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Kino:Frauen, die Gewalt gebären

Fernando Muracas großartiger Film "Das Land der Heiligen" zeigt, wie ausweglos die Clanstrukturen in der kalabrischen Mafia funktionieren. Selbst die Frauen werden darin knallharte Vollstreckerinnen des Systems.

Von Philipp Stadelmaier

Erst am Ende des Gesprächs lässt die Richterin die Katze aus dem Sack. "Ich nehme Ihnen die Kinder weg", sagt sie mit ruhiger Stimme. "Sie sind es nicht würdig, eine Mutter zu sein." Assunta ist fassungslos: "Was sind Sie für eine Frau, die anderen Frauen die Kinder wegnimmt?" Und die Richterin: "Und was sind Sie für eine Mutter, die ihre Söhne in den Tod schickt?"

Müttern die Kinder wegnehmen - das geschieht normalerweise bei Misshandlungen. Hier ist es ein politisches Druckmittel. Die Richterin (Valeria Solarino) hat noch nicht lange ihre neue Stelle im süditalienischen Kalabrien angetreten, einer Hochburg der Mafiaorganisation 'Ndrangheta. Als sie vom Joggen zurückkommt, findet sie einen Schweinekopf vor der Türe - eine deutliche Botschaft: Misch dich nicht ein. Was sie dennoch tun wird.

Assunta (Antonia Daniela Marra), Frau eines Mafiosos, hat zwei Söhne, einer noch klein, der andere will auch Mafioso werden. Die Richterin malt ihr aus, dass der Ältere sicher mit Kugeln im Körper enden wird, wie so viele, die für die Mafia arbeiten. Den jüngeren will sie zu einer Pflegefamilie stecken. So sie nicht mit ihr zusammenarbeitet, gegen ihren Clan aussagt, ein neues Leben beginnt.

Wenn Blicke töten könnten, dann würde diese Szene bereits im Totenreich spielen. Es ist einer der intensivsten Momente in Fernando Muracas Film "Das Land der Heiligen", in dem er vom Kampf zwischen Frauen erzählt: zwischen der Richterin und den Frauen der Mafia, die sich mit der Justiz herumschlagen müssen, während ihre Männer tot, versteckt oder im Gefängnis sind. Hätte ihr theatralischer Schlagabtausch zwischen schlechteren Schauspielerinnen stattgefunden, oder wäre er von einem nachlässigeren Regisseur gefilmt worden, er wäre ins Seifenopernhafte gekippt. Stattdessen wirkt er wie die Verdichtung einer ausweglosen Fatalität, in der die Figuren gefangen sind. Muraca verzichtet auf jeden moralischen Kompass, jedes Urteil. Wenn schon die Kinder zum Druckmittel des Staates werden, dann ist das moralisch ebenso wenig zu rechtfertigen wie die Taten der Mafia. Was diesen großartigen Film auszeichnet, ist die Härte in den Dialogen und in den Gesichtern der Frauen, die sich in reiner und fundamentaler Feindschaft gegenüberstehen.

So enden die Söhne der Mafia. Aber was treibt ihre Mütter an? Szene aus "Das Land der Heiligen".

(Foto: Verleih)

Diese Verdichtung gelingt Muraca auf allen Ebenen. Zunächst in der Erzählweise des nur knapp achtzig Minuten dauernden Films: Die Aufnahme von Assuntas Sohn in die Organisation erledigt er zügig in drei aufeinanderfolgenden Szenen, vom Angebot über den Aufnahmetest (Schutzgeld erpressen) zum Initiationsritual in einem Kellergewölbe. Ebenso dicht sind die Bilder mit ihren scharfen, harten Kontrasten, ihrem tiefen, von schmalen Lichtschächten durchbrochenen Schwarz. In diese Nächtlichkeit sinkt auch der Schmerz der Figuren zurück, etwa wenn der Mann, mit dem Assunta anfangs zwangsverheiratet wird, sie zum Sex zwingt - und man nur ihr stummes, schmerzverzerrtes Gesicht im abgedunkelten Schlafzimmer sieht. Die Gefühle lagern hinter den schattenmarmorierten Gesichtern, dieses Leben kann nur ertragen werden, es führt kein Weg heraus.

Die eigentliche Originalität des Films besteht jedoch darin, eine Mafiageschichte aus Frauenperspektive zu erzählen, während das Genre ja traditionell männlich dominiert ist. Zwar gab es schon in der Serie "Sopranos" starke Frauenrollen, wie die Mutter des Mobster-Chefs, die ihren Sohn umbringen will, und auch in der zweiten Staffel von "Fargo" wurde eine Mutter zur Chefin einer Mafiafamilie. Was es aber bedeutet, wenn die Machtposition an Frauen fällt, hat man in dieser Konsequenz noch nicht gesehen. Selbst auf der Gegenseite spielt der Polizist an der Seite der Richterin eine untergeordnete Rolle.

Oft muss man beim "Land der Heiligen" an den Titel eines alten Western von Nicholas Ray denken, in dem zwei Frauen sich bis aufs Blut bekriegen: "Wenn Frauen hassen". Dort war es wegen eines Mannes, bei Muraca jedoch wegen eines patriarchalischen Regimes, das sie in Abwesenheit der Männer selbst verwalten müssen. Die Männer haben die Frauen in ihrer Gewalt. Aber dann übernehmen die Frauen die Macht. Ohne, dass sich an der Gewalt etwas ändern würde.

Gerade dadurch wirkt dieses Mafia-Drama so essenziell. Es geht hier weniger um Geschäft oder Rache, sondern um den Kern der Gewalt selbst - um das Fortbestehen des Clans. Im Zentrum stehen die Mütter, die Söhne und damit zukünftige Soldaten produzieren müssen. Kommt ein Mädchen auf die Welt, muss es Mutter werden. Und wird, was das schlimmste ist, neue Gewalt gebären.

La Terra dei Santi, IT 2015 - Regie: Fernando Muraca. Buch: Muraca, Monica Zapelli. Kamera: Federico Annicchiarico. Mit Valeria Solarino. Kairos, 81 Min.

© SZ vom 27.06.2017

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