Kino Eine für alle

Shirin Neshat hat ein panarabisches Heiligtum verfilmt. Ihr Biopic der Sängerin Oum Kulthum, die wie keine andere die Menschen ums Radio versammeln konnte, handelt vom Kampf der Frauen um ihre Kunst.

Von Sonja Zekri

Eine der großen Selbstlügen der Kunst lautet, dass sie Menschen verbindet. Das tut sie nicht. Im Gegenteil. Gerade Kunst kann Menschen besonders hart vor Augen führen, wie wenig sie miteinander zu tun haben. Auch dies lernt man in Shirin Neshats Film "Auf der Suche nach Oum Kulthum".

Die Ägypterin Oum Kulthum war der größte Star, den die arabische Welt kannte. Sie hatte Anhänger in Iran, selbst in Israel, aber nirgends wurde sie so rasend verehrt wie in den Kaffeehäusern von Kairo oder Casablanca. Wenn sie ihre Stimme erhob, also jeden Donnerstag um 17 Uhr, waren die Straßen wie ausgestorben, weil die Menschen sich um die Radios wie zu einem Hochamt versammelten. Ihre Konzerte waren endlos, schon einzelne Lieder konnten Stunden dauern, eine Zeitung schrieb, diese Frau sei der Grund dafür, dass sich der Sonnenaufgang verspäte. Sie sang religiöse, poetische, später auch patriotische Lieder, in Improvisationen um eine Note, ein Motiv oder auch nur einen Zwischenruf. Das ist das, was die Araber hören.

Und die Menschen aus dem Westen? Für sie klingt diese Stimme anders, fremder, vielleicht sogar, sprechen wir es aus: monoton, ja, näselnd.

Shirin Neshat hat in Yasmin Raeis eine wunderbare Oum Kulthum gefunden, eine Monica-Bellucci-Erscheinung mit einem tiefen, warmen Alt. Raeis singt einige der bekanntesten Lieder der Diva, und doch ist es eine fremde Sprache, eine fremde Musikalität,der kulturelle Abgrund ist unübersehbar. Aber dann sehen wir das Publikum, die Reichen im Theater, die Armen in den Cafés, erwartungsfroh, fast ausgehungert, wie sie mit winzigen Gesten die Melodie nachzeichnen, wie ihr Blick sich nach innen richtet, traumverloren, entrückt. "Tarab" nennen die Araber diese musikalische Ekstase, es ist mehr als ein Dialog, fast eine Symbiose zwischen Sängerin und Publikum. Und man begreift: Mag sein, dass das einzelne Werk Menschen trennen kann. Aber die menschliche Empfänglichkeit für Kunst führt sie zusammen.

Die amerikanisch-iranische Künstlerin Shirin Neshat hat zehn Jahre lang an diesem Film gearbeitet, es ist ihr zweiter nach "Women without Men", für den sie 2009 in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde. Neshat hat Iran mit 17 Jahren verlassen, vor der Islamischen Revolution, und jahrelang kreiste ihre Kunst um die verlorene Heimat - ihre Porträts von verschleierten Frauen mit persischen Kalligrafien auf der Haut und Waffen in den Händen, oder ihre Videoarbeiten wie "Turbulence".

"Auf der Suche nach Oum Kulthum" fand die Iranerin Shirin Neshat eine Frau mit vielen Gesichtern: Filmszene mit der späten Oum Kulthum, die das ägyptische Volk wieder aufrichten muss.

(Foto: NFP)

Als Neshat im vergangenen Jahr in Salzburg Verdis Oper "Aida" inszenierte, erhielt sie gemischte Kritiken, und doch war unübersehbar, dass diese Arbeit eine Befreiung war, dass die Wunde der verlorenen Heimat sich schloss und Neues möglich wurde.

Aber Oum Kulthum? Ein panarabischer Mythos, eine Nationalheilige, deren Glanz unter König Faruk groß war, nach dessen Sturz unter Präsident Gamal Abdel Nasser überlebensgroß erstrahlte und nach der Niederlage im Sechstagekrieg fast existenzielle Züge annahm. Natürlich sang sie auch staatsnahe Propaganda für eine Militärherrschaft, aber das ist kein populäres Thema in Ägypten. Wichtiger ist, dass einzig sie, "El-Sitt", die Dame, es vermochte, das geschlagene Volk aufzurichten. Das hatte auch mit Musik zu tun, vor allem aber traf es den Kern der Identität. Wie soll eine Iranerin das nachempfinden?

