Kino 100 Jahre Ufa - Feiern mit Vorbehalt

Friedrich Wilhelm Murnau (Zweiter von links) dreht seinen Ufa-Film „Der letzte Mann“ mit Emil Jannings (rechts) im Jahr 1924.

(Foto: United Archives/ddp images)

Nicht alles war Propaganda und Nazikunst: Überblick über die Ufa Filmproduktion, die im September 1917 gegründet wurde.

Von Fritz Göttler

Das schönste Gütesiegel, das die Ufa in den Zwanzigern verpasst bekam, war, wie ihr damals ihre Top-Regisseure weggeschnappt und -gekauft wurden: Ernst Lubitsch und Friedrich Wilhelm Murnau zogen flugs nach Hollywood, verlockt durch die Möglichkeiten, die ihnen die junge amerikanische Filmindustrie dort bot. Eine Art Neymar-Effekt des Weltkinos - es ging um großartige Summen und Ressourcen. Murnau, der mit "Der letzte Mann" und "Faust" gezeigt hatte, dass er spektakuläre Großproduktionen in den Griff bekam, durfte für seinen ersten Film für den amerikanischen Produzenten William Fox, "Sunrise", eine ganze Stadt und ein Dorf aufbauen. Es war eine beinharte und lustvolle internationale Konkurrenz damals, und das deutsche Kino war ein kraftvoller, innovativer Player. Der "Caligari" und "Der müde Tod" ließen die Filmemacher in aller Welt die Augen aufsperren

So war es wohl nicht unbedingt gedacht gewesen, als in den Kriegsmonaten 1917 auf Initiative des deutschen Generalstabs die Universum Film AG gegründet wurde, am 18. Dezember 1917. Ein mächtiger Konzern sollte es werden, vom Staat gesteuert, um die politischen und die Kriegsanstrengungen propagandistisch zu unterstützen. Die Finanzierung besorgte die Deutsche Bank, und irgendwie konnten die Interessen der Bank auf Dauer nicht die der Leute um Ludendorff sein. Propaganda war den Kinobildern von Anfang an eingeboren, das Massenmedium schien sich quasi natürlich dafür anzubieten. Aber ebenso natürlich waren die Versuche der Filmemacher und ihrer Mitarbeiter, solche Vorstellungen zu sabotieren - der Kinematograf als subversive Kunst par excellence.

Die Ufa hatte in ihren weiträumigen Ateliers in Babelsberg und Tempelhof bald eine starke Riege von Regisseuren und Handwerkern zusammen, mit denen sie sich an ihre sagenhaften Großproduktionen wagen (und übernehmen) konnte, die zweiteiligen "Nibelungen" und das Prestigeprodukt "Metropolis", das als kühne Science-Fiction daherkam und dann ebenso kühn einen Rekurs aufs mittelalterliche Mysterienspiel vollzog. Unter den Mitarbeitern hier: die Kameraleute Karl Freund, Günther Rittau und Eugen Schüfftan, dazu der Filmemacher Walther Ruttmann, bei der Artdirection Otto Hunte, Erich Kettelhut, Karl Vollbrecht, die auf Jahre hinaus die Bauten der Ufa-Filme gestalten sollten. Der Regisseur Fritz Lang festigte hier endgültig seinen Ruf als monomanische Filmkünstlergestalt, die auf ihren Visionen beharrte und keine Rücksicht auf Mitarbeiter oder Kosten nahm. Die Produktionsleitung hatte Erich Pommer, der legendäre Produzent, der eine Zeitlang die deutsche Kinoproduktion prägte, Stars wie Emil Jannings oder Pola Negri aufbaute.

Das "Metropolis"-Projekt war dann aber ein Misserfolg - und hat als solcher das weitere Schicksal der Ufa entscheidend bestimmt. Auch in Amerika war der krude Genrefilm gefloppt, in einer verhackstückten Version. Der Medienzar Alfred Hugenberg, deutschnational ausgerichtet, nutzte die Chance und kaufte die vom Bankrott bedrohte Firma. Erich Pommer war raus, neuer Generaldirektor wurde Ludwig Klitzsch, die Zeit der Experimente war vorüber. Mit einer Reihe außergewöhnlicher Filme wurde der Übergang zum Tonfilm souverän geschafft, Josef von Sternbergs "Der Blaue Engel", Fritz Langs "M" und "Der Kongress tanzt" von Erik Charell.

Nach dem Januar 1933 und der Machtergreifung durch die Nazis kam die Ufa immer stärker in den Griff von Joseph Goebbels und seiner Reichsfilmkammer, wurde quasi verstaatlicht, Propaganda stand nun wieder im Vordergrund. Schon am 29. März 1933 entschied sich der Ufa-Vorstand, viele der jüdischen Mitarbeiter zu entlassen - ein Tiefpunkt der Firmengeschichte. Filmemacher, Techniker, Schauspieler machten sich auf den bitteren Weg ins Exil, über Paris weiter nach Hollywood, Max Ophüls und Robert Siodmak, Ludwig Berger und E. A. Dupont, Erik Charell, Peter Lorre und Erich Pommer. Personal und Potenzial der Ufa schrumpften gewaltig. Bis Anfang der Vierziger wurden zahlreiche kleinere Produktionsfirmen dem Gesamtkörper der Ufa eingegliedert, darunter die Bavaria, Terra, Tobis, die Wien-Film.

Der Blick auf die Ufa der Nazi-Zeit wurde lange bestimmt durch die großen Propagandaproduktionen, "Hitlerjunge Quex", "Morgenrot" und "Stukas", "Wunschkonzert" und "Heimkehr". Und natürlich durch die Filme Veit Harlans, der in der Nachkriegszeit zur Galionsfigur des deutschen Nazi-Kinos wurde, mit antisemitischen und Durchhaltefilmen wie "Jud Süß" oder "Kolberg" - "Vorbehaltsfilme", die nach Kriegsende nur in geschlossenen Veranstaltungen gezeigt wurden, mit filmhistorischer Einführung. Darüber wacht seit 1966 die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Gesellschaft, die auch die Rechte verwaltet und die Filme restauriert.

In Goebbels' Tagebüchern kann man nachlesen, wie besorgt, fast liebevoll der Minister sich seines Kinos annahm, vom täglichen Fortschritt der Produktionen bis hin zur Verleihung seiner Prädikate, wie "staatspolitisch besonders wertvoll" oder "Film der Nation". Aber auch ums deutsche Entertainment hat er sich bemüht, mit Marika Rökk oder Zarah Leander.

Der Neustart nach Kriegsende war für die Ufa langwierig und holperig, erst 1956 kam es zur Reprivatisierung, erneut war die Deutsche Bank hier tätig. Nur wenig wurde noch fürs Kino produziert, mit Helmut Käutner und Georg Tressler, darunter immerhin das fabelhafte "Totenschiff". 1964 kam Bertelsmann an Bord, seitdem wird in Babelsberg vor allem Fernsehen gemacht, "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder Nico Hofmanns Großproduktion "Unsere Mütter, unsere Väter".

Die Ufa, das ist Größe und Niedergang einer großen deutschen Kinoproduktion. Inzwischen laufen die Veranstaltungen zur Hundertjahrfeier auf vollen Touren, Stummfilme mit Musik auf Arte, eine Retrospektive im Berliner Kino Babylon. Eine Traumfabrik ist die Ufa nie gewesen, aber auch nicht eine stupide Propagandamaschine. Man wird in Zukunft auf die Zwischentöne schauen müssen, die sehr abstrakte, intellektuelle Färbung der Melodramen von Detlef Sierck, der in Amerika als Douglas Sirk reüssierte, die morbiden Todesfilme von Veit Harlan ("Opfergang") oder die dunklen Liebesfilme von Gustav Ucicky. Gleich nach seinem notorischen "Heimkehr", der den Überfall auf Polen dramaturgisch legitimieren sollte, drehte er, wieder mit Paula Wessely, "Späte Liebe", ein tristes, von Regen durchtränktes Melodram. Ufa noir.