Wenn es ums Jammern geht, ist die deutsche Filmbranche absolute Weltspitze. Die staatliche Film- und Kinoförderung? Zu niedrig. Die Steuernachlässe für internationale Kinoproduktionen? Nicht konkurrenzfähig. Netflix & Co.? Sollten nach dem Willen von Großverbänden wie der Produzenten-Allianz oder dem Bundesverband Regie per Gesetz zu Investitionen in den deutschen Markt zwangsverpflichtet werden.
Ohne sich zu sehr in den Untiefen der deutschen Filmförderpolitik zu verheddern (das ist die Aufgabe des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer, der schon beeindruckend lange „zeitnah“ Lösungen verspricht): Die Forderungen nach besseren Fördermodellen und vor allem einer besseren Verteilung der staatlichen Subventionen sind teilweise durchaus sehr berechtigt. Es ging dem Filmstandort Deutschland im Sinne eines Wirtschaftsstandorts schon deutlich besser. Auch was Nachwuchsförderung und Jobsicherheit angeht, ist noch sehr viel Luft nach oben, große Studios wie das in Babelsberg sind schlecht ausgelastet.
Allein, die Lobby-Polemik vieler Interessenverbände hat in den vergangenen Monaten den Eindruck erweckt, der deutsche Film sei schon fast tot. Dieses Negativbild zu vermitteln, ist gerade in diesem Jahr besonders schade. Denn so blendend wie 2025 haben deutsche Filme sowohl im Kino als auch im Streaming lange nicht mehr abgeschnitten. Gerade jetzt im Herbst waren in mancher Woche die ersten fünf Plätze der deutschen Kinocharts alle mit deutschen Filmen belegt.
Was uns als Erstes zu der Bilanz der Komödie „Das Kanu des Manitu“ führt. Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Monsterhit mit dem „Schuh des Manitu“ hat Michael Bully Herbig eine Fortsetzung gedreht. Schon als er die Pläne dafür bekannt gab, quoll das Internet über vor Unkenrufen, dass der Cowboy-und-Indianer-Humor von damals sich kaum in die Gegenwart retten lasse – und dass Teil zwei garantiert nicht so erfolgreich sein werde wie das Original. Das hatte im Jahr 2001 knapp zwölf Millionen Zuschauer im Kino und ist damit der erfolgreichste deutsche Film der Post-Wende-Zeit.
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Diese zwölf Millionen Zuschauer als Messlatte für den Erfolg im Jahr 2025 zu verwenden, ist aber komplett weltfremd. Damals gab es noch keine Streamingdienste und keinen Serienboom. Dafür aber noch sehr viele Videotheken – und die Menschen gingen noch viel öfter ins Kino. Es war eine vollkommen andere Unterhaltungslandschaft.
Das muss man dringend im Kopf behalten, wenn man sich nun die neuen Zahlen anschaut. „Das Kanu des Manitu“ ist Mitte August im Kino gestartet. Am Sonntag hat der Film nun am 102. Tag seiner Auswertung die Marke von fünf Millionen Zuschauern geknackt. Ja, das sind fast sieben Millionen Zuschauer weniger als beim ersten Teil – und trotzdem ist das ein beachtlicher Erfolg.
Auch Arthouse-Filme wie „Amrum“ und „22 Bahnen“ laufen hervorragend
Allein dass ein Film fast vier Monate nach dem Start noch im ganzen Land im Kino läuft, gibt es fast gar nicht mehr. Viele Filme fliegen mangels Erfolgs schon nach dem ersten, spätestens nach dem zweiten Wochenende aus den Spielplänen. Das „Kanu“ hielt sich über Wochen und Monate konstant sehr gut. Es ist der erfolgreichste Film des Jahres am deutschen Boxoffice, und das mit Abstand. Zum Vergleich: Der zweiterfolgreichste Film an den deutschen Kinokassen ist in diesem Jahr die US-Produktion „Ein Minecraft Film“, die aber auf gut anderthalb Millionen Zuschauer weniger kommt.
