Gaspar Noé im Gespräch "Ein Eklat ist per se nutzlos"

Ein Regisseur als DJ: Cameoauftritt Gaspar Noés in "Climax".

(Foto: Wild Bunch Distributions)

Gaspar Noé gilt als einer der umstrittensten Regisseure des Kinos. Sein neuer Film "Climax" erhält nun aber viel Lob. Ein Gespräch über Provokation und ihren Zweck.

Interview von Paul Katzenberger

Für die einen sind Filme wie "Irreversible" oder "Menschenfeind" revolutionäre Bravourstücke, die neue Horizonte eröffnen. Für die anderen sind sie vor allem anstößige Provokationen. Nun kommt Gaspar Noés neuer Film "Climax" in die Kinos, und auch hier gibt es wieder etliche Gewaltszenen und jede Menge erotischer Körperlichkeit zu sehen. Eine Gruppe junger Tänzer quartiert sich Mitte der Neunziger in der französischen Provinz ein, um sich auf eine anstehende US-Tournee vorzubereiten. Erst läuft alles normal, die letzte Probe gerät zum Triumph der Tanzeskunst, doch die anschließende Party entwickelt sich zum gewaltvollen Exzess: Unter Alkohol- und Drogeneinfluss entladen sich gnadenlos Gefühle der einzelnen Gruppenmitglieder, die vorher nur unterschwellig vorhanden waren.

SZ: Sie werden oft als Skandal-Filmemacher bezeichnet. Warum reizt es Sie so sehr, Leute zu provozieren?

Gaspar Noé: Es liegt mir fern, Skandale zu verursachen. Denn ein Eklat ist per se nutzlos. Es geht mir vielmehr darum, das Leben darzustellen, wie es ist, und dazu gehören auch seine Härten. Ich bin als Jugendlicher sozialisiert worden mit Filmen von Fassbinder, Pasolini, Scorsese und Cronenberg, die unser Dasein in all seinen Facetten schonungslos in ihren Filmen beschrieben haben. Das tut das kommerzielle Kino heute nicht mehr mit derselben Geradlinigkeit. Ich habe das Gefühl, dass meine Filme heute skandalöser wirken, als sie es in den Siebziger- oder Achtzigerjahren getan hätten.

Kann man nicht auch Filme über das Leben drehen, die subtiler sind als Ihre und möglicherweise gerade dadurch sehr ehrlich?

Natürlich. Es gibt sehr feinsinnige Filme, die mich begeistern. Und trotzdem ist immer alles eine Frage der Perspektive. "Tag der Rache" von Carl Theodor Dreyer zum Beispiel ist ein unglaublich nuanciertes Meisterwerk über die Inquisition. Doch als der Film 1943 herauskam, galt er als radikal. Nur weil er soziale Verwerfungen und Gewalt nüchtern darstellte. Gewalt- oder Sexszenen, wie sie heute normal sind, fehlten damals noch komplett. Aber es wird gezeigt, wie eine alte Frau als Hexe auf dem Scheiterhaufen landet. Wegen dieser Szene sind damals vermutlich viele Leute aus dem Film geflohen.

Kino Dieser Film ist ein Kondom
Neu im Kino: "Love"

Dieser Film ist ein Kondom

Sein neuer Film "Love" schwankt zwischen Liebesmelodram und 3D-Porno. Eine Begegnung mit Regisseur Gaspar Noé, der letzten Skandalfigur des Autorenfilms.  Von David Steinitz

Auch in "Climax" schrecken Sie nicht vor der Darstellung extremer Situationen zurück. Warum ist das notwendig? Kommt man der Wahrheit näher, wenn Menschen ihre Hemmungen verlieren?

So weit will ich gar nicht gehen. In "Climax" geht es schlicht und einfach um Alkohol. Die schlimmsten Situationen habe ich in Klubs und Kneipen erlebt, in denen Menschen zu viel getrunken haben. Plötzlich beleidigten sie ihre Partner, oder sie fingen Streit mit irgendwelchen Leuten an, die gerade neben ihnen standen. Am nächsten Tag haben solche Leute einen Blackout, vermutlich auch, weil sie sich nicht eingestehen können, dass sie die Kontrolle verloren haben.

