Kino Durchs verheißene Land

Auf den Spuren des „King“ – der 1963er Rolls-Royce, der einmal in Elvis Presleys Besitz war, fährt durch die Badlands von South Dakota.

(Foto: Arsenal Films)

Was lernt man über die USA, wenn man im Trump-Wahlkampf 2016 mit Elvis' Rolls-Royce on the road geht? Die Film-Dokumentation "The King" von Eugene Jarecki folgt den Spuren eines amerikanischen Mythos.

Von Fritz Göttler

Ed Sullivan war stur. Der große Fernseh-mann wollte den jungen Superstar Elvis Presley, nach dem innerhalb kürzester Zeit ganz Amerika verrückt geworden war, partout nicht in seiner Show haben. Zu prollig, zu vulgär. Stattdessen widmete er seine Sendung dem weißen Wal Moby Dick, der eben mal wieder verfilmt worden war, von John Huston, mit Gregory Peck als Ahab, dem Kapitän mit Wal-Trauma.

Diese Sturheit ist eine ungewöhnlich komische Episode in Eugene Jareckis mitreißendem "The King - Mit Elvis durch Amerika", wie ein Einzelner hartnäckig nicht mitmachen will im Mainstream. Ein Retromoment in einem Film, der mit Rasanz dahinprescht, unermüdlich, unausschöpflich, manchmal auch ein wenig erschöpfend. Eine irre success story, die amerikanische success story des 20. Jahrhunderts überhaupt. Und doch sind im Überschwang der Bilder, Archivszenen, Statements die finsteren, erschreckenden, perversen Momente nicht zu übersehen.

Der Filmemacher Jarecki durfte für sein Projekt den 1963er Rolls-Royce fahren, der einmal im Besitz des King war, und er zog los mit ihm für ein Roadmovie, das nicht nur durch die Städte und Stationen von Elvis' Karriere führt - Tupelo, die Geburtsstadt, Memphis, Hollywood, Las Vegas -, sondern tief ins Unbewusste des amerikanischen Traums. Zeitzeugen und -Analytiker nehmen Platz in der Limousine und vor der Kamera, Alec Baldwin, Ethan Hawke und Ashton Kutcher, Emmylou Harris und natürlich Greil Marcus, der eines der großen Elvisbücher schrieb.

Es geht sehr eloquent und bisweilen ruppig zu. Für die meisten war Elvis ein Held, sagt etwa der Politrapper Chuck D, "but he never meant shit to me". Es geht darum, wie Elvis den Schwarzen ihre Musik klaute, wie er sich für den Militärdienst, in Germany, seines Rebellentums entkleiden ließ, im Gegensatz zu Muhammad Ali, der den Kriegsdienst verweigerte - wie er unbedingt in Hollywood Erfolg haben wollte (und viele Filme aus dieser Zeit sind wirklich großartig: "King Creole" oder "Kid Galahad", "Flaming Star" oder "Viva Las Vegas").

"Promised Land" hieß diese Dokumentation, als sie beim Festival in Cannes voriges Jahr uraufgeführt wurde. Aus dem verheißenen Land ist inzwischen America first geworden. Was der Mitfahrer David Simon, Schöpfer der Fernsehserie "The Wire", spöttisch kommentiert, als der Rolls einmal zur Reparatur muss - warum Jarecki denn ein ausländisches Fabrikat genommen habe, kein amerikanisches, einen Cadillac.

Elvis steht am Ursprung des American Dream des vorigen Jahrhunderts, des propagierten pursuit of happiness. Aber es ist das Amerika im Wahlkampf 2016, durch den Jareckis Elvis-Trip führt. Wie die Zeiten sich überlagern, damit spielt der Film von Anfang an: Trump, der "Fat Orange Elvis"? Nach der Vorführung in Cannes dämmerte es Jarecki, dass es doch gerade andersherum war: "Trump ist das Gegenstück zu Elvis. Die Verkörperung von allem, was Elvis Presley umbrachte, diese ganze Gier, diese unförmigen Prioritäten, diese faultierträge Sucht, diese weißen elitären Männervorstellungen ... Vor allem ist er eine Verkörperung des Kapitalismus, der Elvis Presley zerstörte."

Das Spiel der Überblendungen endet nie in diesem Film, die Gegenwart ist nicht zu trennen von der Vergangenheit, die Identität nicht von der Projektion. Irgendwann ist Elvis dann selbst eine Art Ahab geworden. Ein Besessener. Der keine Angst hat vor seiner eigenen Monstrosität.

The King, USA 2017 - Regie: Eugene Jarecki. Buch. Jarecki, Christopher St. John. Kamera: Tom Bergmann, Christopher Frierson, Étienne Sauret. Schnitt: Simon Barker, Alex Bingham u.a. Mit: Alec Baldwin, Chuck D, Emmylou Harris, Ethan Hawke, Greil Marcus. Verleih: Arsenal. 107 Minuten.