Kino "Des is ma blunzn"

Georg Friedrich ist eine Wiener Wucht, seine Paraderollen: zwielichtige Strolche, latent aggressiv. Dabei ist der preisgekrönte Schauspieler ein ganz feiner Mensch. Eine Begegnung auf dem Filmfest, wo er mit drei Werken vertreten ist

Von Bernhard Blöchl

Georg Friedrich vergisst man nicht. Wer ihn einmal erlebt hat, auf der Bühne, auf dem Bildschirm, auf der Leinwand, der wird ihn nicht mehr los. Da hadert's dann noch lange weiter, da glawoggert's, seidlt's und murnbergert's, um ein paar seiner Regisseure zu nennen, die aus Georg Friedrich ein Ereignis machen. Der ewige Strizzi bleibt dann hängen, der Ohr-Tunnel im linken Läppchen, der müde Blick des Gefallenen, die latente Aggression. Der Schauspieler, Jahrgang 1966, ist eine Wiener Wucht. Zuletzt drehte er so viel, dass man den Überblick durchaus verlieren kann. Beim Filmfest ist er einer der wenigen Akteure, die gleich drei Filmen ihren Stempel aufdrücken. Nur Friedrich hat davon keine Ahnung.

"Ich habe das gar nicht gewusst", sagt er beim Gespräch unter einem Sonnenschirm im Innenhof des BR-Funkhauses. Bis vor Kurzem sei er davon ausgegangen, dass er wegen der BR-Komödie "Nichts zu verlieren" seines guten Freundes und Wolf-Haas-Verfilmers Wolfgang Murnberger von Wien nach München gereist sei. Nun, das ist zwar richtig. Aber da wären halt noch seine Auftritte in dem postapokalyptischen Drama "Ende neu" von Leonel Dietsche und in Detlev Bucks Berliner Ganovenkomödie "Asphaltgorillas".

Georg Friedrich als Ronny in der Ganovenkomödie "Asphaltgorillas".

(Foto: Constantin/Anne Wilk)

Drei Rollen in drei Filmen in drei Reihen (Neues Deutsches Fernsehen, Neues Deutsches Kino, Spotlight), das passt gut zur derzeitigen Karriere Friedrichs, die sich spätestens seit seinem Silbernen Bären auf der Berlinale (2017 für "Helle Nächte") ein bisschen überschlägt. "Da muss ich auch auf mich aufpassen", sagt er mit aller Zeit der Welt. Er habe zuletzt einige Projekte abgesagt. "Weil wenn man weiterhin eine gewisse Qualität liefern will, dann kann man nicht von einem Film in den anderen rutschen und da 150 Prozent gute Arbeit liefern." Gute Arbeit sind Publikum und Regisseure von ihm gewohnt, und sie werden auch hier begeistert sein. Dialekt-Fans sowieso, das ist ja eh sein Ding.

Den, wenn man so will, Friedrich-Klassiker gibt's denn auch bei Murnberger und Buck, zwei bekannten Weggefährten: In der BR-Tragikomödie ist er Richy, ein angeschossener Ösi-Gangster, der auf der Flucht einen Reisebus mit einer Trauergruppe aus Bayern entführt; bei Buck wiederum spielt er Ronny, einen halbseidenen Pelzkragen-Ganoven, der viel quatscht und sich arg windet. Zwielichtige Randexistenzen hat er schon viele gespielt, zum Beispiel in den Filmen "Wilde Maus", "Der Hund begraben", "Über-Ich und du", "Contact High". "Ich glaube, das fasziniert die Menschen immer. So Leute, die abseits der Gesetze agieren und leben. Zumindest im Film." Auf die Frage, wann sich das bei ihm herausgeschält hat, also sozusagen seine Kernkompetenz um das oft hinterfotzige Wienerisch, überlegt er lange. "Mir fällt dazu eine Situation ein, die ich bei einem Fernsehinterview hatte, und zwar bei meinem ersten Film, den ich gemacht habe. Das war ,Der Verschwender', da war ich 14. Bei diesem Fernsehinterview haben sie mir gesagt, ich soll mal Wienerisch reden, mal richtig argen Dialekt. Was ich dann auch gemacht habe. Dann haben wir alle gelacht." Ein früher Schlüsselmoment, der nach einer Ausbildung an der Wiener Schauspielschule Krauss zu einer sich langsam steigernden Karriere führte. Ob's nur am Dialekt liegt, dass er insbesondere in Bayern so sehr verehrt wird? "Kann ich jetzt gar nicht sagen", kommt als Antwort, und dann: "Des is ma eigentlich blunzn."

