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Kino:Gift im Himbeersaft

Das Drama "Nebel im August" erzählt vom Euthanasie-Programm der Nazis in einer schwäbischen Anstalt.

Von Rainer Gansera

Hier gehöre ich nicht hin!", ruft der 13-jährige Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) aus, als er 1942 in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wird. Der Anblick der psychisch Kranken und Behinderten erschreckt ihn. Er hat eine Odyssee durch Kinder- und Erziehungsheime hinter sich und wird als Sohn eines fahrenden Händlers mit dem Vermerk "asozial und nicht erziehbar" in die "Irrenanstalt" eingewiesen.

Aber er ist ein gewitzter, hellsichtiger Junge. Das Anstaltsfoto, das ihn porträtiert, lässt einen forschenden, zugleich schüchternen und herausfordernden Blick erkennen. Rasch durchschaut er die Heil- und Pflegeanstalt als Ort des Grauens, hier wird das nationalsozialistische Euthanasie-Programm der "Vernichtung lebensunwerten Lebens" exekutiert. Davon erzählt, packend und beklemmend, Kai Wessels Drama "Nebel im August" nach Motiven des gleichnamigen, mehrfach preisgekrönten Romans von Robert Domes.

Etwa 2000 Menschen wurden in Kaufbeuren ermordet, weil sie als "lebensunwert" galten

Während Domes in seinem Buch die gesamte Lebensgeschichte des Ernst Lossa nacherzählt, konzentriert sich die Kinoadaption auf die letzte Station, seine Einweisung in die Nervenheilanstalt Kaufbeuren/Irsee. Der Film lässt die konkrete Ortsbezeichnung weg, spricht von einer "süddeutschen Heil-und Pflegeanstalt", nennt den Anstaltsleiter, der Dr. Faltlhauser hieß, Dr. Walter Veithausen, folgt aber in den wesentlichen Erzählelementen den wahren Begebenheiten.

NEBEL IM AUGUST

Ernst (Ivo Pietzcker, links) findet heraus, dass Dr. Veithausen (Sebastian Koch) ein Mörder ist.

(Foto: Studiocanal)

Nach jüngsten Forschungsergebnissen waren es mindestens 200 000 psychisch Kranke und Behinderte, die zwischen 1939 und 1945 im Zuge der NS-Euthanasie als "lebensunwertes Leben" abgestempelt und ermordet wurden. Etwa 2000 waren es in Kaufbeuren. Die Schilderung von Ernst Lossas Schicksal zeigt diesen Euthanasie-Irrsinn in seiner Ungeheuerlichkeit.

Zu Beginn geriert sich Klinikchef Veithausen (Sebastian Koch) als fürsorglicher, kumpelhafter Arzt. Wenn Ernst ihm die Striemen auf seinem Rücken zeigt, Spuren der Misshandlung im Erziehungsheim, verspricht der Doktor: "Bei uns wird nicht geschlagen!" Ernst bleibt misstrauisch, zeigt sich forsch und rabiat, verschafft sich Respekt bei den Jungs, beklaut die Patienten, igelt sich ein. Aber allmählich ändert er sich, und aus dieser Wandlung ergeben sich die stärksten Passagen des Dramas. Er freundet sich mit der gleichaltrigen Nandl an, die an "Fallsucht" leidet. Gemeint sind epileptische Anfälle. Nachts sitzen die beiden auf dem Dach des klosterartigen Gebäudes und träumen von der Flucht.

Wie bei vielen Filmen über den Horror der Nazi-Herrschaft bleibt das Böse leider formelhaft

Zugleich reimt sich Ernst aus beunruhigenden Anzeichen zusammen, dass Dr. Veithausen kein guter Onkel Doktor ist, sondern ein Mörder. Die Todesglocke läutet immer häufiger, die Ahnung wird zur Gewissheit, dass der Himbeersaft, der kranken Kindern verabreicht wird, tödliches Gift enthält. Ernst versucht zu helfen, wo er kann, und rettet, in Komplizenschaft mit Schwester Sophia (Fritzi Haberlandt), Patienten, die auf der Todesliste stehen. In der Kinderabteilung, deren Seele er ist, entsteht ein Solidargefühl. Der 13-jährige wird zum Inbild der Mitmenschlichkeit inmitten einer Maschinerie des Todes. Unbefriedigend bleibt die Zeichnung der Erwachsenen. Wie kann es sein, dass der sympathisch eingeführte Klinikchef sich als zynisches Monster entpuppt? Welche Motive treiben ihn an? Ist er Karrierist? Oder fanatischer Euthanasie-Ideologe im Sinne der "Rassenhygiene"-Politik? Auf solche Fragen erhält man keine Antwort. Wessel lässt Veithausen wie im luftleeren Raum agieren, ohne familiäre oder kollegiale Kontakte, es gibt keine Auseinandersetzungen, nur am Ende die Tötung Ernsts aus banalen Rachemotiven.

Ebenso undurchsichtig bleibt die Figur der Schwester Edith (Henriette Confurius) als "Todesengel": eine ausgesucht zarte, mädchenhafte Erscheinung, die den Himbeersaft mit den tödlichen Barbituraten an die Kinder verteilt. Sie erzählt, sozusagen als Rechtfertigung, die Geschichte vom schwer verwundeten Rehkitz, das "durch einen Gnadentod erlöst werden musste". Glaubt sie selbst, dass ihr Morden "Erlösung" ist? Der Wille des Films, ganz unzweifelhaft auf der Seite des Guten zu sein, führt hier - wie bei vielen Filmen, die den Horror der Nazi-Herrschaft thematisieren - zu dem Kurzschluss, das Böse in Formeln zu präsentieren, in schematische Figuren zu verwandeln. Da gerät im Umkreis der Erwachsenen sogar die Position des Guten, vertreten von Schwester Sophia, ins Plakative. Ihr Bekenntnis: "Nur Gott ist Herr über Leben und Tod." Das Euthanasie-Thema ist nicht historisch erledigt, in heutigen Debatten um "aktive Sterbehilfe" und pränatale Diagnostik taucht es wieder auf. Die Erinnerung an Ernst Lossas Schicksal warnt vor allen Programmen, die über "Wert oder Unwert des Lebens" entscheiden wollen.

Nebel im August, D/Österreich 2016 - Regie: Kai Wessel. Buch: Holger Karsten Schmidt, nach Motiven des gleichnamigen Romans von Robert Domes. Kamera: Hagen Bogdanski. Mit: Ivo Pietzcker, Sebastian Koch, Fritzi Haberlandt, Thomas Schubert, Henriette Confurius. Studiocanal, 126 Minuten.

© SZ vom 04.10.2016
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