Kino im Kommunismus:Als Stalin John Wayne töten lassen wollte

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"Betreiben Sie ein Bordell?"

ZK-Präsidiumsmitglied Lasar Kaganowitsch (der Mann, der 1931 für die Sprengung der Moskauer Erlöserkathedrale sorgte und den der Sowjetführer spaßhaft "meinen Himmler" nannte) wollte Eisenstein erschießen lassen. Doch Stalin schützte den Regisseur als "sehr talentiert"- und gedachte das propagandistisch zu nutzen.

Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs ließ er Eisenstein das nationale Epos "Alexander Newski" drehen, in dem Karikaturen Deutscher Ordensritter von russischen Patrioten vernichtend geschlagen werden. Während des Krieges musste der widerstrebende Eisenstein einen idealisierten "Iwan"-Film anfertigen, in dem der Schreckens-Zar dem Sowjetführer viel ähnlicher war als sich selber.

"Betreiben Sie ein Bordell, Bolschakow?" fragte der prüde Diktator seinen Minister, als in einem sowjetischen Film eine nackte Tänzerin über die Leinwand huschte. Und verließ wütend die Vorstellung.

Wegen eines innigen Kusses, der ihm zu lange dauerte, waren danach Küsse im russischen Kino für längere Zeit generell verpönt.

Es konnte gefährlich sein, im Sowjet-Film zu glänzen. Eine der beliebtesten Schauspielerinnen der Zeit, Soja Fjodorowa, hatte eine leidenschaftliche Affäre mit dem Amerikaner Jackson Tate, Marine-Attaché an der Moskauer Botschaft der damaligen Verbündeten. Der unansehnliche KGB-Chef Berija war bei ihr abgeblitzt.

Auf einem Empfang näherte sich Berija dem amerikanischen Offizier und fragte ihn tückisch lächelnd: "Unsere Schauspielerinnen gefallen Ihnen?" Tate musste die UdSSR verlassen. Soja Fjodorowa verschwand für acht Jahre im Gulag. Die gemeinsame Tochter Viktoria war kaum ein Jahr alt.

Der Diktator verlangte Tarzan

War Stalin schlecht gelaunt, tat Film-Minister Bolschakow gut daran, ein ausländisches Werk zu vorzuführen. Stalin mochte zum Beispiel Chaplin, aber er liebte auch die Gangsterfilme aus Hollywood. Zu Winston Churchill spottete er einmal über Molotow: "Der wäre in Chicago gut aufgehoben, mit dem Rest seiner Bande."

Wiederholt verlangte der Diktator nach "Tarzan" mit Johnny Weissmüller und dessen Schimpansen. Zu seinen Favoriten gehörten auch Clark Gable und Spencer Tracy. Westernfilme missbilligte Stalin aus ideologischen Gründen, aber das hinderte ihn nicht, sie immer wieder zu bestellen. John Wayne bewunderte er als einsamen, kompromisslosen Helden.

Nur eben anders als Eisensteins Talent ließ sich John Waynes Schauspielkunst nicht für die sowjetische Propaganda ausbeuten. Im Gegenteil: Stalin hielt Waynes militanten Antikommunismus für ansteckend und so gefährlich, dass er den Befehl gab, den amerikanischen Star zu ermorden.

Stalins "wahnsinnige Jahre"

Angeblich sind daraufhin zwei Killer nach Hollywood geschickt worden. Doch John Wayne hatte Glück: Kurz bevor der Mordauftrag ausgeführt werden konnte, starb Josef Stalin - nachdem er sich am Abend vor seinem Schlaganfall noch einen letzten Film angeschaut hatte.

Der Anschlag auf John Wayne, berichtete später Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow, "war eine Entscheidung aus Stalins wahnsinnigen Jahren. Ich habe sie widerrufen." Die beiden Sowjetagenten sollen übrigens desertiert und in die Dienste des CIA getreten sein.

Nach dem Sieg über Deutschland hatten die Russen das Filmarchiv von Propagandaminister Joseph Goebbels geerbt. Stalin bediente sich daraus ebenso gern, wie es sein nun vernichteter Diktatorenkollege getan hatte. So hatte Goebbels für Adolf Hitler zu dessen 50. Geburtstag aus dem Archiv eine Auswahl von 120 Filmen zusammengestellt.

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