Neshat versucht, diese Frage durch einen Trick zu lösen: Ihr Film ist die Geschichte einer iranischen Regisseurin, Mitra (Neda Rahmanian), die einen Film über Oum Kulthum dreht. Alle Skepsis, die man Neshat entgegenbringen könnte, schlägt auch Mitra entgegen, etwa die Killerfrage: "Kannst du überhaupt Arabisch?" Als Mitra eine Szene dreht, in der die Sängerin sich von Vater, Bruder und ihren bescheidenen Anfängen ab- und der High Society zuwendet, begehrt ihre Hauptdarstellerin auf: "So kenne ich sie nicht."

Man spürt Shirin Neshats Ursprünge als Videokünstlerin - Dialoge sind nicht ihre Sache

Aber wer kennt die echte Oum Kulthum schon? Es hätte der vielen Vorhänge, Gardinen und Spiegel nicht bedurft, um zu zeigen, dass dies die Geschichte einer Kunstfigur ist, einer Selbstinszenierung. Nur so gelang es Kulthum, als Frau in der Männerwelt der Fünfziger- und Sechzigerjahre - die übrigens weit weniger islamisch war als heute - zu bestehen, nur so genoss sie künstlerische Freiheit und Kontrolle. Einmal sehen wir ein Casting für die ältere Oum Kulthum mit einem Dutzend Diven in Abendkleid und Schmetterlingsbrille. Unmöglich zu sagen, welche die wahre ist.

Man spürt Neshats Ursprünge als Videokünstlerin, Dialoge sind nicht ihre Sache, da müssen Blicke vieles wettmachen. Und bildstarke, farbsatte Sequenzen, die in sich selbst durchaus einen hypnotischen Sog entfalten - aber für einen großen erzählerischen Bogen sind sie doch zu fragmentiert.

Manches lässt Neshat unter den Tisch fallen: etwa dass ihre Protagonistin Frauen liebte, aber heiratete, um den Schein zu wahren. Anderes entlarvt sie ziemlich schonungslos, etwa die Behauptung der Volksnähe. Einmal herrscht die Diva einen kritischen Karikaturisten an: "Wer sind Sie, dass Sie für das Volk sprechen? Ich kann einen Anruf machen, und Sie schlafen auf der Toilette." Woraufhin der Mann, wahrlich kein Sympathieträger, die einzig mögliche Antwort gibt: "Ich schlafe jeden Abend auf der Toilette." Im Grunde aber bleibt Oum Kulthum, die einst als Junge verkleidet religiöse Lieder auf dem Dorfplatz gesungen hatte, ungreifbar und unbegreiflich. Nur wird das zusehends unwichtiger.

Denn Mitras Sohn ist verschwunden, sie hat ihn seit Jahren nicht gesehen, er hasst sie dafür, nun ist er fort. Ist das der Preis, den sie als Künstlerin zahlen muss? Die Strafe für ihren Ehrgeiz als Filmemacherin? Vergeblich ringt sie um Kontrolle ihres Films und ihres Lebens, dann gibt sie auf. In der letzten Szene aber wird klar, dass Mitra ihr bewundertes Vorbild Oum Kulthum hinter sich gelassen hat. Ähnlich ist es wohl auch Neshat ergangen. Vor die Wahl gestellt, ob für eine Frau ihre Familie oder ihre Kunst wichtiger sei, lautet die Antwort der beiden ganz einfach, dass sie nicht einmal die Frage akzeptieren.

Auf der Suche nach Oum Kulthum. Deutschland, Österreich, Italien, Marokk, 2018 - Regie und Drehbuch: Shirin Neshat in Zusammenarbeit mit Shoja Azari. Darsteller: Neda Rahmanian, Yasmin Raeis, Mehdi Moinzadeh, Kais Nashif. NFP, 91 Minuten.