Kino Alles hängt wieder mit dem Erinnern zusammen

Über die Felder aber fliegt ein Officer des Los Angeles Police Department, der keinen Namen trägt, nur vorne ein K, gefolgt von einer Ziffer. Später wird er sich Joe nennen, und das ist dann wohl wirklich ein Kopfnicken in Richtung Franz Kafka und seinen Josef K. aus dem "Process". Officer K. verfolgt künstliche aber täuschend echt aussehende Menschen, die geflohen sind, ihren Besitzern nicht mehr gehorchen und deshalb "pensioniert" werden müssen. Sie werden noch immer Replikanten genannt, ihre Jäger noch immer "Blade Runner", und das bevorzugte Mittel ihrer Pensionierung ist noch immer ein Schuss in den Kopf.

Und entwertet es die Hingabe einer schönen Frau, wenn man sie nicht berühren darf?

K., das wird schon bei seinem ersten Einsatz klar, ist selbst ein Replikant, ein neueres Modell, das keinen Funken von Rebellion mehr in sich trägt und außerdem nach jedem Einsatz psychologisch brutal getestet wird, ob seine "Basiswerte" noch in Ordnung sind. Mit ihm fühlen sich die Menschen sicher - etwa die herrische Polizeibeamtin (Robin Wright), der er zugeordnet ist. Anders als bei den älteren, aufständischen und leider viel zu langlebigen Modellreihen, die sich an ihre Existenz klammern und die inzwischen als biotechnische Fehlschläge gelten. Die muss er aus dem Verkehr ziehen.

Ryan Gosling spielt diesen Officer K., und die somnambule Souveränität, die er dafür braucht, scheint er bereits aus früheren Filmen mitzubringen, etwa Nicolas Winding Refns "Drive". Auf dem Gang vor seinem engen Apartment herrscht permanenter Krawall, kein Gedanke mehr an die apokalyptische Leere der Stadt noch vor dreißig Jahren. Der Trost seiner Abende aber ist Joi (Ana de Armas), die wunderschöne Virtual-Reality-Gefährtin für alle, für die echte Lust-Replikanten unerschwinglich sind. Sie bemüht sich im Rahmen ihrer Algorithmen, ihm eine echte Freundin zu sein. Er teilt sogar Geheimnisse mit ihr, und schwer halluzinatorisch ist dann die Szene, in der sie eine Prostituierte anheuert, endlich fast berührbar wird und beim Sex beinahe mit der anderen Frau verschmilzt.

Ein Replikant aber, der nicht bald existenzielle Fragen stellte, wäre der Fortschreibung dieser großen Geschichte unwürdig. Und so geschieht es auch. Man kann als Kritiker nur leider kaum erzählen, welche Entdeckungen und Ereignisse es sind, die Officer K. im Zuge seiner Arbeit im Innersten aufwühlen und ihn plötzlich auf eine ganz andere Suche schicken, eine Reise der Selbsterforschung, voller Angst und Hoffnung zugleich. Fast flehentlich sind die Bitten des Regisseurs und des Studios, keine Hinweise zu geben, die Zuschauer selbst in diesen Fragen versinken zu lassen.

Aber natürlich hängt alles wieder mit den Erinnerungen zusammen und mit dem ewigen Replikantenrätsel, ob diese nur synthetisch sind oder wirklich erfahren und erlebt. Da kann die Frage, ob ein geschnitztes Kinderholzpferd noch immer an der Stelle liegt, wo es vor Jahrzehnten versteckt wurde, nicht nur existenziellen Suspense entwickeln - auf einmal hängt die ganze Ordnung der Dinge in dieser Sklavenhalterwelt davon ab.

Und dann diese Hologramme der Nostalgie überall, Sinatra, Elvis, Marilyn Monroe. Künstliche Erinnerungen sind ja nicht nur ein Replikatentenproblem. Retro-, Revival- und Fortsetzungsfallen, wohin man blickt, wovon sich der Film aber nicht aufhalten lässt. Souverän schwebt er weiter, unaufhaltsam auf dem Weg zu eigener Größe, auf einem Passionsweg, wo jede Station zum visuellen Fest wird, jede einzelne mit der Kraft, neue Träume zu prägen. Am Ende reibt man sich beinahe ungläubig die Augen. War da wirklich eine Müllhaldenwelt, wo früher San Diego lag, mit marodierenden Banden und versklavten Kinderheeren, die seltene Metalle aus dem Schrott extrahierten? Oder diese Replikanten-Geburtsschleimszene mit dem wahnsinnigen Großindustriellen Niander Wallace (Jared Leto), der nicht nur die Menschheit ernährt, sondern auch den Replikanten-Hersteller von damals übernommen hat? Oder dieser Besuch bei der Meisterin der Gedächtnisimplantate (die "Feuchtgebiete"-Schweizerin Carla Juri auf dem Sprung zum Weltruhm), die uns bei der todtraurigen Kreation eines Kindergeburtstags zusehen ließ?

Vielleicht, aber wir werden da noch mal zurückkehren müssen. Genau wie in die radioaktive "Todeszone" Las Vegas, wo man endgültig den Verstand zu verlieren glaubt, weil es aussieht, als hätte der russische Kinomystiker Andrei Tarkowski hier mit dem Popart-Egomanen Jeff Koons einvernehmlichen Sex gehabt. Und das ist dann auch der Ort, wo Harrison Ford endlich auftauchen darf - als der grimmige Rick Deckard, einst selbst ein "Blade Runner", nun aber ein Gejagter wie alle anderen Renegaten auch. Er könnte ein paar entscheidende Fragen aus der Vergangenheit beantworten - oder auch einfach keine Lust dazu haben.

Denn entscheidend ist am Ende eben doch, was K., den Erkenntnissucher, quält. Und nahezu genial sind die Antworten, die "Blade Runner 2049" ihm geben kann - wenn auch nur implizit. Werden Szenen, die sich tief in dein Gedächtnis eingegraben haben, weniger wertvoll dadurch, dass du sie nicht selbst erlebt hast? Und entwertet es die Hingabe einer wunderschönen Frau, die dir täglich voller Liebe in die Augen blickt, wenn du sie nicht berühren kannst? Es existiert eine Droge, die Antwort darauf gibt. Sie hat lebensverändernde Macht und tiefe halluzinatorische Wirksamkeit, und wir Menschen kennen sie seit mehr als hundert Jahren. Wir haben sie Kino genannt.

Blade Runner 2049, USA 2017 - Regie: Denis Villeneuve. Buch: Hampton Fancher, Michael Green. Kamera: Roger Deakins. Ausstattung: Dennis Gassner. Musik: Hans Zimmer, Benjamin Wallfisch. Mit Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Sylvia Hoeks, Robin Wright, Jared Leto. Sony, 163 Min.

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