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Kino:Die Regeln des Spiels

CHAMPAGNER & MACARONS

Sie spielen und schreiben gemeinsam, Regie führt sie: Jean-Pierre Bacri und Agnès Jaoui.

(Foto: Tiberius Film /Guy Ferrandis)

Ein neuer Film von Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri, den melancholisch-heiteren Chronisten des französischen Kultur­bürgertums: "Champagner & Macarons".

Von Fritz Göttler

Ein Gartenfest, in einem Anwesen nahe Paris, einen Steinwurf weg, 35 Minuten. Ein unaufhörliches Kommen und Gehen und Flanieren, der Blick schweift ab und bleibt an jemand anderem hängen, den man überraschenderweise entdeckt, schon wird das Gespräch abgebrochen, in dem man sich befindet. Oft geht es in die Küche, wo vorbereitet wird fürs Servieren und kleine Intermezzi stattfinden, wo also die Vergangenheit beklagt wird und die Einsamkeit, die sich in die Zukunft einschleicht.

"Place Publique" heißt lapidar dieser Film im Original, daraus wurde ein eher sperriger deutscher Titel. Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri haben das Drehbuch geschrieben, ihre fünfte Zusammenarbeit fürs Kino, Jaoui hat auch inszeniert. 2000 haben sie mit "Le Goût des autres/Lust auf Anderes" einen der reichsten, melancholischsten, komischsten Filme des französischen Kinos geschaffen. Dass "Place Publique" immer noch ungewöhnlich reich ist, aber nicht mehr so glanzvoll in seiner melancholischen Komik, hat damit zu tun, dass die französische Gesellschaft, und sicher nicht nur diese, sich so radikal verändert hat und die Grenze zwischen dem Privaten und dem Allgemeinen sich zersetzt.

Das Gartenfest veranstaltet Nathalie (Léa Drucker), sie weiht damit ihr neues Haus auf dem Lande ein. Sie ist TV-Produzentin und den ganzen Abend damit beschäftigt, mit den Männern ihres Senders im Kontakt zu bleiben. Einer ihrer Stars ist auch anwesend, Castro, ein agiler, aber alternder Kulturmoderator, gespielt von Bacri. Der Ruhm ist ihm manchmal lästig, aber natürlich er braucht ihn, unbedingt. Er wird nervös, als er über eine App mitkriegt, dass seine Freundin in ihrem Taxi mehr als eine Stunde Pause einlegte. Auch Castros Ex ist auf dem Fest, Héléne, gespielt von Jaoui, die Schwester von Nathalie. Die ganze Zeit, die wir verheiratet waren, bist du immer fremdgegangen, merkt sie an, nun bist du plötzlich selbst eifersüchtig... Héléne will unbedingt, dass Castro und Nathalie eine junge Afghanin in ihrer nächsten Sendung unterbringen, der sozialen Relevanz wegen. Hat sie die alten Ideale, die sie und Castro einst hatten, immer noch bewahrt?

Der Idealismus ist, als gesellschaftliche Haltung, in Frankreich nie so unvermittelt wie bei uns und nie in Gefahr, ins Peinliche abzudriften. Nur selten ergreift das französische Kino Partei - "jeder hat seine eigenen Gründe, seine Motive", auf den berühmten Satz von Jean Renoir haben noch die Filmemacher der Nouvelle Vague sich immer wieder berufen. Auch Agnès Jaoui liebt ihn, und vor dem Dreh zu "Place Publique" hat sie ihren Mitarbeitern "Die Spielregel" gezeigt, Renoirs Meisterstück vom Ende der Dreißiger, atemlos zwischen Komik und Melancholie wechselnd, der französische Festfilm par excellence.

Das Internet hat die alte Sicherheit der Medienstars von Film und Fernsehen destabilisiert - weil nicht mehr sie oder ihre Agenturen den Moment festlegen können, wann und wie sie im Bild erscheinen. Ein Mädchen aus dem Dorf, das servieren soll, ist vor allem mit dem Selfiemachen beschäftigt. Die Tochter von Castro und Héléne hat ein Buch geschrieben über ihre Eltern, und Castro ist traurig frustriert, dass sie darin auch sein Toupet erwähnt und öffentlich gemacht hat.

Eine der schönsten Szenen kommt, bevor das Fest richtig beginnt, bei Castros Anreise. Da lehnen er und sein junger Chauffeur Manu während einer Pause am Wagen, und hinter ihnen ist ein weiter Himmel, wie in einem amerikanischen road movie. Es ist ein Bild wie aus einem anderen Film. Agnès Jaoui liebt diese Stillleben, diese Momente des Stillstands, der Leere, des Nichts. Diese Menschen, deren Existenz vor allem aus Warten besteht.

Place Publique, F 2018 - Regie: Agnès Jaoui. Buch: Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri. Kamera: Yves Angelo. Schnitt: Annette Dutertre. Mit: Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri, Léa Drucker, Kévin Azaïs, Nina Meurisse, Sarah Suco, Héléna Noguerra, Olivier Broche, Mister V. Verleih: Tiberius, 98 Minuten.

© SZ vom 24.10.2018
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