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Kino: Die Päpstin:Eine grandiose Verschwörungstheorie

Wortmann hat das unterhaltsam und humorvoll genug inszeniert. John Goodman als sinnenfreudiger Vorgänger-Papst beispielsweise hat einen köstlichen Auftritt - einer der Männer in Johannas Leben, die sind wie die guten Feen im Märchen: der älteste Bruder, der ihr Latein beibringt; der Lehrer, der ins Dorf kommt und das widernatürliche Kind gegen den Willen des Vaters fördert; der spätere Geliebte Gerold, der sie als Kind aufgenommen hat; ein Kirchenbruder, und eben der wahrhaft väterliche Papst. Das ergibt immer wieder eine schöne Spannung, doch Johanna bleibt dabei ein beschützenswertes Kind, verführerisch oder lustvoll wird sie nie.

Aus Johannas Leben als Mann macht der Film nichts. Eine Frau im Kloster, schließlich im Vatikan - die Problematik erschöpft sich im Abbinden ihrer Brust und im Verbergen ihrer Menstruation. Ansonsten bleibt Johanna, der kindlichen Schwärmerei für Gerold und der Schwangerschaft am Schluss zum Trotz, so rein und keusch, als hätte sich die Kirche selbst dieses Weib ausgedacht. Man würde dann doch vielleicht gerne wissen, was in einer anderen Version dieser Geschichte zu finden gewesen wäre, in der es nicht um Gott, sondern um Willen geht - um einen Kampf um Selbstbestimmung in einer Welt, die kein individuelles Verlangen, keinen Ungehorsam duldet.

Eine sehr verlockende Fiktion; ob es eine solche Frau im Mittelalter hätte geben können, ist eine andere Frage. Die Zeitangaben, wann die Päpstin Johanna amtiert haben soll, differieren ein wenig, entweder im 11. Jahrhundert oder - wie im Roman und bei Wortmann - im 9. Jahrhundert. Die Quellen für die Legende sind alle jünger, die wichtigste ist eine Chronik von Martin von Troppau. Eine Schwangerschaft beendet jedenfalls Johannas Laufbahn - sie kommt als Papst während einer Prozession nieder, und je nach Quelle wird sie anschließend verbannt, stirbt bei der Geburt oder wird während selbiger gesteinigt.

Dabei hätte man etwas mehr Wundergläubigkeit, ein wenig mehr Vertrauen in die Gebärfähigkeit des Stellvertreters Gottes auf Erden doch von einer Glaubensgemeinschaft erwarten können, die sich recht großzügig in Fragen der jungfräulichen Empfängnis verhält. Vielleicht haben die Geschichte tatsächlich böswillige Protestanten in die Welt gesetzt, die Daten können jedenfalls nicht stimmen, und einen zusätzlichen Papst aus jedem europäischen Kirchenbuch tilgen von Dublin bis Dubrovnik - das wäre eine logistische Monsteraufgabe, der nicht mal eine technisch hochgerüstete zeitgenössische Spezialeinheit Herr werden würde.

Eine grandiose Verschwörungstheorie steckt in der Geschichte trotzdem, es bleibt immer ein Rest von Zweifel. Woher kommt die tausendjährige Angst, es könnte dem Vatikan irgendwann mal eine Frau durchgeschlüpft sein? Das hinterher offen zuzugeben wäre ja in der Tat schwierig gewesen. Was die Legende nur befeuert hat. Man kann letztlich immer so argumentieren wie die Autorin Donna Cross selbst - wo so viel historischer Rauch ist, muss es auch ein Feuer gegeben haben. Einst glaubte jedenfalls die katholische Kirche selbst an die Geschichte von Johann Anglicus, der Päpstin aus Mainz.

Im Ende des Films, in seinen letzten Szenen, steckt jedenfalls viel subversive Energie. Da gibt es noch eine Frau in Rom, die unerkannt unter den Kirchenmännern lebt, und Wortmann wirft einen fast diabolischen Blick in die Menge, der alle Sicherheiten ins Wanken bringt: Sie können überall sein, und keiner weiß, wie viele - wie ein Angriff der Außerirdischen, eine unbemerkte Invasion der Körperfresser.

DIE PÄPSTIN, D 2009 - Regie: Sönke Wortmann. Drehbuch: Sönke Wortmann, Heinrich Hadding, nach dem Roman von Donna Woolfolk Cross. Kamera: Tom Fährmann. Mit: Johanna Wokalek, David Wenham, John Goodman. Constantin, 148 Minuten

© SZ vom 21.10.2009/iko
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