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Künstliche Intelligenz:Lässt sich Kunst berechnen?

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Das Star-Wars-Spinoff "The Mandalorian" von Disney hatte den erfolgreichsten Serienstart seit "Game of Thrones", haben Queisser und sein Team berechnet.

(Foto: imago)

Tobias Queisser hat mit einem Raketenwissenschaftler der NASA eine Software entwickelt, die die Erfolgschancen von Filmen vorhersagt.

Der gebürtige Münchner Tobias Queisser lebt in Los Angeles und berät mit seiner Firma Cinelytic Hollywoodstudios wie Warner. Sein Versprechen: Mit einer Software, die sein Team und er entwickelt haben, lassen sich die Erfolgschancen von Filmen prognostizieren. Ein Gespräch über die Berechenbarkeit von Kunst.

SZ: Warum brauchen Produzenten Ihre Hilfe?

Tobias Queisser: Film ist von Natur aus ein riskantes Unterfangen. Es gibt kaum eine andere Investition mit einem so ungewissen Ausgang. Einen Film zu produzieren dauert im Schnitt zwei Jahre, und bis er komplett ausgewertet wurde, also vom Kino über DVD, Streaming und TV, vergehen noch mal drei Jahre. Das heißt, Sie warten in der Regel bis zu fünf Jahre darauf, dass Sie mit einem Film Geld verdienen. Da wäre es doch schon zum Zeitpunkt der Investition gut zu wissen, mit welchen Rückflüssen man rechnen kann, um dann zu entscheiden, ob sich ein Projekt lohnt. Oder ob man sagt: Kann man schon machen, aber wir müssen einen Weg finden, es für 30 Millionen zu drehen statt für 50, weil die Erfolgschancen ein Budget von 50 Millionen nicht rechtfertigen.

Und solche Überlegungen wurden in Hollywood bislang nicht angestellt?

Doch, natürlich. Aber viele Entscheider vertrauen immer noch auf ihr Bauchgefühl. Das ist auch in Ordnung. Aber was das Geschäftliche angeht, ist es doch wichtig, Risiken abzuwägen und Modelle zu bauen, um schon früh zu erkennen, was für ein Potenzial man haben könnte - oder eben nicht. Dafür wird in Hollywood bislang erstaunlich wenig moderne Technologie eingesetzt. Die Daten werden hier und da zusammengetragen. Es ist ein sehr altmodischer Aufwand, der da betrieben wird.

Sie kommen aus der Finanzbranche.

Film hat mich immer fasziniert, ich habe schon als Jugendlicher Kurzfilme gedreht, dann aber trotzdem Wirtschaft studiert. Anschließend habe ich achtzehn Jahre in London gelebt und war für zehn Jahre als Investmentbanker und Fondsmanager tätig. Als ich dann ins Filmgeschäft einstieg und Filme wie "Die dunkle Seite des Mondes" produzierte, fiel mir auf, dass die Datenanalyse im Vergleich zu anderen Industrien noch wenig Beachtung fand.

Und dann?

Ich habe darüber mit einem Kollegen gesprochen, der bereits mit einem Raketenwissenschaftler von der Nasa an Predictive-Forecasting-Modellen gearbeitet hatte, um den Erfolg oder Misserfolg von Filmprojekten mithilfe künstlicher Intelligenz zu errechnen. So haben wir zusammengefunden und Cinelytic gegründet.

Was genau können Sie anbieten?

Unser System kann unüberschaubare Datensätze zu brauchbaren Einblicken für die Praxis aufbereiten. Daraus kann man ableiten, ob das kalkulierte Budget eine sinnvolle Investition ist, wie und wo ich einen Film am besten vermarkte, wann der beste Zeitpunkt ist, ihn herauszubringen.

Ich bin also ein Hollywoodproduzent, abonniere Ihre Software und dann?

Sie planen zum Beispiel die Besetzung Ihres nächsten Films. Sie geben den Namen der Schauspielerin ein, die Sie sich für die Hauptrolle vorstellen könnten, den Namen des Regisseurs und so weiter. Die Plattform zeigt Ihnen, wie sich Ihr Gesamtpaket in dieser Konstellation entwickeln könnte, wie die Einnahmen im Kino und auf weiteren Auswertungswegen aussehen könnten, was Besetzungsalternativen wären. Wir liefern Daten zu über 550 000 Filmschaffenden, zu denen wir einen "economic score" berechnen, also wie diese Künstler sich in den vergangenen Jahren geschlagen haben. Das System bietet die Möglichkeit, das Bauchgefühl mit datenbasiertem Wissen abzugleichen.

Und am Ende steht eine Empfehlung?

Unser System gibt kein Ja oder Nein ab, es errechnet das wahrscheinlichste Szenario, und erlaubt dem Benutzer, zusätzlich alle Möglichkeiten vom besten bis zum schlechtesten Fall durchzuspielen. 90 000 Filme werden bis ins Detail analysiert, der Fokus liegt vor allem auf Filmen der letzten drei bis fünf Jahre. Der Nutzer kann analysieren, wie sich ähnliche Projekte geschlagen haben, welche Verleihstrategie gut lief, welche Vertriebspartner infrage kommen könnten.

