Bestseller-Verfilmung Volle Härte

"Das stört mich so bei den großen Autoren. Wenn die Schlägereien beschreiben, ist das sexuelle Element kaum dabei." Seinen Roman "Der Minus-Mann" schrieb Heinz Sobota im Gefängnis. Er wurde ein Bestseller.

(Foto: Kaamos Film & HFF München)

Heinz Sobota ist ein brutaler Totschläger, Zuhälter - und Autor des Bestsellers "Der Minus-Mann". Ein Treffen mit ihm und dem Regisseur, der sein extremes Leben verfilmen möchte.

Reportage von Julia Niemann

Es ist finster in Heinz Sobotas Wohnung, auf dem Tisch brennt eine Kerze. Seine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt, die Pupillen sind schwarze Löcher, die Iris ein blauer Kranz. Sobota sitzt auf einer Ledercouch und bläst Zigarettenrauch in die Luft. "Früher", flüstert er, "habe ich eine dickere getragen." Mit der linken Hand berührt er die Goldkette am Hals. "Aber seit ich unter normalen Menschen lebe, trage ich nur noch diese Winzlinge. Die Ketten, Ringe, Autos des Zuhälters sind das Sozialprestige der Nutte. " Sobota hat keinen Kehlkopf mehr, er klingt wie ein sterbendes Raubtier. Was er in gewisser Hinsicht auch ist.

Sein Leben war ein einziger Amoklauf

In den Sechzigerjahren machte sich Heinz Sobota einen Namen als der skrupelloseste Verbrecher des Wiener Rotlichtmilieus. Im Alter von zwölf Jahren hatte er einen Raubüberfall und Diebstähle hinter sich. Kurz darauf zwang er zum ersten Mal ein Mädchen, sich für ihn zu prostituieren. Mit achtzehn versuchte er, seinen verhassten Vater mit einem Fleischhammer zu erschlagen. Sobota hat Menschen zu Sklaven gemacht und Zigaretten auf Mädchenrücken ausgedrückt. Sein Leben in Wien und später in München war ein einziger Amoklauf, gebrochene Existenzen säumen seinen Weg, auch ein paar Leichen. Er landete immer wieder im Knast, der alle Jahre eine noch rücksichtslosere Version von Sobota ausspuckte. Mit dreißig schließlich schrieb er im Stadtgefängnis in Marseille den Roman "Der Minus-Mann", seine Lebensgeschichte, ein Protokoll seiner Karriere als Zuhälter, Totschläger, Psychopath, Vergewaltiger. Der Roman machte ihn über Nacht zum Bestsellerautor.

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Heute ist Sobota ein anderer, lebt ein gewaltfreies Leben, zumindest fast. "Hin und wieder steigt mir die Galle extrem hoch. Aber ich habe diese Mechanismen inzwischen im Griff." Er ist 71 und todkrank, seit Jahren ringt er mit dem Krebs. Die Ärzte geben ihm noch ein Jahr. Er ist viel allein in seiner Münchner Wohnung. "Ich habe zwei neue Gesprächspartner, den Tumor und den Tod. Beide relativ fantasielos und schwer zu bewirtschaften." Viel Zeit, um nachzudenken. Zum Beispiel über Gewalt. "Was empfindet man, wenn man jemandem eine aufs Maul haut? Jeder, der behauptet, das sei nichts Sexuelles, der lügt. Der normale, primitive Gewalttäter hat immer, wenn er hinhaut, eine halbe Erektion. Das stört mich so bei den großen Autoren. Wenn die Schlägereien beschreiben, ist das sexuelle Element kaum dabei."

Seine Tage verbringt Sobota mit dem Verwalten seines Nachlasses: der Krankheit, die fast eine logische Konsequenz seiner Lebensführung ist, seiner Schuld am Leid so vieler Menschen. Und dem "Minus-Mann". Im Bücherregal stehen zwischen Thomas Bernhard und Michel Houellebecq noch alte Ausgaben, in einem Ordner hat er Artikel über sich gesammelt. "Für die einen ist der Minus-Mann die Bibel, für die anderen Dreck, für manche sexistisch und gewaltverherrlichend." Er lächelt. "Und andere sehen darin ein Drehbuch."

