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Kino:Im Verdauungstrakt des Genies

Willem Dafoe als geplagter Vincent Van Gogh, hier bereits nicht mehr im Vollbesitz seiner beiden Ohren.

(Foto: DCM)

Der Regisseur Julian Schnabel erkundet in seinem Spielfilm "Van Gogh" die Abgründe des Malers - zumindest versucht er es.

Es ist so eine Sache mit dem Genie und dem Wahnsinn, bis heute rätselt die Kunstwelt, was denn nun genau mit dem visionären Maler Vincent van Gogh los war. Epilepsie, Borderline-Symptomatik, bipolare Störung? Man weiß es nicht. Nur dass es ihm insgesamt nicht so gut ging, steht fest. Er war ein Archetypus des leidenden Genies. Als solcher geistert er schon lange auch durch Film und Fernsehen. In einer Episode der BBC-Serie "Doctor Who" etwa schleppt der Doktor den Maler mithilfe einer Zeitmaschine ins Pariser Musée d'Orsay in eine gegenwärtige Ausstellung seiner Kunst. Dort kann der zeit seines Lebens missachtete Maler seinen Nachruhm mit eigenen Augen bestaunen und vor Dankbarkeit überwältigt einem Kunstkritiker in die Arme fallen. Eine schöne Szene, nur sind Maler, die mit Tränen der Dankbarkeit in den Augen Kunstkritikern in die Arme fallen, doch recht unrealistisch.

Der rumänische Philosoph Émile Cioran schrieb 1973: "Die meisten Randalierer, Visionäre und Retter sind entweder Epileptiker gewesen oder litten an Verdauungsstörungen. Über die Vorzüge der Fallsucht herrscht Einmütigkeit, hingegen wird den gastrischen Leiden weniger Verdienst zuerkannt. Und doch gibt es nichts, das mehr zum allgemeinen Umsturz einlädt als eine Verdauung, die sich nicht vergessen lässt." Tatsächlich, van Gogh litt unter schlechter Verdauung.

Julian Schnabel dagegen sieht so aus, als liefe es ganz gut mit seinem Magen. Der amerikanische Maler und Regisseur hat Vincent van Gogh einen Spielfilm gewidmet. "Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit" sollte, so Schnabel, keine "forensische Biografie" werden, sondern ein bewegtes Bild des Malers durch den Maler. Der Film basiert auf echten Briefen und Begebenheiten, zeigt aber auch frei erfundene Szenen. Gespielt wird van Gogh von Willem Dafoe. Eine exzellente Wahl, obwohl der Schauspieler mit seinen 63 Jahren rund zweieinhalb Jahrzehnte älter ist als van Gogh gegen Ende seines Lebens.

Ein Genie porträtiert ein Genie, und die Zuschauer sollen in Ehrfurcht erstarren

Schnabel gibt sich nicht mit Kleinkram zufrieden, er will so dicht wie möglich ran an seinen Protagonisten. Stank van Gogh? Was las er? Hat er sich nicht umgebracht, sondern wurde von zwei Burschen versehentlich angeschossen? War er gar Jesus?

Das sind nur einige der Fragen, die der Film streift. Nun sind Künstler in existenziellen Problemsituationen sowieso Schnabels Ding. Sein Zugriff auf Geschichten ist oft sehr großkünstlerhaft. Seine Filme verbinden eine betont kunstfilmhafte Ästhetik mit Arthouse-Schauspielkunst: schöne Bilder, großes Leid, überwältigende Gefühle. Was Schnabels Werk zuweilen fehlt, ist Raum für Mehrdeutigkeiten, für (schöne) Zufälle, die Freiheit, die einem erlaubt, als Zuschauer an der Geschichte teilzuhaben. So aber wird sie durch die Erzählung vom gebeutelten Überkünstler erstickt.

Darum wirkt der Film, der sich neben den Bildern des Malers (und den Landschaften, die sie inspiriert haben) vor allem auf das psychische Leiden und die aus Tagebüchern rekonstruierte Vision seines Helden konzentriert, auf avantgardistische Weise hohl wie eine Hollywoodklamotte. Wie ein Überraschungsei, das vielversprechend klappert, aber dann ist doch keine Figur drin. Die Umsetzung ist ästhetisch ansprechend, aber öde. Der große Künstler muss ein großer Leidender sein, und wenn in experimentelleren Filmen gelitten wird, oder schlimmer noch, einer psychisch krank ist, heißt das zumeist: Wackelkamera. Hier wackelt die Kamera aber nicht nur während van Goghs Psychosen, sondern auch, wenn er in seinem Zimmer aus dem Fenster schaut. Sie wackelt vor und zurück, mit und ohne Sinn. Man fühlt sich als Zuschauer, als läge man besoffen auf dem Boden und versuche zwei Stunden vergeblich aufzustehen.

Manchmal wird der Film kurz schwarz-weiß, die Kamera versucht, mit einer Kutsche mitzuhalten, die immer wieder aus dem Bild fährt. Mads Mikkelsen als Priester wird konsequent aus nur drei Zentimetern Abstand gefilmt. Alle sind immer gemein zu van Gogh, seine engeren Beziehungen bleiben ohne Tiefe. Warum er traurig ist, als sein Freund Paul Gauguin ihn verlässt, bleibt unklar. Die Dialoge sind behäbig, gestelzt, wie beim ersten Probesprechen von Laienschauspielern rezitiert. Schnabel will die Verzerrung der Welt durch den Wahnsinn nachempfindbar machen, aber die Wahl seiner Mittel ist beliebig und klischeehaft. In der neuen Dokuserie "Our Planet" fallen in einer Szene Seerobben von Felsen, die sie nie hätten erklimmen sollen, graue, weiche Körper, die sich überschlagen, und gleich den Robben purzelt van Gogh seinem Ende entgegen. Er hat es sehr schwer, reibt sich Erde ins Gesicht, wirft die Arme hoch. Vergeblich.

Wer denkt, in diesem Text würde zu oft erwähnt, dass van Gogh ein leidender Künstler war, sollte mal den Film abwarten. In einem Interview sagte Schnabel, seine Maltechnik sei ähnlich wie die van Goghs. Es sei eine ganze Reihe von Bildern extra für den Film gemalt worden. Schnabels Filme und Statements vermitteln den Eindruck, dass da jemand, der sich für ein Genie hält, in den Dialog mit anderen leidenden Genies treten möchte. Das wiederum will er dem Pöbel huldvoll darbringen, der dann über die tiefen Seelen der Künstler staunen darf. Sonst sagt Schnabel in Zusammenhang mit seinem Film fast nur banale Hollywoodsätze. Bemerkenswert, angesichts der Tatsache, dass hier jemand mit dem Anspruch antritt, sich mit seiner ganzen künstlerischen Kraft einer "Mission Impossible" zu stellen. Vor diesem Film erschien es nahezu unmöglich, van Gogh aus seinem Mythosgefängnis zu befreien. Nach diesem Film erscheint es endgültig unmöglich.

At Eternity's Gate , USA/F 2019 - Regie: Julian Schnabel. Buch: Jean-Claude Carrière, Louise Kugelberg. Julian Schnabel. Kamera: Benoît Delhomme. Mit: Willem Dafoe, Oscar Isaac. DCM, 110 Minuten.