So erfolgreich wie das „Kanu“ lief seit der Pandemie, von der sich die Besucherzahlen bis heute nicht ganz erholt haben, kein deutscher Film mehr im Kino. Platz eins wird Bully in diesem Jahr auch kein anderer Film mehr streitig machen. Es startet zwar noch der dritte „Avatar“, allerdings erst Mitte Dezember. Bis zum Jahresende wird dieser Blockbuster in Deutschland noch lange nicht so viele Zuschauer haben wie das „Kanu“ (falls überhaupt jemals). Sprich: Gemessen an den Marktbedingungen hat Bully ohne Wenn und Aber wieder einen Hit gelandet. Laut Blickpunkt Film liegen die Einnahmen des „Kanu“ bei mehr als 50 Millionen Euro. Da dürfte selbst nach Abzug des deutlich höheren Budgets (gemessen an Teil eins) noch ordentlich Gewinn übrig bleiben.
Das Schöne ist, dass es auch mehreren anderen deutschen Filmen gelingt, die Zuschauer in Massen ins Kino zu locken. „Die Schule der magischen Tiere 4“ bringt es auf aktuell ebenfalls eindrückliche 2,8 Millionen Zuschauer. Die Kinoreihe nach den Büchern von Margit Auer ist für die Münchner Leonine-Studios eine regelrechte Gelddruckmaschine geworden.
Und der neue „Pumuckl“-Film bewegt sich auf die Marke von einer Million Zuschauer zu. Er läuft, wie das „Kanu“, im Verleih der Münchner Constantin Film, die ein hervorragendes Kinojahr erlebt. Aktuell steht der Kobold bei etwa 800 000 Zuschauern. „Pumuckl“ dürfte aber noch einige weitere Wochen gut laufen. Er ist erst kürzlich gestartet, und Filme, die sich an Familien richten, haben oft besonders viel Boxoffice-Ausdauer, besonders wenn es kalt wird.
Aber auch Filme, die eher dem Arthouse-Segement angehören, laufen gut. Fatih Akins Weltkriegsdrama „Amrum“ und die Bestsellerverfilmung „22 Bahnen“ nach dem Roman von Caroline Wahl liegen ebenfalls um die 700 000-Zuschauer-Marke. Da kann man durchaus von richtigen Indie-Blockbustern sprechen, das sind für Filme jenseits des Kino-Mainstreams beachtliche Zahlen.
Klar, es gab auch veritable Flops. Das Remake der deutschen Coming-of-Age-Komödie „Mädchen, Mädchen“ zum Beispiel hat einfach überhaupt niemanden interessiert, weder die mittlerweile mittelalten Kenner des Originals noch die aktuelle Teenager-Generation. Aber ansonsten laufen selbst jene Filme, die keine ganz großen Hits sind, mindestens solide. Die Neuverfilmung von „Momo“ zum Beispiel oder die Komödie „No Hit Wonder“ mit Nora Tschirner und Florian David Fitz. Selbst sogenannte „Event-Starts“, die oft nur kurz im Kino laufen, schreiben gute Zahlen. Unter anderem die Dokumentation „50 Jahre Roland Kaiser“, die im Oktober kurz auf Platz eins der deutschen Kinocharts stand.
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Und im Streaming-Bereich? Erlebt der deutsche Film ebenfalls ein hervorragendes Jahr. Die Netflix-Thriller „Exterritorial“ von Christian Zübert (über 90 Millionen Klicks) und „Brick“ von Philip Koch (über 60 Millionen Klicks) stehen jetzt in den Top Ten der erfolgreichsten nicht englischsprachigen Filme in der Geschichte des Streamingdienstes. Das haben sie nur geschafft, weil sie auch außerhalb Deutschlands sehr viel angeschaut wurden. Das gilt auch für andere Netflix-Produktionen wie das Erotikdrama „Fall For Me“ und die Haftbefehl-Doku „Babo“, die ebenfalls internationale Hits sind. Das ist im Streaming natürlich leichter als im Kino; eindrucksvoll ist es trotzdem.
Natürlich ist es auch dem Zufall geschuldet, dass die genannten Filme im selben Jahr erschienen sind. Und natürlich lässt sich über die Qualität im Einzelnen durchaus streiten. Vollkommen objektiv festhalten lässt sich aber: Dieses Jahr ist ein völlig unanfechtbarer Beweis, dass der deutsche Film sich nicht, dem üblichen deutschen Jammerfetisch folgend, kleiner machen sollte, als er in Wahrheit ist.



