großen Bruchs und Aufbruchs von '68 hängen auch über dieser Bucht, die melancholische Isolation wird aufgerissen von den großen Fragen, die diese Generation in der Jugend heftig bewegten. Robert Guédiguian war lange Mitglied der Kommunistischen Partei - Frankreich sei, sagte er neulich, sei im Herzen immer noch links. Wie kann man gerecht sein in einer ungerechten Welt, der Satz klingt nach aus Brechts "Der gute Mensch von Sezuan", den Angèle einst auf der Bühne spielte. Ein Fischer, ein Fan von ihr, der gern ihr Liebhaber werden möchte, hat das Plakat zu dieser Aufführung in seinem Haus aufgehängt, und es ist so grell wie einst die Plakate für Hollywoods B-Pictures.

Zwei kurze Blicke zurück bringen noch einmal das Leben ins Spiel, wie es einmal war, sie sind Momente einer verlorenen Utopie. Ein Weihnachtsumzug in den vollen Straßen von Méjean , mit einer fröhlichen Menge, an die bunte Pakete verteilt werden. Und eine kleine Szene, in der die drei Geschwister ausgelassen in einem Citroën DS über die Hafenstraße preschen und sich dann ins Wasser schubsen - sie stammt aus dem Film "Ki lo sa?', den Guédiguian mit den drei Darstellern in den Achtzigern drehte. Das Leben verwandelt sich in Materie, und, schrieb Roland Barthes, Materie ist viel magischer als das Leben.

Am Rande des Abgrunds bewahrt uns nur das Lachen vor dem Sprung, gibt Joseph einmal eine Lebensweisheit zum Besten - "ein chinesisches Sprichwort, eben von mir erfunden". Die unergründliche Heiterkeit dieses Films spart den Tod und die Todesgefahr und das Sterben nicht aus. Den Tod, der nur ein weiteres unbekanntes Terrain ist, das es zu erkunden gilt. Und wohin manche in aller Ruhe und furchtlos vorausgehen.

La Villa, F 2018 - Regie: Robert Guédiguian. Buch: Robert Guédiguian, Serge Valletti. Kamera: Pierre Milon. Schnitt: Bernard Sasia. Produktionsdesign: Michel Vandestien. Mit: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Jacques Boudet, Anaïs Demoustier. Film Kino Text, 107 Minuten.