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Kino:In der Höhe des Nordens

Thomas Arslans "Helle Nächte" führt nach Norwegen und ist eine Fahrt in die Monotonie. Doch die Schauspieler Georg Friedrich und Tristan Göbel wissen ihre Zeit zu nutzen.

Es gibt eine Schule der Dramaturgie, in der die Wiederholung eigentlich verboten ist, bestenfalls ein Unfall. Aber tut man ihr damit nicht unrecht? Im Leben geben Wiederholungen Struktur und Sicherheit; in der Kunst können sie zwar quälen und abstoßen, die Unerschrockenen aber auch in verborgene Reiche führen, jenseits der Doktrin des ewigen Voranschreitens - etwa in den tranceartigen Erfahrungen der Minimal Music.

In Thomas Arslans Film "Helle Nächte" wiederholt sich einiges. Die schier endlosen Autofahrten durch die Landschaft Norwegens, die mühevollen Gesprächsversuche zwischen Vater und Sohn, die schlaflosen, weil hellen Nächte in der sommerlichtverwöhnten Höhe des Nordens. Nach einer Stunde etwa treibt es der Regisseur symbolisch auf die Spitze. Kurve um Kurve um Kurve um Kurve gleitet das Auto der beiden Reisenden eine schmale Straße hinauf in Geröllberge. Vier Minuten lang dauert diese Inszenierung, das muss man sich erst einmal trauen. Eine Fahrt in Monotonie, in der auch die Geräusche bald am Wegesrand zurückbleiben und die Musik sich zum Ton reduziert. Den Rest erledigt der Nebel, der tut, was er am besten kann, er vernebelt die Sinne.

Die Ruhe des Films braucht einen Widerpart - einen wie Georg Friedrich

Die Themen der Geschichte sind zu diesem Zeitpunkt bereits verhandelt, entsprechende Andeutungen gab es wiederholt. Es geht um Verantwortung und Empathie, vor allem aber geht es um die Frage, was es bedeutet, Vater zu sein. Der verschlossene Michael (Georg Friedrich) hat da in seiner Vita Probleme. Die Entfremdung von seinem eigenen Vater kann er nicht mehr korrigieren, denn der ist gerade gestorben. Das erfährt Michael zu Beginn. Als Bauingenieur arbeitet er in Berlin, seine größte Baustelle ist die eigene Gefühlswelt. So distanziert sein Verhältnis zu seinem Vater war, so kaputt ist auch jenes zu seinem Sohn Luis (Tristan Göbel). Mit dem getrennt von ihm lebenden 14-Jährigen reist Michael zum Begräbnis nach Norwegen, wohin sich der alte Mann zuletzt zurückgezogen hatte.

Film "Helle Nächte"

Ein entfremdeter Sohn (Tristan Göbel) auf der Suche nach sich selbst.

(Foto: Piffl)

Und weil der Mensch ja häufig so seine Schwierigkeiten damit hat, familiäre Kreisläufe zu durchbrechen, ergibt die Wiederholung als Stilmittel durchaus Sinn. Das gnadenlose Anschweigen, das Aneinandervorbeistarren, die bohrenden Déjà-vus. Im Takt von Motoren und Wanderschritten, bei der Bewegung der Außenseiter im Raum darf sich das magnetische Spiel aus Anziehen und Abstoßen, Anziehen und Abstoßen entfalten. "Helle Nächte" ist nicht nur ein sehr rhythmischer Film, er ist auch äußerst langsam erzählt.

Film "Helle Nächte"

Wie sein Sohn ist auch der Vater (Georg Friedrich) ein Suchender. Die beiden starken Schauspieler tragen Thomas Arslans Film "Helle Nächte", und die Landschaften Norwegens helfen auch mit.

(Foto: Piffl)

Aber die glaubhafte zwischenmenschliche Annäherung braucht eben ihre Zeit. Arslan nimmt sich diese Zeit, beziehungsweise gibt sie seinen Figuren. Er ist ein Meister darin, im minimalen Voranschreiten der Ereignisse die Handelnden maximal interessant zu machen, und zwar ohne sie auszuerzählen.

Dennoch braucht es einen Widerpart, einen Brecher, ein überraschendes Moment. Einen wie Georg Friedrich. Der 50-jährige Wiener, der für seine Rolle auf der Berlinale im Februar mit dem Silbernen Bären als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, spricht schon mit seiner ganzen Persona jeder Idee der Vorhersehbarkeit Hohn. In Friedrich-Filmen kann alles passieren. Der Mann hat Kühle und Verletzlichkeit im Blick, oft ist er eine Art Reaktionsbeschleuniger, der Katalysator überraschender Wendungen in der Handlung. In seinem Regiedebüt "Wilde Maus" setzte Josef Hader Friedrich etwa ein, um seinen Helden aus dem bürgerlichen Leben zu entführen, Rachefantasien aufblühen zu lassen. Und in "Der Hund begraben" hat nicht nur der gebeutelte Protagonist, gespielt von Justus von Dohnányi, sondern auch der Zuschauer bis zum Schluss keine Ahnung, ob Friedrich ein Guter oder ein Böser ist oder beides zugleich.

In "Helle Nächte" gibt es wieder so einen Georg-Friedrich-Moment. Da sitzen sich Vater und Sohn in einem Campingcafé gegenüber und tun, was sie eigentlich nicht können - sie reden miteinander. Über Luis' Mutter, über sein Leben. Zunächst ist Friedrichs Stimme ganz sanft, beinahe hoch, doch dann kippt sie, er wird laut, von jetzt auf gleich zieht Gefahr in seinem Gesicht auf, das Potenzial einer Gewaltbereitschaft, die sich dann nicht entlädt. Tristan Göbel, der kürzlich als Maik seinen großen Kinoauftritt in der Verfilmung von "Tschick" hatte, ist dabei ein herausfordernder Gegenpart. Sein unsicheres Hin und Her zwischen Störrigkeit und unbestimmter Sehnsucht hält ihn im Spiel.

Thomas Arslan ist nah dran an seinen Protagonisten. Nach "Gold", seiner verhältnismäßig groß angelegten Pioniererzählung im amerikanischen Westen, kehrt er zurück zum Persönlichen und zum Zwei-Personen-Stück. Was beide Filme verbindet, zwischen denen vier Jahre liegen, sind die Weite der Natur und die staunenswerten Landschaftsbilder sowie die Erkenntnis, wie wenig bei der gemächlichen Fortbewegung geschieht, wie viel dagegen in der emotionalen Entwicklung der Figuren. Arslan, Jahrgang 1962, gilt seit seiner von seiner türkischen Herkunft geprägten Berlin-Trilogie - "Geschwister - Kardeşler", "Dealer", "Der schöne Tag" - als wichtiger Vertreter der Berliner Schule, die sich den vielen Anbiederungstendenzen im deutschen Kino seit Mitte der Neunzigerjahre entschieden widersetzt. Auch Arslans frühere Filme waren schon Statements gegen das Diktat von Erzählhektik und Spannungsdramaturgie, da setzt "Helle Nächte" einen entschiedenen Weg fort - und vertieft ihn. Auch das kann eine Funktion der Wiederholung sein.

Helle Nächte, D/Norwegen 2017 - Regie und Buch: Thomas Arslan. Kamera: Reinhold Vorschneider. Mit Georg Friedrich, Tristan Göbel, Marie Leuenberger. Verleih: Piffl, 86 Minuten.

© SZ vom 11.08.2017

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