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Kino:"Ich habe nichts Missionarisches mehr"

Schauspielerin Barbara Sukowa

"Partout versuchen, ewig jung zu bleiben" - das sei leider Trend unter älteren Frauen, sagt Barbara Sukowa. Das Foto entstand zwei Wochen vor ihrem 70. Geburtstag.

(Foto: dpa)

Die Schauspielerin Barbara Sukowa über das Verschwinden des Alters aus der Gesellschaft, Eitelkeit, die mit den Jahren zunimmt und ihren neuen Film "Wir beide".

Interview von Anke Sterneborg

Lange blonde Locken und leuchtend blaue Augen, dazu ein Lächeln, das fast ein bisschen scheu wirkt: Kaum zu glauben, dass diese Frau das klassische Pensionsalter schon längst überschritten hat. Für Fassbinder hat sie die Mieze und die Lola gespielt, für Margarethe von Trotta so selbstbewusste und willensstarke Frauen wie Rosa Luxemburg oder Hannah Arendt. Das Treffen findet in Berlin statt, Barbara Sukowa ist für Synchronarbeiten in der Stadt. Eine halbe Stunde Interview über ihren neuen Film "Wir beide" findet sie erst mal ganz schön lang, doch dann vergeht die Zeit wie im Flug.

SZ: Wenn es in einem Film zwei Frauen gibt, eine ist die verzagte und eine die mutige und risikofreudige, dann ist eigentlich klar, dass Sie letztere spielen, oder?

Barbara Sukowa: Schon, aber das heißt ja nicht, dass ich nicht auch gerne mal die Vorsichtige spielen würde ...

Ein Film über zwei ältere Frauen, die lesbisch sind: Haben Sie gezögert, sich darauf einzulassen?

Natürlich habe ich mich gefragt, ob das jemand sehen will. Aber solche Zweifel sind für mich kein Grund, eine Rolle abzulehnen. Wenn das Drehbuch gut ist, und die Kombination insgesamt interessant, mit einem guten Regisseur und guten Partnern, dann würde ich es trotzdem immer versuchen. Tatsächlich hat sich auf den Festivals herausgestellt, dass junge Leute den Film gut finden. Wir haben sogar zwei Preise von Studenten-Jurys bekommen!

Was hat Sie an dieser Geschichte besonders gereizt?

Die Situation zwischen diesen beiden Menschen fand ich psychologisch spannend. Dann hat mich gereizt, dass sich ein Mann, ein junger italienischer Regisseur, für zwei ältere Frauen interessiert, die lesbisch sind. Oft werden lesbische Beziehungen ja als Anmache für Männer inszeniert, weil viele von ihnen das aufreizend finden. Diesem jungen Mann ging es nicht um den Körper, sondern um die Liebe, die Intimität, den Kopf.

Sie haben immer gerne mit jungen Regisseuren gearbeitet ...

Das ist natürlich immer auch ein Risiko, weil sich jedes Drehbuch in ganz verschiedene Richtungen entwickeln lässt. Junge Regisseure reden ja erst einmal nur, haben vielleicht einen Kurzfilm gemacht, da lässt sich schwer einschätzen, worauf man sich einlässt. Aber ich finde, es lohnt sich. Auch Lars von Trier hatte noch nicht viel gemacht, als ich ihn kennenlernte. Ich finde das spannend.

Wie erleben Sie den Umgang des Kinos mit älteren Protagonisten?

Ich habe mit einigen jungen Leuten gesprochen, die den Film gesehen haben, und hatte das Gefühl, dass es dieses Interesse an älteren Menschen schon deshalb gibt, weil sie in der Gesellschaft verschwinden. Was auch daran liegt, dass viele ältere Frauen leider partout versuchen, ewig jung zu bleiben. Natürlich will ich auch nicht im Spitzenhäubchen im Sessel sitzen und stricken. Gute Rollen zu finden, wird immer im Alter schwieriger, weil es einfach nicht so viele Geschichten gibt, die man über ältere Frauen schreiben kann. Die meisten dramatischen Situationen finden im Alter zwischen 30 und 50 statt.

Haben sich ältere Frauen nicht früher auch quasi selbst beerdigt, indem sie unförmige Kleider in unattraktiven, gedeckten Farben trugen?

Das hatte aber auch gesellschaftliche Gründe, es hat auch mit Sexualität zu tun, und mit der Pille. Mit 45 oder mit 50 noch Sex zu haben, war damals nicht ungefährlich, weil die Kinder dann oft behindert waren. Seit es die Pille gibt, hat sich für Frauen auch sexuell viel verändert.

Wie wichtig ist es Ihnen, mit den Stoffen Ihrer Filme auch etwas zu bewegen?

Das hat sich ein bisschen verändert. Früher wollte ich beim Publikum etwas bewirken. In letzter Zeit suche ich Projekte aus, die mich interessieren und mich vielleicht auch verändern. Ich habe nichts Missionarisches mehr. Für mich ging es auch nie in erster Linie um die Rolle. Was ich gerne spielen wollte, konnte ich nie sagen. Mir ging es immer um die Gesamtsituation: Ein tolles Stück, ein guter Regisseur, gute Partner, das macht mir Spaß.