Wie genau sind Ihre Prognosen?

Bei großen Hollywoodfilmen sind wir bei über 90 Prozent Genauigkeit, ansonsten bei 85 Prozent plus. Die Plattform sagt nicht direkt Hits oder Flops voraus, aber sie zeigt, in welche Richtung es geht.

Ein Beispiel bitte.

Ein Film wie der Blockbuster "Gemini Man" mit Will Smith, der ein Flop wurde, kam bei uns zwar noch ein bisschen besser weg als in der Realität. Aber man konnte schon im Vorfeld analysieren, dass es brenzlig werden würde, da bereits unsere Kalkulation der Einnahmen deutlich unter dem lag, was der Film gekostet hat. Die Probleme wären mit Cinelytic also schon vor Drehstart deutlich erkennbar gewesen.

Berücksichtigen Sie auch die Handlung eines Films bei Ihren Berechnungen?

Wir experimentieren in diesem Bereich, lassen das aber derzeit außen vor. Die Technologie ist noch nicht so weit, dass man errechnen kann, ob man ein gutes oder schlechtes Skript hat. Wir haben 19 andere Attribute, die für eine Prognose entscheidend sind. Zum Beispiel das Budget, das Genre oder die Länge des Films.

Die angepeilte Laufzeit eines Films gibt Auskunft über seine Erfolgschancen?

Tobias Queisser wurde in München geboren und arbeitete in London als Investmentbanker und Fondsmanager, bevor er ins Filmgeschäft einstieg. Er produzierte unter anderem „Die dunkle Seite des Mondes“.

(Foto: Privat)

Das gehört nicht zu den wichtigsten Kriterien, aber es hat sich gezeigt, dass erfolgreiche Horrorfilme eher um die 90 Minuten lang sein sollten, wohingegen ein Abenteuerfilm gerne 120 Minuten dauern darf. Aber wie gesagt, das ist eher ein untergeordnetes Kriterium. Wichtiger bleiben die Leute, mit denen Sie das Projekt besetzen.

Wie bewerten Sie die Branche derzeit?

In den USA hat Streaming das Kino bei den Einnahmen überholt. Bei Video-on-Demand, also iTunes und ähnlichen Anbietern, ist der Trend konstant, da ist kaum Wachstum zu verzeichnen. Die klassischen Heim-Medien wie DVD gehen Richtung null, sie spielen fast keine Rolle mehr. Das sind alles Dinge, die man bei der Planung eines Films berücksichtigen sollte.

Aber viele Filmemacher tun das nicht?

Besonders im Independent-Bereich kommt man als Produzent kaum an gute Daten, und so herrscht ein fast schon gefährliches Halbwissen über die Realitäten der Branche. Vor ein paar Jahren konnte man sich noch einigermaßen mit DVD-Erlösen über Wasser halten, aber das ist vorbei. Nur etwa dreieinhalb Prozent der Independent-Filme in den USA können ihre Investitionen wieder einspielen. Da kann unser System Transparenz schaffen.

Zahlen zum Kino kann man problemlos beziehen. Wie gehen Sie mit den Streaminganbietern um, die kaum Zahlen veröffentlichen, mit denen Ihre Software arbeiten kann?

Das war eine Herausforderung. Wir haben gesehen, wie stark der Streamingbereich wächst, und wie wenig Zahlen es dazu gibt. Deshalb suchten wir ein Pendant und sind mit Download- und Streamingdaten von illegalen Filesharing-Plattformen fündig geworden. Wir sammeln täglich über 120 Millionen Daten aus der ganzen Welt zum illegalen Filesharing und können daraus Rückschlüsse fürs legale Streaming ziehen.

Und diese Daten stimmen?

Wir haben das verglichen mit Zahlen von Filmen, die zugänglich sind, da waren die Trends fast identisch mit den illegalen Downloads. Deshalb funktioniert das auch beim Streaming, da können wir die reale und legale Nachfrage hochrechnen. So wissen wir zum Beispiel ohne offizielle Zahlen von Disney, dass die "Star Wars"-Serie "The Mandalorian" der erfolgreichste Serienstart seit "Game of Thrones" ist.

Auch in Deutschland?

Tja, Deutschland ist ein weißer Fleck, was die Datenlage angeht, weil hier kaum noch illegal gestreamt wird, seit es vor ein paar Jahren diese große Abmahnungswelle gab. Deshalb reichen die Zahlen oft nicht aus, um damit zu arbeiten.

Wie wird Corona Hollywood verändern?

Es kann gut sein, dass traditionelle Modelle wie zum Beispiel die bislang noch existierenden Zeitfenster zwischen Kino- und Heimauswertung durch Corona kürzer werden. Und bis vor ein paar Wochen haben viele in der Branche noch gejammert, dass Netflix und andere viel zu viel produzieren. Aber jetzt sieht es so aus, als wären die meisten Menschen spätestens in ein paar Wochen durch mit der Netflix-Mediathek. Ab dem Sommer wird es meiner Meinung nach einen großen Bedarf an neuen Produktionen geben - und wir könnten davon profitieren, dass die Studios noch mehr als zuvor auf Risikominimierung setzen werden.

© SZ vom 15.04.2020/khil
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