Kino Die Affären bleiben, das Papier wird weniger

Der französische Regisseur Olivier Assayas erzählt in seinem Kinofilm "Zwischen den Zeilen", wie die Digitalisierung die Pariser Kulturszene aufmischt.

Von Susan Vahabzadeh

Sogar die Bücher führen neuerdings ein Doppelleben, eines auf Papier, und ein digitales, das ganz anders verlaufen kann. E-Books und die Zukunft des Romans, das sind die Dinge, über die gesprochen wird, wenn der Verleger Alain (Guillaume Canet) und seine Frau, die Schauspielerin Selena (Juliette Binoche) zum Abendessen einladen. Die beiden sind moderne Bohemiens mit einem fürchterlich geschmackvoll eingerichteten Haus in Paris. Und sie führen ein Doppelleben, "Doubles vies" hat der Regisseur Olivier Assayas seinen Film im Original genannt, bei uns heißt er "Zwischen den Zeilen". Im Leben Nummer eins sind Selena und Alain ein beneidenswertes Traumpaar. Im Leben Nummer zwei hat sie eine Affäre mit dem Schriftsteller Léonard Spiegel (Vincent Macaigne), und Alain schläft mit der hippen und sehr jungen Digitalisierungsspezialistin, die er in seinem Verlag eingestellt hat, um ihn flott zu machen für die Zukunft.

"Zwischen den Zeilen" ist eine Art Sittenstück, eine Gesellschaftskomödie, und das ist für Olivier Assayas ("Carlos - der Schakal", "Die Wolken von Sils Maria") eher ungewöhnlich. Man ist von ihm gewohnt, dass er das Philosophieren im Rahmen eines Thrillers betreibt; hier sinniert er über Veränderung nach, und dabei seziert er sein Personal, so wie es früher Woody Allen gemacht hat. Er hat ein paar Figuren geschaffen, mit denen man ganz gern zusammen ist, und doch tut es nicht allzu weh, wenn es ihnen dann an den Kragen geht. Der Liebhaber von Selena ist der Gast beim Abendessen, und es gibt noch viel mehr Grund zu gewissen Untertönen als das.

Die Beziehungskonstellationen erinnern an den frühen Woody Allen: Juliette Binoche und Guillaume Canet in „Zwischen den Zeilen“.

(Foto: epd)

Gerade erst hat Alain, mit dieser Szene beginnt "Zwischen den Zeilen", sich mit Léonard zum Essen getroffen, und ihm erst subtil, dann auf Nachfrage ausgesprochen rüde mitgeteilt, dass er seinen neuen Roman nicht herausbringen wird. Léonard schreibt vorwiegend über sich selbst, auch über seine Affäre mit Selena; das klingt dann auch für unbeteiligte Zuschauerohren nicht nach dem Roman, auf den die Welt gewartet hat.

Die Branche ist im Umbruch, und Assayas versucht, seine Geschichte um diesen Zeitenwandel herum zu stricken und alles, was er mit sich bringt. Die außerehelichen Affären sind nicht neu, aber die Tweets und die Diskussionen darüber, ob es bald überhaupt noch Bücher geben wird. Olivier Assayas ist mit der Filmemacherin Mia Hansen-Løve liiert, und "Zwischen den Zeilen" ist so eine Art Gegenstück zu ihrem Drama "Alles was kommt" (2016), was nicht bedeuten soll, er habe ähnlich wie sein Anti-Held Léonard nur aus dem eigenen Vorgarten zu berichten. Aber beide Filme kreisen um denselben Kern, die Angst, der Intellekt könnte demnächst wegdigitalisiert und durch einen Algorithmus ersetzt werden. Bei Hansen-Løve spielte Isabelle Huppert eine Philosophielehrerin, die als Autorin nicht mehr ernst genommen wird, weil sie nicht mit der Zeit geht, und der nach und nach ihr Leben und ihre Identität abhanden kommen.

So gesehen haben die Figuren von Assayas noch Glück, sie gehören einer wohlhabenden Bildungsoberschicht an, die vielleicht vom Aussterben bedroht wird, aber es macht ihr keiner den Garaus. Ganz leichtfüßig schlängeln sie sich durch die Veränderung, die ihre Berufe und ihr Privatleben erfasst hat, und am Ende findet sich dann doch alles. Aber es stellt sich auch die Erkenntnis ein, dass es manchmal anders läuft, als man denkt. Die E-Books haben, weder im Film noch im richtigen Leben, das Papier obsolet gemacht.

Es macht grundsätzlich Spaß, Juliette Binoche zuzusehen, so, wie Assayas sie immer wieder inszeniert, als Frau, die mit der Schwäche liebäugelt, und letztlich doch immer die Kontrolle behält. Aber "Zwischen den Zeilen" ist überhaupt ein selten schöner, kluger Film. Wenn Filmemacher tatsächlich ein Konzept haben, einen konkreten Gedanken umsetzen wollen, dann spürt man sehr oft die Mechanik, wie die Geschichte pompös um eine Idee herumkonstruiert wurde, die eigentlich gar nicht viel Substanz hat. Wenn Assayas über die Digitalisierung sinniert, hat man am Ende vielleicht auch nicht die Welt verstanden. Aber den Weg dorthin hat man wenigstens genossen.

Doubles vies, Frankreich 2018 - Regie und Buch: Olivier Assayas. Kamera: Yorick Le Saux. Mit: Juliette Binoche, Guillaume Canet, Vincent Marcaigne, Christa Théret, Pascal Greggory. Alamode, 107 Min.