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Kino-Erfolg "Ziemlich beste Freunde":Ein Thema, über das es sich zu reden lohnt

Wenn sie denn erstmal davon erfahren. Weshalb man trotz der Überraschungen festhalten muss, dass "Ziemlich beste Freunde" auch ein strategischer Erfolg ist. Einen Monat vor Kinostart hatte Senator mit halb-öffentlichen Previews begonnen, eigentlich viel zu früh - was aber rund 30.000 Vorabguckern die Chance gab, in den Weihnachtsfeiern herumzuerzählen, wie phantastisch dieser neue Film sei. Mit einer Facebook-Gruppe fing man im Internet gleich die Erstinteressierten ab. Sogar mit MyVideo, der Filmchen-Plattform von ProSiebenSat.1, arrangierte man eine Kampagne. Einem der letzten Plätze, an denen man eine französische Außenseiterkomödie promoten würde.

Das Netz als Ort der Nischenbildung und Zersplitterung, als großer Schulhof voller abgeschotteter Grüppchen - bei "Ziemlich beste Freunde" war es möglich, doch noch einmal ein übergreifendes Gespräch zu stiften: Stille Post, Multiplikation, ohne gleich ein Flugzeug zu kaufen und mit dem Werbebanner drüberzubrettern. Man muss seine Leute an den richtigen Ecken postieren. Man muss sich Zeit geben. Man muss beweglich bleiben, die Strategie korrigieren, während sie schon läuft. Und natürlich: Man braucht ein Thema, über das es sich zu reden lohnt.

"Wir haben schnell gemerkt, dass das ein Film ist, über den die Leute sprechen wollen und müssen." So erklärt Astrid Böhmisch, die Marketingleiterin bei Senator, den Erfolg. Sie berichtet von Teenagergruppen aus schwierigen Berliner Vierteln, Migrationshintergrund, typisches Action- und Multiplexpublikum, das plötzlich auf der Facebook-Seite auftauchte und den Film kommentierte. "Leute, die man sonst nur über TV-Spots erreicht, die nie mit französischem Kino in Berührung kommen." Irgendjemand musste ihnen gesagt oder gemailt haben, dass man den Film mit dem Schwarzen und dem Rollstuhlfahrer gesehen haben muss, unbedingt. Vielleicht die, die in der Woche vorher keine Karte mehr ergattert hatten. Und nun dachten, das müsse ja was Besonderes sein.

Das ist das Absurde an dieser Erfolgsgeschichte - und auch der Grund, warum man am Ende doch eher wenig aus ihr lernen kann: Vielleicht wurde "Ziemlich beste Freunde" nur deshalb ein solcher Pflicht-für-alle-Film, weil Verleih und Betreiber ihn so drastisch unterschätzt hatten. Weil man mit ihm als Zuschauer etwas erleben konnte, was es im Kino kaum noch gibt, etwas, das an sich wirtschaftlichen Schaden bedeutet: Verknappung. Ticketmangel. Unterversorgung. Eine Taktik, die sich heute eigentlich nur noch Firmen wie Apple leisten können, wenn eines ihrer neuen Geräte erscheint. Die man dort einkalkuliert, weil sie nun mal eine Sogwirkung erzeugt. Ein Begehren. Als irgendwann dann auch das letzte Multiplex "Ziemlich beste Freunde" spielte, lief in den Programmkinos, wo die Reise begonnen hatte, schon längst etwas Neues.

Man muss sehr lange suchen, bis man auf der Facebook-Seite den letzten bösen Kommentar zu den "Freunden" findet. Er stammt vom 20. August, als der Film noch immer auf über 270 Leinwänden gezeigt wurde: "Dieser Scheißfilm soll endlich aus dem Kino raus!" Ein Hilferuf aus der letzten Popcornreihe, bedrängt, überrollt vom leichten französischen Komödien-Arthouse. Das wird dem Cineasten auch dann als diebischer Triumph bleiben, wenn "Ziemlich beste Freunde" irgendwann wirklich nicht mehr läuft.

© SZ vom 05.01.2013/vks
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