Die Filmrechte kursieren seit Jahrzehnten. Gerade liegt der Ball bei dem österreichischen Regisseur Paul Poet. Seine Frau hatte ihm den Roman in die Hand gedrückt mit der Bemerkung, das sei das Härteste, was sie je gelesen habe. Nachdem Poet die 450-seitige Gewalt- und Sexorgie verschlungen hatte, wusste er, dass er einen Film daraus machen muss.

Uli Edel arbeitete drei Jahre am Drehbuch, bis er es hinwarf

Stadtspaziergang in München mit Paul Poet. Überall hat Sobota seine Geschichten hinterlassen. Am Hauptbahnhof etwa, wo früher die Post war, habe Sobota mal einen totgeschlagen, sagt Poet. Sobota sei auf der Flucht gewesen, habe versucht, als Zuhälter zu arbeiten und genau da hätten ihm zwei andere Zuhälter aufgelauert. "Die wollten ihn abstechen. Damals war dort eine Baustelle, das Eck war mit einem Gitter gesichert. Da hat Sobota einen so hart gegen das Gitter geschlagen, dass er durch den Absperrzaun brach und in die Baugrube fiel." Sitzen musste er dafür nie, sagt Poet. "Totschlag im Milieu wurde wohl noch nicht so verfolgt. Da war man froh, ein paar Kandidaten los zu sein."

Poet ist nicht der Erste, der sich am "Minus-Mann" versucht. Ende der Siebziger erwarb Bernd Eichinger die Filmrechte, doch aus dem Projekt wurde nie etwas. Eichinger gründete damals die Constantin Film, und die Rechte am Stoff blieben bei der alten Produktionsfirma. Dort fielen sie Uli Edel in die Hände, der gerade "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gedreht hatte. Edel arbeitete drei Jahre am Drehbuch, bis er es hinwarf. Er soll Sobota an dessen 40. Geburtstag angerufen haben, um drei Uhr morgens, rasend vor Wut. Sobota verfolge ihn in seinen Ängsten, beim Sex, beim Saufen, soll er gesagt haben. Sobota solle sich zum Teufel scheren, er, Edel, könne das Buch nie und nimmer verfilmen.

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Der Filmemacher Alexander Kluge schrieb als Einziger ein Drehbuch, das auch Sobota gefiel. Er soll Anfang der Achtziger zu Sobota gesagt haben, dass er das Buch sofort verfilmen würde, wäre er nicht auf die Filmförderung angewiesen. Aber die Sender wollten den Film nicht finanzieren. Der Schweizer Regisseur Carl Schenkel wagte sich an eine Verfilmung, die österreichischen Regisseure Peter Patzak und Franz Novotny, der Kanadier John Cook und viele mehr. Zwischenzeitlich gab es eine Version, in der Gérard Depardieu seine Zusage für die Hauptrolle gegeben hatte. Aber der "Minus-Mann" zog weiter.

Gegen Ende hatte Sobota einen Zustand vollkommener Verrohung erreicht

Wer das Buch liest, versteht, warum. Gewalt gegenüber Frauen wird so oft, so direkt beschrieben, dass sie irgendwann gar nicht mehr schockierend ist, sondern schlicht die Prämisse des Romans. Dabei erzählt Sobota in einem protokollartigen Stil. Als er auf seinen Vater einschlägt, wechselt er in die dritte Person, als wäre er nicht anwesend. Gegen Ende, Sobota hat einen Zustand vollkommener Verrohung erreicht, liefert er für eine Flasche Whiskey einen jungen Zellengenossen, eigentlich sein Schützling, an die Gefangenen aus. Die Beschreibung der Gruppenvergewaltigung ist in ihrer Nüchternheit brutaler als die Taten selbst. Der schwer verletzte Junge erhängt sich noch in derselben Nacht. Es war sein letzter Monat im Gefängnis.

Und aus all dem will Paul Poet einen Film machen. Der 45-Jährige wurde mit einem Film über Christoph Schlingensiefs Container-Aktion "Ausländer Raus!" bekannt. Seither dreht er provokante Politfilme wie den Interview-Film "My talk with Florence", über die Künstlerin Florence Burnier-Bauer und ihre Missbrauchserfahrungen in der Otto-Muehl-Kommune. Was interessiert einen wie ihn am Minus-Mann-Stoff?