Kino Der Zorn Gottes

Paul Schrader stellte mit seinem Drehbuch zu "Taxi Driver" einst das amerikanische Kino auf den Kopf. Mit dem Thriller "First Reformed" kehrt der Filmemacher zu seinen radikalen Anfängen zurück.

Von David Steinitz

Ein Pfarrer und eine Sprengstoffweste. Das sind die zwei Hauptfiguren im neuen Film von Paul Schrader, dem Thriller "First Reformed", der am Wochenende seine Deutschlandpremiere beim Filmfest München feiert.

Der Pfarrer, gespielt von Ethan Hawke, ist Namensvetter eines deutschen Revolutionärs und Schriftstellers, er heißt Ernst Toller. Seine Geschichte aber ist eine sehr amerikanische, denn Paul Schrader, der einst mit seinem Drehbuch zu "Taxi Driver" das US-Kino auf den Kopf stellte, ist auch mit 71 noch einer der bösesten Chronisten amerikanischer Befindlichkeiten.

Sein Ernst Toller ist schon zu Beginn des Films ein Wrack. Früher war er Pfarrer beim Militär, hat seinen Sohn ermutigt, sich freiwillig für einen Einsatz im Irak zu melden, bei dem dieser dann ums Leben kam. Am Verlust des Kindes - und an seinen Schuldgefühlen - ist auch die Beziehung zu seiner Frau zerbrochen. Jetzt führt Toller eine kleine Kirche in einer kleinen Gemeinde und predigt sonntags zu einer Handvoll Besucher. