"Die Mitte der Welt" im Kino Ohne erzählerische Mitte

Beziehungen im Film sind meist problematisch. Bei Homosexuellen wird der Zauber der Verliebtheit aber noch ausführlich zelebriert.

(Foto: Universum Film)

Der neue deutsche Film "Die Mitte der Welt" überzeugt mit seinen jugendlichen Darstellern - wenn da nicht der Hang zu Überdrehtheit und kapriziösem Schnickschnack wäre.

Filmkritik von Rainer Gansera

Ist schwule Liebe vielleicht der letzte Hort der Romantik? Wir haben uns daran gewöhnt, dass Hetero-Liebesgeschichten im aktuellen deutschen Kino unter dem Verdikt stehen, problematische und irgendwie therapiebedürftige Beziehungskisten zu sein, schwankend zwischen Gefühlsblockaden und sexuellen Obsessionen.

Schwule Lovestorys aber dürfen den romantischen Zauber der Verliebtheit noch ausführlich zelebrieren: die Momente taumelnden Glücks und schrecklicher Ungewissheit, den Bann des Begehrens, Rosenduft und Zärtlichkeit. Eine solche Geschichte erzählt der Filmemacher Jakob M. Erwa, frei nach dem gleichnamigen Roman von Andreas Steinhöfel, in "Die Mitte der Welt". Und sie wäre noch bedeutend zauberhafter, wenn die Regie ihren Willen zu Überdrehtheit und kapriziösem Schnickschnack besser zügeln könnte.

Die Darsteller haben künstlich-banale Gefühlsverstärker nicht nötig

Warum zum Beispiel muss mit Zeitlupe und rot eingefärbten Bildern der Moment aufgedonnert werden, in dem Phil, der 17-jährige Held der Geschichte (Louis Hofmann) den neuen Mitschüler Nicholas (Jannik Schümann) erblickt? Beide Darsteller verfügen über eine Aura, die künstlich-banale Gefühlsverstärker nicht nötig hat. Louis Hofmann, mit Preisen überhäufter Nachwuchsstar, kann Phils Verknalltheit spielend spürbar machen, er schenkt der Geschichte jene Augenblicke der Wahrhaftigkeit, die sich gegen die ausschweifende, die Erzählstränge zerfasernde Suche des Regisseurs nach einer Rhetorik der Exaltiertheit behaupten.

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Thema ist Phils adoleszente Gefühlsverwirrung bei der Erfahrung erster Liebe und der Erkundung familiärer Geheimnisse. Kein Thema ist sein Schwulsein, denn das wird von allen akzeptiert. Die Selbstverständlichkeit der Akzeptanz mag verwundern, aber sie befreit das Kaleidoskop juveniler Selbstsuche von missionarischer Coming-out-Dramatik. Zu Beginn kehrt Phil von einem Sommerferien-Camp zurück in eine märchenhaft verwunschene Villa irgendwo am Rande einer Kleinstadt. Dort lebt er mit seiner Zwillingsschwester Dianne, mit der er sich immer gut verstanden hat, und seiner Nervensäge-Mutter, die ihren Nonkonformismus fortwährend zur Schau stellen muss.

Ein Sturm hat nicht nur den Garten zerzaust, er fuhr auch in die familiären Beziehungen: Eiszeit, Entfremdung, und Phil weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat. Zuflucht aber findet er bei seiner besten Freundin Kat, die ihn mit Vanilleeis versorgt und seine Affäre mit Nicholas mit Wohlwollen betrachtet. Durchflochten von Kindheitserinnerungen, kreiseln die amourösen und familiären Dreiecksgeschichten in suggestiver Andeutung um eine fehlende erzählerische Mitte. Im Roman bedeutet für Phil die Bibliothek, also jener Ort, "an dem Geschichten beginnen und enden", die Mitte der Welt. Im Film fehlt das Flucht-in-die-Bücher-Motiv; da erscheint der fehlende Vater als das Vakuum einer Ich-Suche, die erzählerisch verflattert und allein durch den Charme der jugendlichen Darsteller Liebreiz gewinnt.

Die Mitte der Welt, Deutschland/Österreich 2016- Regie: Jakob M. Erwa. Buch: Jakob M. Erwa, nach dem Roman von Andreas Steinhöfel. Kamera: Ngo The Chau. Mit: Louis Hofmann, Sabine Timoteo, Jannik Schümann, Ada Philine Stappenbeck, Svenja Jung. Universum, 115 Minuten.

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