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"Ocean's 8" im Kino:Leider fehlt die weibliche Coolness

Kinostart - 'Ocean's 8'

Planen ihren Coup: Debbie Ocean (Sandra Bullock, Mitte), Nina Ball (Rihanna, rechts) und Tammy (Sarah Paulson) in "Ocean's 8".

(Foto: dpa)

Sandra Bullock, Cate Blanchett und ihre sechs Kolleginnen spielen in "Ocean's 8" eine weibliche Variante des Gaunerklassikers - und wollen bloß nichts falsch machen.

Sandra Bullock, schlau, glamourös, alles unter Kontrolle; Cate Blanchett mit verwegenem Rockergirl-Pony; Rihanna als Hackerqueen mit gewaltigen Dreadlocks; und Anne Hathaway, Hollywoods ewige Prinzessin, mit drei Kilo Juwelen um den Schwanenhals. Allein wie diese vier Frauen im Trailer von "Ocean's Eight" auftauchen, macht seit Monaten gute Laune. Dazu das Versprechen, dass ein ausgeklügelter Diamantenraub stattfinden wird, männliche Hilfe überflüssig. Was will man mehr?

Die Vorfreude, das ist klar, beruht auch auf dem All-Female-Prinzip: Frauen ganz unter sich. Das fasziniert ja auch Männer. Da liegt die Idee in der Luft, dass die Girls dann noch mal anders drauf sind, freier, spielerischer, enthemmter in spitzzüngiger Schwesternschaft, dass sie Regeln und Konventionen mal richtig den manikürten Mittelfinger zeigen. Etwa so wie beim sprichwörtlichen Mädelsabend mit Männerstrip, wo die Herren ja auch nie dabei sein dürfen.

Und wenn schon die Kolleginnen aus der Lohnbuchhaltung unter solchen Umständen völlig neue Saiten aufziehen - wie wird das erst mit Berufskriminellen? Alles sehr vielversprechend, und dazu noch der Name Steven Soderbergh. Wie man ein sogenanntes Heist-Movie federleicht inszeniert, hat der Mann ja dreimal vorgemacht, mit George Clooney als Danny Ocean. Und seine Männerstripper-Filme um die Figur des "Magic Mike" bewiesen sein verschärftes Interesse am zeitgemäßen Frauen-lassen-es-krachen-Phänomen.

Kino Es fehlt der Jazz: "Ocean's Eight" im Kino Video
Zoom - die Kinopremiere

Es fehlt der Jazz: "Ocean's Eight" im Kino

Die mit Hollywoods weiblichen Superstars besetzte Neuauflage der Räuberfilme ist unterhaltsam. Aber den berauschend leichten Ton der Vorgänger trifft Regisseur Gary Ross nicht.

Es beginnt mit Sandra Bullock als Debbie Ocean, ganz in Gefängnis-Orange, das ja bekanntlich das neue Schwarz ist. Debbie möchte aber doch lieber richtiges Schwarz tragen, deshalb legt sie vor dem Bewährungskomitee eine kleine Performance hin. Das kennen wir schon, so fing es seinerzeit auch mit ihrem Bruder Danny an, bevor er die legendäre Elf der Meisterverbrecher um sich versammelte. Als Debbie vom "einfachen Leben" erzählt, das sie beginnen will, wenn sie denn freikommt, fließt sogar eine kleine Träne. Aber ach, hier gleich mal ein Stopp.

Als Danny am Anfang des ersten "Ocean's"-Film zu seinen kriminellen Neigungen befragt wurde, lag der Witz der Szene gerade darin, dass er nicht log. In herrlich rotziger Offenheit erklärte er dem Komitee, dass er nur deshalb ertappt wurde, weil seine Frau ihn gerade verlassen hatte - er war unkonzentriert. Und als er gefragt wurde, was er jetzt vorhabe, grinste er nur. Hier dagegen sehen wir eine Frau, die Schmierentheater aufführt, um ihre Ziele zu erreichen.

Szenen ohne jeden Witz

Sorry, aber das ist nicht dasselbe. Das ist unheimlich altbacken. Man könnte es sogar, im direkten Vergleich, als frauenfeindlich bezeichnen. Überhaupt ist diese ganze Eröffnungsszene so erwartbar und lahm, dass man gleich einen Dämpfer spürt. Im Folgenden wird klargemacht, dass auch Debbie eine Meisterdiebin ist, das liegt offenbar in der Familie. Sie nutzt ihr Können aber erst einmal, um kostenlos an Lippenstift, Klamotten und ein Luxushotelzimmer zu kommen.