Georg Friedrich als Richy in "Nichts zu verlieren".

(Foto: Bayerischer Rundfunk)

Für solche Sätze liebt man ihn. Der Wiener Schmäh, den es seiner Meinung nach nicht mehr so stark gibt, weil er sich mit der Globalisierung aufgelöst habe, funktioniert genau so. "Der Wiener Schmäh war wahrscheinlich einer, der in der Sprache war. Das waren lustige Redewendungen, ein gewisses Augenzwinkern."

Aber dann ist da halt auch noch der Friedrich, der überrascht. Wie bei "Ende neu", da ist er eben kein Strolch, sondern ein wuchtiger Mann, den sie den "Heiler" nennen. In einem "Walking Dead"-haften Endzeit-Szenario, wo Männer regieren, es kaum Frauen gibt und wenig Hoffnung, setzt er spirituelle Kräfte ein, spricht wenig und gebrochen, wirkt undurchsichtig und bedrohlich. "Mich reizen schon immer wieder Rollen, die nicht auf dem draufliegen, wo ich weiß, das kann ich gut. Mich interessieren Herausforderungen." Er nennt das auch Sich-vom-sicheren-Terrain-wegbewegen. Und er ist ehrlich: "Ich mach' das eh viel zu wenig. Wirklich gute Sachen können nur passieren, wenn man von da weg geht, wo man sicher ist." Das kenne er vom Theater, unter Frank Castorf in Berlin, unter Ulrich Seidl an den Münchner Kammerspielen. "Da bin ich aus jeder Produktion besser rausgekommen. Aber auch beim Film lernt man immer dazu."

Richy, Ronny und der Heiler - Georg Friedrich hat sich die Freiheit erarbeitet, sich die Rollen aussuchen zu können ("nur nach Bauchgefühl!"). Freiheit ist ohnehin ein großes Thema, die ist dem Wiener wichtig wie seine Zigaretten. So kommt es schon mal vor, dass ein Journalist von Friedrichs Agentin wochenlang vertröstet wird. Er sei verschwunden, bekommt man dann zu hören. Darauf angesprochen, lächelt er und schweigt. Ist das etwa die Freiheit, im Trubel sagen zu können: Jetzt können mich alle mal? "Ja", sagt er. "Ich gehe dann oft nicht ans Telefon und lass' es irgendwo liegen."

Georg Friedrich als der "Heiler" im postapokalyptischen Drama "Ende neu".

(Foto: Filmfest München)

Die Freiheit abzutauchen gesellt sich zur Anarchie im Schauspiel selbst. Es gibt da ja diesen Georg-Friedrich-Moment. Diese Stille vor dem möglichen Ausbruch, den Katalysator für den Plot-Twist, diese unverschämte Unberechenbarkeit in seinem Ausdruck zwischen tief traurig und hoch gefährlich. "Ja, das ist auch Freiheit. Dass ich mir - wenn ich mich auch zu 99 Prozent an den Text und an die Szene halte - immer die Möglichkeit offenlasse, irgendetwas anders zu machen. Wenn ich gerade den Impuls habe, etwas zu tun, dann mach' ich das. Manchmal breche ich aus, wenn ich das Gefühl habe, es stimmt."

Während Georg Friedrich über die potenziellen Ausbrüche spricht, die ihn so unverwechselbar machen, erlebt der Zuhörer auch im Interview genau so einen Moment. Die Stimme des Wieners ist zaghaft, sympathisch scheu kommt er rüber, doch seine rechte Hand knetet einen Anti-Stress-Ball. Fest. Immer wieder. Erneut erscheint alles möglich. Dann greift der Schauspieler zu einem Stück Ananas und beißt hinein. Entwarnung. Denn Strizzi hin, Strolch her, eigentlich ist er vielmehr das: ein feiner Mensch, dieser Herr Friedrich.

Asphaltgorillas, Do., 5. Juli, 21 Uhr, und Fr., 6. Juli, 17 Uhr, Carl-Orff-Saal, Gasteig; Ende neu, Mi., 4. Juli, 22.30 Uhr, HFF; Nichts zu verlieren, Ausstrahlung am 29. Aug., 20.15 Uhr, ARD