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Kino:Freiheit den Poeten!

Kinostart des Films "Endless Poetry"

"Endless Poetry" von Alejandro Jodorowsky: Ein junger Dichter in Chile (der Filmpoet selbst) entkommt seinem strengen Elternhaus.

(Foto: Pascale Montandon-Jodorowsky)

Alejandro Jodorowsky, der legendäre Dichter, Comicautor und Regisseur chilenischer Herkunft, Schöpfer von surrealen Filmdelirien, hat sich mit 89 ein autobiografisches Werk gegönnt: "Endless Poetry".

Von Philipp Stadelmaier

Ein Schiff legt vom Ufer ab, an Bord ist ein Kind mit seinen Eltern. Es ist eine symbolische Szene: Das Ufer, das sich entfernt, ist die Vergangenheit, und das Kind ist mittlerweile ein alter Mann, der auf sein Leben zurückblickt.

Der alte Mann, der niemals aufgehört hat, ein Kindskopf zu sein, ist Alejandro Jodorowsky, der legendäre Poet, Comicautor und Filmemacher chilenischer Herkunft, der seit den Fünfzigerjahren in Paris lebt und arbeitet - Schöpfer von ausufernden, surrealen Filmdelirien wie "Holy Mountain" oder "Santa Sangre"; Visionär, der einst Frank Herberts "Dune" verfilmen wollte, mit Orson Welles, Salvador Dalí und Gloria Swanson. Mit "Endless Poetry" hat sich der heute 89-Jährige einen autobiografischen Film über seine Kindheit und Jugend im Chile der Vierziger- und Fünfzigerjahre gegönnt (). Sein Sohn Adan spielt ihn als jungen Mann, aber auch der alte Jodorowsky taucht vor der Kamera auf und geleitet den Zuschauer durch seine, wie der Titel es verspricht, hochgradig poetischen Erinnerungen.

Die Menschen auf der Straße tragen Pappmasken, die Mutter spricht, indem sie singt, das Gesicht des harten, autoritären Vaters erscheint dem Jungen, der schon früh dichterisches Blut in sich aufsteigen sieht, über einer Kerze. Poesie, so der Vater, sei nur was für "Schwuchteln wie Lorca". Auf einer Familienfeier fällt der Junge dann einen Baum - Symbol seiner genealogischen Abstammungslinien - und begibt sich unter diese andere Kaste von Menschen, denen er seinem Wesen nach immer schon zugehört hat: den Künstlern.

In dem Haus, in dem der junge Alejandro Zuflucht findet, wohnen ein "Ultrapianist", ein "Polymaler" sowie "symbiotische Tänzer": Leute, die nicht einfach Künstler sind, sondern ihr Leben unaufhörlich musizierend, malend, tanzend verbringen. Sie ernennen Alejandro zu einem der ihren, zu einem Poeten. Und wie lebt ein Poet? Er braucht erst einmal eine Muse und findet sie in einer Dichterin mit knallroten Haaren. Er schläft am Tag und lebt in der Nacht. Und gibt natürlich zu seinen Poemen niemals irgendwelche Erklärungen ab.

Wer zu solchem Kitsch in der Lage ist, dem mangelt es nicht an Selbstsicherheit. Eine Begegnung mit André Breton nimmt Jodorowskys spätere Reise nach Paris vorweg, wohin er gehen wird, "um den Surrealismus zu retten". Aber schon in Chile nimmt sich der Poet sämtliche Freiheiten, wie etwa in streng gerader Linie durch die Stadt zu gehen, auch wenn man dafür über Autos hinwegsteigen oder durch Wohnungen hindurchgehen muss. Jodorowsky weiß, dass durch ihn selbst alle großen Dichter der Vergangenheit hindurchgegangen sind. Er ist eine ihrer Reinkarnationen.

Poesie, das ist hier eine Haltung, das Konzept eines Lebens, das keinen Beschränkungen unterworfen ist, das über der Normalität thront. Jodorowsky weiß: "Das Leben hat keinen Sinn - man muss es leben." Für den Poeten, der immer ein großes Kind blieb, ist das Leben ein Abenteuerspielplatz, der die Dimensionen des Weltalls hat. Irgendwann wirft der junge Mann exaltiert goldene Sterne in die Luft, die dann sanft auf ihn herniedersinken, wie das Universum.

Endless Poetry, FRA/CHILE, 2016 - Regie und Buch: Alejandro Jodorowsky. Kamera: Christopher Doyle. Mit Adan Jodorowsky, Pamela Flores, Jodorowsky. Wolf Kino, 128 Minuten.

© SZ vom 24.07.2018

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