Das wiederum wirkt jetzt kleinlich. Oder, noch seltsamer: manisch. Wer bitte würde Lippenstift klauen, wenn er gleichzeitig den Juwelenraub des Jahrhunderts plant? Danny Ocean ganz sicher nicht. Aber Danny ist tot, wie wir jetzt erfahren, zumindest hat er eine Grabplatte in einer Friedhofsgruft, vor der Debbie jetzt sitzt. Dann lernen wir ihre Freundin Lou kennen, das ist Cate Blanchett mit ihrer tollen Chrissie-Hynde-Frisur. Lou betreibt eine Bar und beschimpft ihre Hilfskräfte, die den Wodka mit Wasser verdünnen, dass sie zu wenig panschen. Auch das eine Szene ohne jeden Witz, die aber die Idee der Kleinlichkeit jetzt quasi zum Leitmotiv ausbaut.

Was ist hier los? Wo bleibt das jazzig-schwebende "Ocean's"-Gefühl, wo bleibt die Großzügigkeit, die versprochene weibliche Coolness? Wird schon noch kommen, denkt man sich, wenn Debbie und Lou aufeinandertreffen. Da wird man Vertrautheit spüren, gemeinsame Geschichte, den Swing von zwei Freundinnen fürs Leben. Aber dann sieht man die beiden Frauen zusammen, und die Szene bleibt steif, ja beinahe förmlich. Oh je.

Rihanna spielt eine Hackerin, weil PC-Profis in Hollywood jung und schwarz sein müssen

Spätestens hier kommt man um die Feststellung nicht herum, dass Steven Soderbergh bei diesem Film nur der Produzent ist. Regie führt sein Kumpel Gary Ross, der schön von der Verklemmtheit der Fünfzigerjahre erzählen konnte ("Pleasantville") und auch das Revolutionspathos der "Hunger Games" noch angemessen hinbekam. Zu den wirklich coolen Großkatzen Hollywoods aber gehört er nicht, das ist schmerzlich zu spüren. Vielleicht hätte man auch hier dem All-Female-Prinzip vertrauen sollen.

Die Frauen, die Ross jetzt ins Team kommen lässt, bleiben jedenfalls blass. Die indischstämmige Goldschmiedin (Mindy Kaling) hat eine nervige Mutter - aber welche junge Inderin im Kino hätte das nicht? Die Hehlerin (Sarah Paulson) führt ein Doppelleben als Vorstadt-Mom, die Modeschöpferin (Helena Bonham-Carter) hat hohe Steuerschulden, die Trickdiebin (Awkwafina) lässt Uhren von Handgelenken verschwinden, sagt aber wenig. Die Hackerin schließlich (Rihanna) ist jung, sexy und schwarz, weitere Eigenschaften hat sie nicht.

Wer sich wirklich gut mit Computern auskennt, muss im Mainstreamkino 2018 übrigens jung und schwarz sein. Siehe aktuell auch "Black Panther" oder "Jurassic World". Das ziehen wir jetzt durch, haben sie in Hollywood offenbar beschlossen, in traditioneller Bescheidenheit, bis massenhaft Afroamerikaner zu programmieren beginnen und das nächste Facebook gründen. Dann haben wir die Welt wieder ein Stück besser gemacht.

"Ocean's Eight" dagegen ist nicht wirklich zu retten, aber immerhin beginnt jetzt der Diamantenplot, dessen Komplexität alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Da bleibt gar keine Zeit, nach den Figuren zu fragen.

Natürlich beruhen "Heist Movies" immer auf absurd komplexen, herrlich unrealistischen Diebstahl-Szenarien. Aber Gary Ross strapaziert diese Idee bis ins Extrem. Im Kern geht es darum, ein 150-Millionen-Dollar-Diamantencollier erst aus einem Tresor bei Cartier hervorzulocken, dann am Hals einer Schauspielerin bei der Met-Gala in New York zu platzieren und dort gegen eine perfekte Kopie auszutauschen. Sandra Bullock geht es außerdem noch um die Rache an ihrem Exfreund, und ein paar Überraschungen gibt es auch.

Der Geist des Sauberfrauentums weht nicht durch dieses Werk

Nur, warum wirkt das alles so furchtbar zahm? Vielleicht aus demselben Grund, aus dem Matt Damon, der einen Kurzauftritt hatte, aus dem fertigen Film herausgeschnitten wurde. Er passte nicht mehr in die Dramaturgie, sagt Gary Ross. Vielleicht sind die Filmemacher aber auch eingeknickt vor den Unterzeichnern einer Petition von Matt-Damon-Hassern, die ihn wegen ungeschickter Äußerungen zur "Me Too"-Debatte (wohlgemerkt: nicht wegen irgendwelcher Übergriffe) aus dem Film verbannt sehen wollten.

Egal, man weiß es nicht. Der Geist des Sauberfrauentums, in dem solche Petitionen gedeihen, weht auf jeden Fall auch durch dieses seltsame, zaghafte Werk. Frauen aber, die nur bloß nichts falsch machen wollen - hatten wir das nicht schon viel zu lang? Darin liegt jedenfalls nicht die Zukunft.

Ocean's 8, USA 2018 - Regie: Gary Ross. Buch: Ross, Olivia Milch. Mit Sandra Bullock, Cate Blanchett, Anne Hathaway. Warner, 111 Minuten.

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