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Kino im Senegal:"Wir wollen ihnen den Reichtum dessen zeigen, was sie haben"

Goree (bezogen über Sonja Zekri

In der vernachlässigten Region Casamance im Süden Senegals herrscht weder Krieg noch Frieden. Ausgerechnet hier planen Vater und Sohn ein Kino für 500 Zuschauer und eine Filmhochschule.

(Foto: Le Sitoe)

Der ästhetische Kern des Curriculums geht zurück auf die "visuelle Anthropologie", die Vater und Sohn geprägt hat, vor allem auf das Werk des französischen Dokumentarfilmers Jean Rouch. In Filmen wie "Die Herren des Wahnsinns" zeigte Rouch einen durch keinerlei postkolonialen Diskurs angekränkelten, aber gerade deshalb überraschend authentischen Zugang zum afrikanischen Alltag: Animismus, blutige Rituale, Leben am Fluss. Die Schule in Casamance, so die Hoffnung der Ramakas, wird die jungen Afrikaner lehren, ihre Welt so klar und direkt zu beschreiben und, natürlich, auch zu gestalten. Die Hälfte der Studenten sollten Frauen sein, die Großthemen lauten unter anderem "Die Erde zum Sprechen bringen", "Die Casamance-Region neu erfinden", "Frauen an der Kamera".

Joe Ramakas Sohn Yanis, 28, hat Deutsch gelernt, weil er hoffte, Hegel zu verstehen, und in einem Kino-Restaurant würde er gern die regionale Küche zur Geltung bringen, eigentlich alles, was junge Menschen davon abhält, Senegal zu verlassen: "Wir wollen ihnen den Reichtum dessen zeigen, was sie haben", sagt er. Dass er selbst meist in Paris lebt, ändert an diesem Ziel nichts.

"Im Moment ist es doch so: Wer gehen kann, der geht", sagt Joe Ramaka. Wer aber eine Zukunft sieht, der bleibt. Zum Beispiel als Filmemacher. Das große Kinosterben hat in Dakar nur eine Handvoll Kinos übrig gelassen, als Abspielflächen für Blockbuster aus Hollywood und Frankreich. Für die einstige Kolonialmacht Frankreich ist Senegal ein Herkunftsland für Flüchtlinge, aber auch ein großer Markt, das wissen die beiden. Und es ärgert sie.

Sie greifen nach den Sternen und glauben an das Unmögliche

Deshalb unterlaufen sie die kommerzielle Wucht mit dem Eigensinn des Kinos: "Wir sind davon überzeugt, dass unser Kinoprojekt wichtig ist für den Geist des Friedens in dieser schwankenden Region", sagt Joe Ramaka. Die Regierung Senegals haben sie mit diesem Argument überzeugt: 114 000 von 760 000 Euro für Bau und Ausrüstung wurden bereits bewilligt.

Es fehlen aber noch Sponsoren für alles, was die künftigen Studiengebühren nicht decken werden. Also auch: die Vorlesungen, Kurse, Seminare. Idealerweise, so die Hoffnung, durchgeführt von Partnern an europäischen Filmhochschulen, denn es wäre ja gar nicht nötig, dass die Kollegen aus Berlin oder Paris in den Ruinen von Casamance auftreten, sie könnten Schnitt, Regie oder Drehbuchschreiben per Videokonferenz unterrichten.

Trotzdem ist das alles ein Greifen nach den Sternen, das wissen die beiden, aber der Sohn hat vom Vater den Glauben an das Unmögliche geerbt. "Wenn wir mit einem Projekt anfangen, warne ich meinen Vater: Das ist völlig unrealistisch. Was ihn natürlich nicht beeindruckt", erzählt Yanis. Irgendwann, die Arbeit schreitet voran, kehrten sich dann die Rollen um, dann rede der Vater dem Sohn ins Gewissen: "Yanis, das ist völlig unrealistisch." Was diesen natürlich auch nicht beeindruckt.

Ohne dem Berliner Treffen, zu dem auch Senegals Staatschef Macky Sall eingeladen ist, vorgreifen zu wollen - die Chancen, dass irgendjemand ein paar tausend Euro in eine Filmhochschule im senegalesischen Nirgendwo investiert, dürften gegen Null gehen. Wer bekämpft schon Fluchtursachen durch das Kino?

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