Bei Ihrer Darstellung von Gudrun Ensslin in "Die bleierne Zeit" sind Sie von einem Foto ausgegangen. Wie gehen Sie heran, wenn es wie bei "Wir beide" um zwei fiktive Frauen geht?

Da haben wir über Liebe gesprochen und über Familie. Sicher, das sind zwei Lesbierinnen, aber es geht sehr universell um Liebe und Intimität, darum, was Geheimnisse mit den Menschen machen. Was macht eine Krankheit mit einem Menschen? Was macht eine lange Beziehung aus, eine heimliche Beziehung? Wir haben einfach generell über unsere eigenen Erfahrungen gesprochen. Außerdem habe ich in New York einige lesbische Freundinnen befragt, aber immer wieder festgestellt, so anders ist das gar nicht.

Anders als viele Ihrer Kolleginnen sind Sie recht unbeschädigt aus Ihrer Arbeit mit Fassbinder hervorgegangen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das habe ich mich auch oft gefragt. Ich bin von den Regisseuren nie gezwiebelt worden, auch nicht von Michael Cimino, der bekanntlich viele seiner Mitarbeiter unglaublich getriezt hat. Vielleicht merken die Regisseure, dass ich mich selber genug unter Druck setze. Wenn ich das Gefühl habe, ich krieg es nicht so richtig hin, quäle ich mich selber. Da ich mich selbst nie leicht zufriedengebe, muss mich niemand anderes drängen.

Worin liegt für Sie das Glück des Schauspielens?

Zu spielen, wie ein Kind spielt. Man entdeckt, man erobert sich die Welt, so wie Kinder es auch tun. Ob ein kleines Mädchen mit ihrem Puppenhaus spielt, die Puppen miteinander reden lässt, oder ob man als Erwachsener auf der Bühne ein Stück interpretiert, das ist das Gleiche. Und dann ist es ein bisschen wie Detektivarbeit, man schaut sich an, wie die Figuren zueinanderstehen. Wer bin ich in diesem Gefüge? Das Schöne ist, dass man, anders als im Leben, immer weiß, wie es ausgeht.

Als es richtig gut lief in Deutschland, sind Sie nach Amerika gegangen. Warum?

Damals hatte ich viele Angebote und wollte irgendwie noch einmal von vorne anfangen. Ich hatte die Vorstellung, dass in New York tolles Underground-Theater gemacht würde, war dann aber sehr enttäuscht. Es war eigentlich unglaublich provinziell, gar nicht das, was ich erwartet hatte. Die Wooster Group war das einzige Interessante, das war aber auch nichts anderes als Zadek in den Siebzigerjahren. Aber in zwei Kulturen zu leben, war eine große Bereicherung.

Was ist denn nötig, um Sie für eine Rolle nach Deutschland zu locken?

Wo die gute Rolle ist, da gehe ich hin. Aber auf Deutsch zu spielen, ist für mich natürlich am besten. Auch wenn ich fließend Englisch spreche, werde ich nie so fein empfinden können wie auf Deutsch. Als ich nach Amerika ging, war ich schon Anfang 40, die entscheidenden, prägenden Jahre habe ich in Deutschland verbracht. Und Spielen ist etwas sehr Intimes, etwas sehr Tiefes, das kann ich am besten auf Deutsch. Darum war ich auch froh, dass ich hier keine Französin, sondern eine Ausländerin in Frankreich spielen durfte.

Sie haben mal gesagt, man müsse sich vor der Eitelkeit hüten, besonders als Frau. Das scheint Ihnen gut zu gelingen. Woran liegt das?

Vor allem bei der Arbeit, meinte ich. Ich habe gestern mit Margarethe (von Trotta, d. Red.) telefoniert, und sie erzählte, dass ich es damals als Rosa Luxemburg so entspannt und leicht empfunden hatte, alt spielen zu dürfen, weil man da überhaupt nicht auf sein Aussehen achten muss. Wenn im Drehbuch steht, dass man schön sein muss, ist man einfach viel eingezwängter. Man muss immer darauf achten, dass man irgendwie gut aussieht, dass alles passt und das Licht stimmt. Da ist man nicht so frei, finde ich.

Dann passt es ja, dass Sie sich schon auf der Max-Reinhardt-Schule mit einer Altersrolle beworben haben!

Mich hat die Figur einfach fasziniert. Damals war ich ein ganz dünnes, kleines Mädchen, aber einer der Lehrer sagte, ich habe gespielt, als würde ich 200 Pfund wiegen. Heute bin ich auch privat eitler. Als ich jung war, habe ich fast überhaupt nie in den Spiegel geschaut, jetzt tue ich das viel häufiger. Plötzlich interessiere ich mich auch für Mode und wie ich angezogen bin. Als ich jung war, habe ich einfach irgendwas angezogen. Mit den Jahren bin ich eitler geworden, keine Ahnung, warum.

© SZ vom 06.08.2020/tmh
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