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"Jojo Rabbit" im Kino:Mein Freund Adolf

Filmstill

Wenn Jung-Nazi Jojo Betzler (Roman Griffin Davis) springt, ist sein imaginärer Kumpel Adolf (Taika Waititi) immer mit dabei.

(Foto: Verleih)
  • In "Jojo Rabbit" freundet sich ein Hitlerjunge mit einem imaginären Adolf Hitler an.
  • Scarlett Johansson spielt die Mutter des Jungen, die ein jüdisches Mädchen vor der Gestapo versteckt.
  • Das fertige Werk schwankt zwischen Humor und Ernst. Es hat begeisterte Zustimmung und harte Kritik ausgelöst.

Adolf ist für ihn da, wann immer er ihn braucht. Als Jojo sich für sein erstes Ferienlager beim Deutschen Jungvolk rüstet, gibt ihm sein ganz persönlicher Führer morgens vor dem Spiegel einen ordentlichen Pep-Talk: ermutigt ihn, baut ihn auf, zeigt ihm, wie ein strammes "Heil Hitler" zu klingen hat. Jojo gibt sein Bestes, ist aber doch zu mitfühlend für seine erste große Aufgabe - einem Kaninchen eigenhändig den Hals umzudrehen.

Danach verspotten ihn die anderen als "Jojo Rabbit", er sitzt weinend im Wald, doch Adolf ist zur Stelle. Grinsend spitzt der hinter einem Baumstamm hervor: "Armer Jojo, was ist los, kleiner Mann?" Er solle die Leute ruhig reden lassen, rät der große Motivator, sie hätten auch über ihn eine Menge Hässliches gesagt - geistesgestört, oh, ein Psycho, er wird uns noch alle umbringen ... Jojo atmet auf.

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"Das Vorspiel" mit Nina Hoss ist ein subtil inszeniertes und großartig gespieltes Psychodrama. Die Jugendroman-Verfilmung "Wolf-Gang" erinnert ein bisschen zu sehr an Harry Potter.

Es soll durchaus das echte Hitlerdeutschland sein, in das Taika Waititi in seiner Tragikomödie "Jojo Rabbit" hier eintaucht - aber der Mann, der den zehnjährige Johannes Betzler alias Jojo aufmuntert, ist doch nur imaginär. Adolf Hitler ist auch in diesem Satire-Universum zu wichtig, um mit einem ängstlichen Kleinstadt-Bubi abzuhängen. Trotzdem, im Geist ist Jojo ihm nahe. Hitler ist sein imaginärer Kumpel, sein Alliierter im Abenteuer, seine Papaersatzfigur, weil sein echter Vater doch seit zwei Jahren im Krieg verschwunden ist. Als der unsichtbare Freund den blond gelockten Jojo zu Beginn des Films fragt: "Jojo Betzler, was ist deine Seele?", antwortet dieser, ohne zu zögern: "Eine deutsche Seele!"

Nach dem Kaninchen-Debakel will Jojo (Roman Griffin Davis) es allen zeigen, was er für ein tapferer Vorzeige-Arier er ist: seinem besten Freund Yorki - der aussieht wie der kleine Junge aus dem Animationsfilm "Oben" und auch mindestens so lustig ist -, dem einäugigen Kommandeur des Ferienlagers, und überhaupt der ganzen Hitlerjugend. Beim Handgranatenwurf packt er sich als Erster eine Granate, rennt damit los, wirft sie mit Wucht, aber gegen den nächsten Baum ... als Jojo im Krankenhaus erwachte, ist die linke Seite seines Gesichtes mit hellrosa Narben neu sortiert.

Und dann funktioniert eigentlich gar nichts mehr für ihn. Zu Hause entdeckt er, dass seine Mutter, die strahlende Rosie Betzler, preisverdächtig von Scarlett Johansson dargestellt, eine 15-jährige Jüdin auf dem Dachboden versteckt hält. Elsa heißt das dünne braunhaarige Mädchen. Ihre Hörner, die Kiemen und ihre gespaltene Schlangenzunge - Merkmale, an denen man Jojos Wissen nach Juden erkennt - versteckt sie zwar erst mal überraschend gut. Auch, dass sie einer unterlegenen Rasse angehören soll, lässt sie Jojo nicht durchgehen: "Wir sind von Gott erwählt! Ihr seid von erbärmlichen kleinen Männern erwählt, die sich nicht einmal einen richtigen Bart wachsen lassen können."

