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Filmkritik "Systemsprenger":Hardcore-Härtefall

SYSTEMSPRENGER

Nach den schlimmsten Ausrastern landet Benni (Helena Zengel) im Krankenhaus.

(Foto: Peter Hartwig/Port au Prince)
  • In ihrem Spielfilmdebüt "Systemsprenger" beleuchtet die Regisseurin Nora Fingscheidt das Leben eines schwer traumatisierten Mädchens.
  • Die Protagonistin wird dabei nicht nur als Problem gezeigt - sondern als eigenständiger und ambivalenter Charakter, der aus jedem Raster fällt.
  • Ein trauriger und höchst ungewöhnlicher Film, der zum Glück darauf verzichtet, reißerisch zu sein - und als deutscher Beitrag ins Oscar-Rennen geht.

Der zehnjährigen Benni wurde als kleinem Kind eine Windel ins Gesicht gepresst, bis sie beinahe erstickt ist. Seitdem darf niemand ihr Gesicht berühren, sonst tickt sie aus. Tickt nicht aus wie das Nachbarkind, wenn es keine Schokolade kriegt, sondern so, dass sie andere Kinder lebensgefährlich verletzt. Den Kopf ihres Ziehbruders auf die Eisfläche des Schlittschuhparks schlägt, bis er ins Krankenhaus muss. Ein Messer nimmt, allein in den Wald läuft, zerstört, um sich schlägt, alles vernichten will.

Zugleich ist sie ein Kind, das zärtlich und lustig ist, liebesbedürftig, abenteuerlustig. Das schuldlos ist an seiner Situation, dessen Augen leuchten, wenn es Geschenke bekommt. Das traurig ist, wenn die Mutter nicht zum Geburtstag kommt. Die Mutter kommt nicht, weil sie überfordert ist, noch zwei kleine Kinder hat, weil sie Angst hat. Auch die Institutionen kommen nicht mit Benni zurecht, sie müssen die anderen Kinder schützen, Plätze sind rar. Ihr Schulbegleiter muss sie nach Hause schicken, wenn sie vor seiner Tür auftaucht. Nach den schlimmsten Ausrastern landet Benni im Krankenhaus, ruhiggestellt in einem leeren Raum mit einer Glaswand. Die Augen glasig von Betäubungsmitteln. Sie ist zu jung für die Psychiatrie und zu schwierig für den Rest der Welt.

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"Systemsprenger" hätte leicht ein Leidensporno werden können oder ein Exemplar der in Deutschland sehr beliebten Form des didaktischen Sozialproblemfilms mit anschließender Talkshowdiskussion. Das ist ein beliebtes Standardformat der Rundfunkanstalten. Es wird ein didaktischer Spielfilm produziert. Über Computerspielsucht. Islamismus. Demenz. Der wird um 20.15 Uhr gesendet. 90 Minuten. Anschließend ist Diskussionsrunde mit Prominenten und ein paar Alibiexperten. Gewöhnlich ist wenig, was im Rahmen eines solchen Formats suggeriert und gesagt wird, ganz falsch. Aber auch nichts wirklich richtig. Weil die Figuren der Filme nicht der Last entkommen, ein Problem zu repräsentieren. Weil dessen Rationalisierung von vornherein mitgedacht ist. Weil in den Diskussionsrunden fast immer nur Phrasen gedroschen werden und man sich auf Gemeinplätze einigt.

Glücklicherweise ist "Systemsprenger" kein solcher Film geworden. Das liegt am Mut der Regisseurin Nora Fingscheidt, Fragen offenzulassen. An der Ambivalenz und Leuchtkraft seiner Hauptfigur, beeindruckend dargestellt von Helena Zengel. Benni wird der Freiraum zugestanden, nicht nur ein Problem, sondern auch ein beeindruckend lebendiger Charakter zu sein. Letztlich verkörpert ein solches Kind ja eine wesentliche Energiequelle für Kunst. Alle Widersprüche sind in ihm vereint. Es kann für alles Gute stehen, aber auch zerstörerisch wirken. Kann jemand, der andere in Lebensgefahr bringt, der stiehlt und leidet und keinerlei Rücksicht nimmt, liebenswert sein? Wie lange versucht man, jemandem zu helfen, der gewalttätig, eine Last, gefährlich ist? Was ist mit denen, für die es keine Rettung gibt? Warum sind es gerade die, die dann oft am hellsten leuchten, sich der Welt verweigern, sich niemandem beugen? "Systemsprenger" erzählt nicht nur Bennis Geschichte, sondern auch die ihres Umfelds, das an ihr scheitert. Gegen Ende des Films läuft sie vor ihrem Schulbegleiter (Albrecht Schuch), der ihr Freund und einziger Vertrauter geworden ist, davon in ein Feld. Er ruft nach ihr, sie stoppt, die beiden sehen sich an. Man weiß, er könnte sie aufhalten, aber er tut es nicht. Kann er nicht verstehen, was sie ihm angetan hat, oder weiß er nur, dass es aussichtslos wäre, sie zu stoppen?

Kinder stehen von Anfang an im Wettbewerb und sollen funktionieren

Ein anderes weibliches Kind, das lange Rebellion verkörperte, ist Pippi Langstrumpf. Eine Figur, die in letzter Zeit etwas aus der Mode gekommen ist, denn unsere Gesellschaftsmoral verlangt "Compliance". Es gab mit der Reformpädagogik und dann noch mal seit den Sechzigerjahren eine Phase der Liberalisierung, in der Schule mehr Freiraum als Zuchtanstalt sein sollte. Heute ist sie zwar nicht mehr Zuchtanstalt, aber die Kinder stehen oft von Anfang an im Wettbewerb und sollen funktionieren. Jede Abweichung gilt als verdächtig. Wenn ein Kind in der Kita keinen Bock auf eine Ausmalaufgabe hat und stattdessen rumkrakelt, wird unter Umständen den Eltern empfohlen, es zur Ergotherapie zu schicken, um die Feinmotorik zu verbessern. Jede Abweichung wird pathologisiert. Gleichzeitig fehlt es wirklich an Ressourcen für die Hardcorefälle, wie sie in "Systemsprenger" dargestellt werden. Beide, Pippi und Benni, sprengen das System. Nur dass Zweitere keine Superkräfte hat, um sich aus dem Chaos zu retten. Sie erfriert einmal fast. Sie braucht Hilfe, die ihr niemand geben kann. Pippi ist die personifizierte konstruktive Anarchie. Sie erinnert immer daran, dass Rücksichtnahme, soziales Miteinander, Affektkontrolle, rationales Handeln eigentlich auch Zumutungen sind. Unverschämte Zumutungen. Auf die Benni wiederum angewiesen ist.

Beide erinnern sie an das anarchische Potenzial jedes Menschen. Und damit daran, dass es so was wie ein reibungsloses Zusammenleben nicht geben kann, solange Menschen Menschen und keine Roboter sein wollen. "Systemsprenger" ist ein sehr trauriger, aber auch ungewöhnlich schöner Film über ein traumatisiertes Kind. Ungewöhnlich schön ist er, weil er dicht bei seiner Hauptdarstellerin und ihrer Umwelt bleibt, nie romantisiert, aber immer liebevoll auf sie schaut. Auf sie wohlgemerkt, und nicht auf sie hinab. Manchmal sogar zu ihr aufblickt.

Systemsprenger, D 2019 - Regie, Buch: Nora Fingscheidt. Kamera: Yunus Roy Imer. Mit: Helena Zengel, Albrecht Schuch. Port au Prince, 125 Minuten.

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