Neu in Kino & Streaming:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

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Neu in Kino & Streaming: Nach einer wahren Geschichte: Louis Hofmann in "Der Passfälscher".

Nach einer wahren Geschichte: Louis Hofmann in "Der Passfälscher".

(Foto: X Verleih/Dreifilm)

Blanker Horror in "Halloween Ends", sanfte Nostalgie in "Belleville" und das große Kotzen in "Triangle of Sadness": Die Starts der Woche in Kürze.

Von den SZ-Kritikern

Belleville. Belle et rebelle

Philipp Stadelmaier: Sehr schöne, schwarz-weiße, angenehm nostalgische, aber niemals kitschige Dokumentation von Daniela Abke über den Pariser Arbeiterbezirk Belleville. Abke schaut durch die Gegenwart hindurch in die Vergangenheit, die sich langsam entwickelt wie eine alte Fotografie, auf der die Mythen sozialistischer Bewegungen, altes Liedgut und persönliche Erinnerungen der Bewohner sichtbar werden. Und nichts ist schöner, als wenn im Bistro alle gemeinsam Serge Gainsbourgs "La Javanaise" singen.

Delia's gone

Fritz Göttler: Manche Sachen kann man nur mit der Waffe erledigen, sagt Delia, das ist der erste entscheidende Satz dieses Films. Dann zieht sie los, um die Medikamente für ihren Bruder Louis zu besorgen, die inzwischen einfach zu teuer geworden sind ... Am Tag darauf liegt sie tot auf dem Boden in ihrem Haus, Louis hat Blut an den Händen, kann sich an nichts erinnern und wird in eine Anstalt gesteckt. Von dort bricht er Jahre später auf, mit der Waffe der Schwester in der Hand, er will die Wahrheit um ihren Tod wissen. Ein toller kleiner Film aus dem Hinterland in Ohio, von Robert Budreau, mit Paul Walter Hauser als beflissenem Sheriff und der herben Marisa Tomei - noch eine Schwester, die um ihren Bruder sich sorgt. Vorstellungen von Schuld und Schicksal zerbröckeln in der Weite der Landschaft, von einem einsamen Haus zum nächsten. Truth is for the birds, das ist der zweite markante Satz, die Wahrheit ist für die Katz.

Halloween Ends

David Steinitz: Der Fachkräftemangel erreicht nun auch das Serienmördergeschäft. Maskenmann Michael Myers hat sich in die Kanalisation unter der Kleinstadt Haddonfield zurückgezogen, zu schwach, um noch allein das Messer zu schwingen. Über Umwege findet er einen Killer-Azubi, der allerdings auf seine Work-Life-Balance achtet und neben der Meuchelei gern eine feste Freundin hätte. Das geht natürlich nicht gut. Der dreizehnte "Halloween"-Film (und der dritte unter der Regie von David Gordon Green) hat allerdings ein Finale, das die Kürbis-Saga ein für alle Mal beenden könnte. Oder?

Nachbarn

Fritz Göttler: Sero ist sechs, seine Kindheit ist von grausamer Absurdität, in einem kurdischen Dorf an der Grenze Syriens zur Türkei. Ein Lehrer kommt und schwört die Kinder ein, im Namen von Assad, auf den Kampf gegen Imperialismus und Zionismus. Großes Theater, sie müssen auf einen Strohsack - die jüdische Entität - einstechen. Es muss Arabisch gesprochen werden in der Schule, auch wenn keiner es versteht, sonst gibt's Stockschläge auf die Hand. Und wieso gibt es keine Palme im Dorf, das arabische Symbol! Mano Khalil inszeniert Chaos und Terror, kafkaeske Bürokratie, aber auch Zärtlichkeit und Abenteuer. Die Jungen finden eine Landmine, stecken sie ins Feuer. Ein Posten auf einem türkischen Wachturm schießt versehentlich auf Seros Mutter. Die Jungen pinkeln an den Strommast, vielleicht gibt es dann endlich Elektrizität im Dorf. Es gab keine Geheimnisse damals, erinnert sich der Erzähler, nur Geschichten.

Nicht verrecken

Philipp Stadelmaier: Überlebende der Todesmärsche, auf denen gegen Kriegsende zahllose KZ-Insassen von der SS nach Westen getrieben und ermordet wurden, legen vor Martin Gressmanns Kamera Zeugnis ab. Die filmt außerdem die heutigen Orte des damaligen Geschehens, eine Erzählstimme begleitet das alles aus dem Off. Die Berichte der Zeitzeugen sind erschütternd, die Landschaftsaufnahmen leider beliebig. Gressmanns Dokumentation wirkt zerstückelt, leicht unfertig, seltsam formlos.

One Piece Film: Red

Juliane Liebert: "One Piece" ist eine Manga- und Animeserie, die schon länger läuft, als Angela Merkel Kanzlerin war. Genau genommen 25 Jahre. Gorō Taniguchis Kinofilm ist in Japan bereits im August extrem erfolgreich angelaufen und kommt jetzt nach Deutschland. Im Fokus der Geschichte steht Sängerin Uta, die ihre Identität bisher verborgen hatte - und jetzt ihr erstes Livekonzert hat. Man versteht den Film auch, ohne die Serie gesehen zu haben, aber hat deutlich mehr Spaß, wenn man sich zumindest ein bisschen in das "One Piece"-Universum einarbeitet - was ein Vergnügen für sich bedeutet.

Der Passfälscher

Doris Kuhn: Winter 1942/43, Juden werden aus Deutschland in die Vernichtungslager deportiert. Der junge Cioma Schönhaus und sein Freund Det sind jedoch noch in Berlin, sie trotzen der Gefahr durch Wagemut und Hochstapelei: Sie benehmen sich in der Öffentlichkeit so furchtlos als wären sie Nazis. Gleichzeitig ist Cioma im Widerstand, er fälscht Pässe, mit denen Juden eine rettende deutsche Identität bekommen. Maggie Peren fiktionalisiert diese wahre Geschichte abenteuerlich genug, dass man ihr mit Hingabe folgt, und macht trotzdem den Naziterror ausreichend sichtbar.

Triangle of Sadness

Tobias Kniebe: Ein schönes junges Influencer-Pärchen bewältigt seine erste große Beziehungskrise und darf kostenlos an einer Kreuzfahrt für Superreiche teilnehmen, die natürlich allesamt durchgeknallt sind. Das führt in einen Sturm, eine wilde Kotzorgie und schließlich in den Schiffbruch. Auf einer einsamen Insel gestrandet, kehren sich die Verhältnisse von Haben und Nichthaben radikal um. Ruben Östlund geht es dabei weniger um die offensichtliche Kapitalismuskritik, sein Ding ist schmerzhaft genaue Menschenbeobachtung - versteckte und offene Machtverhältnisse, zivilisatorisches Unbehagen und lauernde atavistische Impulse. Das macht er so brillant, dass er in Cannes schon seine zweite Goldene Palme gewonnen hat.

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