Immerhin hat Jojo noch seinen Adolf, der im Kinderzimmer abhängt und ihm mit nützlichen Ratschlägen zur Seite steht: "Brenn das Haus nieder und häng es Winston Churchill an!" Und noch hat er die Gewissheit, auf der richtigen, der Gewinnerseite des Krieges zu stehen. Dass Mama Betzler da offenbar anderer Meinung ist, daran knabbert Jojo. Gerade auch, weil sie sonst so fantastisch ist, wirklich eine tolle Mutter, so etwas hat das Kino selten gesehen. Liebevoll steht sie für ihn auf und ein. Aber vor allem ist sie lustig, ohne tantig zu wirken, wach, smart. Und viel zu schön.

Natürlich werden das Germanentum, der Totalitarismus, der Rassismus und damit auch der imaginäre Adolf im Lauf der Komödie entzaubert, sie zeigen ihr wahres, eifersüchtiges, todbringendes Gesicht. So transportiert "Jojo Rabbit" die gefährliche Faszination, die der Nationalsozialismus nicht nur auf junge Seelen haben konnte, viel charmanter und effektiver, als Schwarz-Weiß-Dokumentation mit einem brüllenden Typen vor Soldatenhorden und Taschentuch schwenkenden jungen Frauen das heute noch können.

Die Diskrepanz zwischen Hihi-Gefühl und beinhartem Nazigeplapper zeigt Wirkung

Was für einen guten Film schon reichen würde. Allerdings gibt sich der neuseeländische Regisseur Taika Waititi, der sich selbst als polynesischen Juden einordnet, damit nicht zufrieden. Waititi hat nicht nur das Drehbuch selbst geschrieben, lose angelehnt an Christine Leunens' Roman "Caging Skies", sondern auch den imaginären Hitler dargestellt. Das macht er sehr lustig, Vergleiche mit Charlie Chaplins "Großem Diktator" sind nicht ganz aus der Luft gegriffen. Wirklich mutig wäre es aber gewesen, diesen brillant deplatzierten Feelgood-Ton bis zum Ende durchzuziehen. Die Diskrepanz zwischen dem Hihi-Gefühl und Jojos beinhartem Nazi-Geplapper schlägt einem so schon auf den Magen. Stattdessen lässt Waititi, der bisher Filme wie "What we do in the Shadows" oder "Thor: Ragnarok" gedreht hat, das Drama in seinen Film einziehen - er buchstabiert die Schwere für uns aus.

Dabei ist der Übergang aber nicht richtig stimmig, vielmehr hat man das Gefühl, auf einmal in einem ganz anderen, etwas schmalzigen Film zu sitzen - der dann wieder in die Komödie umschlägt. Es ist ein schnelles Hin und Her, ein emotionales Pingpong, bei dem man als Zuschauer etwas ratlos zurückbleibt.

Da wird etwa Jojos Zuhause von der Gestapo durchsucht. Ein ernster Vorgang für Jojo und Elsa, der aber durch jede Menge temporeiche "Heil Hitlers" aufgelockert wird - sowie den Hinweis, der Mythos um Hitlers einzelnes Ei sei Quatsch, in Wahrheit habe er vier. Nächste Szene: ein erbarmungsloser Stimmungsabfall durch das traurigste Ereignis, das einem kleinen Jungen passieren kann. Keine fünf Minuten später - gerade, wenn man denkt, aha, es hat sich ausgelacht, das ist Jojos neue, harte Realität - treffen sich Jojo und Yorki im militärischen Kampfgeschehen zufällig wieder. Yorki gibt eine kurze und erstaunlich hellsichtige Nachhilfestunde in Kriegsstrategie, dann quatschen sie noch über Mädels und "Giiirlfrieends": Insgesamt recht fröhlich. Nur um dann natürlich wieder traurig zu werden. Und dann wieder fröhlich. Traurig, fröhlich. Verwirrt.

Waititi wusste, dass diese Mischung nicht ganz einfach werden würde. Er berichtet, dass sein offenherziger Pitch an die Geldgeber - "eine unbeschwerte Betrachtung der Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs" nicht gut angekommen wäre. Fünf Jahre musste er warten, bis Fox Searchlight den Sprung gewagt hat. Das fertige Werk hat nun beides ausgelöst, begeisterte Zustimmung und harte Kritik. Sechs Nominierungen bei der Oscarverleihung Anfang Februar zeigen aber, dass sich das Wagnis für Taika Waititi und seine Mitstreiter auf jeden Fall gelohnt hat.

Jojo Rabbit, USA/D/Tschechien 2019 - Regie und Buch: Taika Waititi. Kamera: Mihai Malaimare Jr. Mit Roman Griffin Davis, Waititi, Sam Rockwell, Scarlett Johansson. Fox/Disney, 108 Min.

© SZ vom 23.01.2020/khil
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