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Kino: Easy Virtue - Eine unmoralische Ehefrau:Opfer ihrer selbst

Der verloren geglaubte Sohn hat heimlich geheiratet - ausgerechnet eine Unperson: Schwiegermutter ist "not amused". Colin Firth und Jessica Biel in einer neuen alten Tragikkomödie.

Manchmal hat ein altes Stück schon eine neue Bearbeitung verdient, nur weil das Verstreichen der Zeit die Verhältnisse geändert hat, und es heute möglich ist, den Figuren eine späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. "Easy Virtue" ist ein Theaterstück von Noël Coward, es stammt aus der Zeit, die man früher "zwischen den Kriegen" nannte - so viele Kriege später sollte man es doch genauer sagen: in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts.

Jessica Biel

Wild unterwegs: Jessica Biel in "Easy Virtue - Eine unmoralische Ehefrau".

(Foto: ap)

Eine Komödie mit angedeutetem Kriminalfall, weswegen Alfred Hitchcock sie schon einmal verfilmte, 1928, als Stummfilm - was bei Coward mit seinen brillanten Dialogen schon mal auf alle Fälle eine Verschiebung des Fokus erfordert. Aber Hitchcock war Cowards Boshaftigkeit durchaus nahe - zum Beispiel im kleinen Austausch zwischen böser Schwiegermutter und dem Flittchen, das der Sohn geheiratet hat. Wie viele Liebhaber hattest du denn nun wirklich ... ? Oh, ich glaube nicht, dass sie mich geliebt haben.

Ein Skandal, ein Skandal

Hitchcock hatte damals in Südfrankreich gedreht und Gerichtsszenen eingebaut - in der neuen "Easy Virtue"-Fassung ist alles wieder, wie bei Coward, an einem Ort, in einer Zeit. Und es ist eben schön, wenn das Kino heute Geschichten nacherzählt und all das in sie hineinpackt, was früher draußen bleiben musste.

Stephan Elliott - der nach "Priscilla, Königin der Wüste" eigentlich ein angesagter Regisseur war, aber seit "Das Auge" mit Ewan McGregor vor elf Jahren keinen Film mehr gemacht hat - nimmt sich nun also das alte Coward-Stück vor, das kein freiheitsbeschwingter Zauber aus den Roaring Twenties ist, sondern eine Geschichte aus den moralisch beengten Verhältnissen auf einem britischen Landsitz.

Ein Skandal bahnt sich an: Der verloren geglaubte Sohn der Whittakers, John (Ben Barnes), hat sich angesagt, zum Leidwesen seiner Mutter (Kristin Scott Thomas) in Begleitung seiner Frau Larita (Jessica Biel), die er heimlich geheiratet hat. Bei der kommt wirklich alles zusammen - erst mal ist sie, oh Schreck, Amerikanerin, dann, fast noch schlimmer, Rennfahrerin - und dann, das setzt dem Ganzen die Krone auf, auch noch geschieden.

Nur Johns Vater (Colin Firth) steht alldem mit Gelassenheit gegenüber - aber das liegt vielleicht daran, dass der Krieg nicht viel übrig gelassen hat von seinen Emotionen. Die Versuchsanordnung, die Coward sich da ausgedacht hat, ist eine Art Schwiegermutter-Variante von Aschenputtel. Auf welche Seite man sich zu schlagen hat, ist eigentlich klar - dass Kristin Scott Thomas die vorgegebenen Sympathie-Verhältnisse dann aber mit Witz und Charme doch wieder durcheinanderbringt, gehört zu den amüsantesten Einfällen, die Elliott hatte.

"Easy Virtue - eine unmoralische Ehefrau" hat keinerlei Laura-Ashley-Glamour, der Landsitz der verarmten Whittakers ist ein baufälliger, uncharmanter, schlecht geheizter Kasten aus einer glorreichen Vergangenheit, an die sich bald niemand mehr erinnern wird. Selten sieht man den Mythos vom englischen Landadel im Kino entzaubert - was in diesem Fall aber in Cowards Stück schon angelegt ist, vor allem in seiner amerikanischen Heldin Larita, die von einer Zukunft kündet, in der die überkommenen Moralvorstellungen ihrer Schwiegermutter keine Rolle mehr spielen werden.

Mit nacktem Hintern

Larita mischt die Whittakers tüchtig auf. Sie verleitet eine ihrer Schwägerinnen dazu, ihren nackten Hintern auf einer Bühne zu präsentieren (so was macht man halt gerade in Paris, das lässt sich einem britischen Landei mühelos einreden), sie setzt sich versehentlich auf den winzigen und über alles geliebten Hund ihrer Schwiegermutter, entsorgt die Leiche in einem Sofakissen und wird dann doch überführt - weswegen es auch alle, sogar ihr Mann, recht naheliegend finden, zu glauben, sie hätte mit dem Ableben ihres geschiedenen ersten Gatten irgendetwas zu tun gehabt.

Eine Komödie mit der Struktur einer Tragödie hatte Coward sich damals vorgenommen, und er schrieb sich mit "Easy Virtue" seinen Frust von der Seele - Coward war zwar erst Anfang zwanzig, aber in England schon ein Theater-Star, doch das änderte nichts daran, dass ihm die Upper Class naserümpfend die Freizügigkeit seiner Stücke um die Ohren haute.

"Easy Virtue" kommt mit der Zeit die Leichtigkeit abhanden, der Story an sich, die irgendwann tatsächlich eher eine Tragödie ist über gescheiterte Beziehungen; und gleichzeitig wird die Nuancierung der Figuren immer komplexer - es wäre Coward zu billig gewesen, die Whittakers als Karikaturen vorzuführen, eher schon mutieren sie vor unseren Augen zu den Opfern ihrer eigenen Konventionen.

Die Mutter, die mit allen Problemen allein gelassen ist, versucht die Familie zusammenzuhalten und durchzubringen, der Vater, dessen leibliche Hülle noch anwesend ist, der aber in Gedanken längst die Flucht ergriffen hat. Colin Firth ist in seinem Element in einer Rolle, die so viel schnoddrigen Sarkasmus zulässt, er darf das alles noch ein wenig weiter treiben, als zu Cowards Zeiten möglich gewesen wäre. Er macht aus dem Vater einen Deserteur des Countrylife, darf alles hinter sich lassen und von vorne beginnen.

EASY VIRTUE, GB 2008 - Regie: Stephan Elliott. Buch: Stephan Elliott, Sheridan Jobbins, basierend auf dem Stück von Noël Coward. Kamera: Martin Kenzie. Mit: Kristin Scott Thomas, Colin Firth, Jessica Biel, Ben Barnes, Kris Marshall, Kimberley Nixon. Sony, 97 Min.

© SZ vom 24.06.2010/rus

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