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Kino:Die Rache des Ölgemäldes

Der Netflix-Film "Die Kunst des toten Mannes" beginnt als Satire auf den Kunstmarkt und endet als Horrorthriller.

Hilflos ist die Kunst den Menschen und ihren blasierten bis lüsternen Blicken ausgesetzt. Stumm muss sie an den Wänden hängen oder auf dem Boden stehen und demütig hinnehmen, dass sie Eitelkeiten bedient, Gier befriedigt, als Ware verschachert wird. 1985 hat Eckhart Schmidt in seinem Film "Loft" ein Szenario durchgespielt, in dem die Bilder zurückschlagen. Als personifizierte Mörder fielen sie brutal über ihre ignoranten Betrachter her. Fast könnte man glauben, dass der amerikanische Regisseur Dan Gilroy diese Idee in seinem Netflix-Thriller "Die Kunst des toten Mannes / Velvet Buzzsaw" jetzt weiterspinnt.

Auch wenn es eher unwahrscheinlich sein dürfte, dass er den obskuren deutschen Film kennt. Nachdem Gilroy zusammen mit Jake Gyllenhaal als Reporter und Rene Russo als Redakteurin in "Nightcrawler" 2014 die Mechanismen der nächtlichen Journalistenjagd nach den Sensationen erforscht hat, nehmen sich die drei jetzt den Kunstmarkt vor. Dabei denkt Gilroy durchaus auch an seine eigene Rolle im Filmgeschäft, daran, dass man sich aus den richtigen Gründen für ein Projekt entscheiden sollte. Am Anfang des Films wird man als Zuschauer zugleich angezogen und abgestoßen von den glänzenden Oberflächen auf dem Kunstjahrmarkt, im hyperaktiven Drive auf der Achterbahnfahrt der Kunstmoden auf der Art Basel, Miami Beach. Gleich in der ersten Szene ist klar, dass der Kunstkritiker Morf Vandewalt (Jake Gyllenhaal) ein Star der Szene ist. Während ein Pärchen am Empfangscounter um nicht hinterlegte Eintrittskarten feilschen muss, kann er seine im Vorübergleiten entgegennehmen. Seine messerscharfen Sottisen können die Existenz von Künstlern und Galeristen kreieren und vernichten. Das bunt aufgeputzte Kunstvölkchen an den Messeständen hört auf exzentrische Namen wie Rhodora Haze, Jon Dondon, Damrish oder Gretchen und hungert danach, den nächsten Trend von seinen Lippen abzulesen.

Karikaturen der Kunstbranche und ihrer Experten: Rene Russo und Jake Gyllenhaal in "Die Kunst des toten Mannes".

(Foto: Claudette Barius/AP)

Grandiose Schauspieler wie Russo und Gyllenhaal, John Malkovich und Toni Collette lassen hinter diesen köstlichen Karikaturen feine Spuren menschlicher Sehnsüchte aufschimmern. Rund fünfzehn Minuten lang ist dieser Film eine ebenso böse wie oberflächliche Parodie auf den Kunstmarkt und seine Gesetzmäßigkeiten, mit schillernden Oberflächen und zynischen Dialogen.

Die Kunst beißt, würgt, verbrennt und ertränkt ihre Betrachter in diesem Film

Doch dann wechselt mit dem Schauplatz auch der Tonfall. Kaum größer könnte der Kontrast sein zwischen den klinisch weißen Räumen der Kunstkojen und Galerien mit ihren sparsamen Präsentationen und der düsteren Messi-Atelierwohnung des ruhmlos verstorbenen alten Künstlers Ventril Dease, mit Tausenden Zeichnungen und Gemälden an den Wänden und auf dem Boden.

Als die Galerie-Angestellte Josephine morgens zur Arbeit gehen will, entdeckt sie den leblosen Körper des alten Mannes im Treppenhaus über ihr. Als sie am Abend nach Hause kommt, folgt sie dem Miauen einer Katze in seine Wohnung und ist überwältigt von der an Francis Bacon oder Robert Crumb erinnernden, finsteren Kraft der Bilder, mit denen sie dort konfrontiert ist. Albtraumhafte Ausgeburten einer geschundenen Seele, deren Wirkung sich kein Betrachter entziehen kann, gerade weil sie aus innerer Not und ohne Rücksicht auf den Markt entstanden sind.

Der alleinstehende Künstler hat verfügt, dass seine Bilder vernichtet werden, Josephine aber will sie retten. Sie ahnt nicht, welche Dynamik sie mit ihrer Aktion in Gang setzt. So wandelt sich die schrille Satire in einen Thriller, der sich wiederum zum abgründig bösen Horrorfilm transformiert, über einen Künstler, dessen innere Dämonen in seinen Bildern weiterleben und jeden, der sich an ihnen bereichern will, zum Opfer bizarrer Morde macht.

Die Kunst greift aus, beißt zu, würgt und verbrennt. Ein Bild saugt einen gierigen Galerie-Assistenten ein, andere ertränken eine Betrachterin in ihren Farben, eine Installation zieht den Galeristen am Strick in ihren Bann, eine Skulptur verschlingt eine Kuratorin, macht sie zum bluttriefenden Teil der Ausstellung.

Wer vom Weg der reinen Kunst abkommt, den ereilt dasselbe Schicksal wie sonst im Horrorfilm die Wochenendurlauber, die eine falsche Abkürzung nehmen, und das Monster ist hier die Kunst. Dafür findet Dan Gilroy, Bruder von Tony Gilroy, dem Drehbuchautor der Jason-Bourne-Filme und Regisseur des Thrillers "Michael Clayton" kunstvolle Bilder. Zum Beispiel wenn die Farbe aus den Bildern einer Ausstellung über die Wände auf den Boden läuft und von dort in den Körper eines Opfers suppt. Oder wenn das Tattoo mit der Kreissäge aus dem Originaltitel - "Velvet Buzzsaw" - sein zerstörerisches Werk beginnt.

Velvet Buzzsaw, USA 2019 - Regie und Buch: Dan Gilroy. Kamera: Robert Elswit. Schnitt: John Gilroy. Musik: Marco Beltrami, Buck Sanders. Mit: Jake Gyllenhaal, Rene Russo, Zawe Ashton, Tom Sturridge, Toni Collette, Natalia Dyer, John Malkovich, Billy Magnussen. Abrufbar auf Netflix, 112 Minuten.

© SZ vom 05.02.2019

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