Aber Menschen verändern ihr Verhalten unter Alkoholeinfluss ja in sehr unterschiedlicher Weise. Nicht jeder wird aggressiv.

Das zeigt "Climax" ja auch. Manche verlieren die Kontrolle stärker oder geraten mehr in Panik als andere. Der Film ist kein politisches oder moralisches Statement - vielmehr geht es mir um die Ambivalenz des Menschen. Ein und dieselbe Person, die wir sonst etwa als sehr konstruktiv wahrnehmen, findet sich plötzlich in einer Situation wieder, in der sie den Verstand verliert. Das mag ich zum Beispiel an den Filmen von Douglas Sirk, der viele Remakes amerikanischer Melodramen drehte, die deutlich besser waren als das Original. Denn er brach die Dichotomie zwischen dem entweder guten oder bösen Protagonisten auf, die typisch für Hollywood ist. Im echten Leben haben die Menschen aber verschiedene Gesichter. Also muss man mindestens zwei ihrer Seiten zeigen, denn je nach Persönlichkeit oder Situation handeln Menschen nun mal unterschiedlich.

In "Climax" scheint das Böse aber die Oberhand zu gewinnen.

Ich würde das nicht so kategorisch einteilen. In Hollywood-Filmen wird dem Publikum gesagt, wer die Guten sind, oder wer die Bösen. Und damit die Zuschauer gut gelaunt aus dem Kino rausgehen, sterben vor dem Ende des Films jene Protagonisten, die als bösartig oder egoistisch dargestellt wurden. In "Climax" sterben eher die mit der fragilsten Persönlichkeit.

Was einen beklemmen kann. Gibt es denn Filme, die Ihnen selbst Angst einjagen?

Als Filmemacher weiß ich ja sehr gut, dass Filme eine Illusion erzeugen. Horrorfilme flößen mir daher meistens keine Furcht ein. Der einzige Film, der mich in letzter Zeit wirklich beunruhigt hat, war "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" von Cristian Mungiu (Goldene Palme in Cannes 2007, Anm. d. Red.) - ein sehr behutsamer Film und gleichzeitig extrem verstörend. Es gibt eine Einstellung, in der eine Abtreibung gezeigt wird, die wirklich schockierend ist. Aber ich denke, sie war notwendig, um zum Kern der Geschichte vorzustoßen.

Ihnen hingegen unterstellten Kritiker oft, einfach nur durch Brüskierung Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen.

Natürlich bin ich von meiner Persönlichkeitsstruktur her jemand, der gerne Grenzen auslotet. Ich liebe zum Beispiel schwarzen Humor, und Filme interessieren mich vor allem dann, wenn sie mich aufwühlen, wenn ich weinen muss, wenn ich lachen muss, oder sie meinen Horizont in unerwarteter Weise erweitern. Mein Geschmack weicht wahrscheinlich sehr von dem ab, was einem Mainstream-Publikum gefällt. Ich werde immer wieder aufgefordert, mir Filme anzusehen, die gerade im Gespräch sind, aber wenn ich mich dann damit näher befasse, lande ich immer in Filmen von Todd Solondz oder Ulrich Seidl.

Beide Regisseure sind bekannt für ihre kontroversen und teilweise verstörenden Filme. Glauben Sie, dass Sie den beiden als Mensch ähnlich sind?

Das weiß ich nicht. Es wird aber behauptet, dass Filmregisseure, die extreme Filme machen, eine glückliche und behütete Kindheit hatten. Das trifft auf mich zu. Ich hatte sehr liebevolle Eltern. Hätte ich mit Traumata aus meiner Kindheit zu kämpfen, würde ich es vermutlich vermeiden, Filme zu machen, bei denen Dinge außer Kontrolle geraten. Wer selbst keinen Halt hat, will das nicht unbedingt der ganzen Welt in einem Film zeigen.