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Kino in Russland:Die Schlacht der Höflinge

Russlands Regierung verbietet die britische Politsatire "The Death of Stalin". Das bitterböse Drama um die Machtkämpfe unter Stalins Nachfolgern entehre die Symbole des Landes und würdige es herab, heißt es.

Stalin darf nicht sterben. Jedenfalls nicht im Kino, jedenfalls nicht so, vor allem aber: nicht jetzt! An diesem Donnerstag sollte in Russland eigentlich die britische Komödie "The Death of Stalin" anlaufen, eine Satire über den Tod des Tyrannen und die Machtkämpfe seiner Nachfolger. Doch im letzten Moment hat das Kulturministerium die bereits erteilte Lizenz wieder zurückgenommen. Ein Filmstart am Vorabend des 2. Februar, an dem sich das Ende der Schlacht von Stalingrad zum 75. Mal jährt, sei unpassend, teilte das Ministerium mit.

Von Frevel ist die Rede und davon, dass der Film nicht nur Stalin lächerlich mache, sondern die gesamte sowjetische Geschichte, den Sieg über den Faschismus und alle Menschen, die in dieser Epoche gelebt haben. Eine finstere Epoche war das vielleicht für westliche Historiker, in vielen russischen Lehrbüchern wird neuerdings aber wieder die Industrialisierung gefeiert, mit der Stalin aus einem Agrarstaat eine Atommacht geschmiedet habe. Dass auf seinem Amboss dabei Millionen geopfert wurden - erschossen, deportiert oder in Arbeitslagern zugrunde gerichtet -, ist kaum mehr als eine Fußnote wert.

Im Wettlauf der Empörten sprachen die Kommunisten von einer "neuen Form der psychologischen Kriegsführung gegen unser Land"; die Rolle Russlands in der Welt solle geschmälert werden, sagte Sergej Obuchow, Sekretär des Zentralkomitees der KPRF. Der Kulturminister Wladimir Medinskij brachte sogar das Kunststück zustande, den Respekt vor Stalins Opfern als Grund vorzuschieben.

Der Minister verweist auf "Beschwerden von Bürgern" - ganz wie früher die Sowjets

"The Death of Stalin" ist das Werk des Schotten Armando Iannucci. Er hat genialisch-komische Figuren wie den dauerfluchenden Spin Doctor "Malcom Tucker" in der britischen Serie "The Thick of it" geschaffen, aber in "Stalin" steht noch mehr auf dem Spiel - im Diadochen-Chaos der Nachfolger kann jeder falsche Schachzug auch den letzten Atemzug bedeuten.

Jede einzelne Rolle ist großartig besetzt: Simon Russell Beale spielt den mörderischen Geheimdienstchef Beria als giftige Kröte; Michael Palins Molotow ist ein armseliger, vom Amt ausgelaugter Apparatschik; Steve Buscemi ist kaum wiederzuerkennen als kahlköpfiger Chruschtschow, der anfangs verängstigt, dann immer rücksichtsloser agiert. All diese ergrauten Höflinge werden gnadenlos vorgeführt in ihrer Machtgier und Inkompetenz.

Das verstört nun offenbar die Russen. "Bei uns gibt es keine Zensur, aber es gibt moralische Grenzen zwischen einer kritischen Analyse der Geschichte und ihrer Verhöhnung", sagte Kulturminister Medinskij am Dienstag. Noch im November hatte er alle Verbotsgerüchte bestritten: "Bei uns herrscht die Freiheit des Wortes."

Nun seien aber Beschwerden von Bürgern eingegangen, die nicht ignoriert werden könnten. Diese Begründung des Verbots erinnert an eine sowjetische Tradition: Deren Führung hatte Verbote und Einschränkungen ebenfalls nur "auf vielfachen Wunsch der Werktätigen" verhängt. Eine Kommission des Ministeriums argumentierte wiederum formaljuristisch: Im Film würden die Hymne, Medaillen und staatlichen Symbole geschändet. Im Post-Krim-Russland kann das schon reichen für ein Verfahren wegen "Extremismus".

Der schottische Filmemacher Iannucci hofft trotz allem, dass sein Werk noch in den russischen Kinos zu sehen sein wird. Alle Russen, denen er "The Death of Stalin" gezeigt habe, so der Regisseur, hätten gesagt, er sei witzig, aber wahr.

© SZ vom 25.01.2018
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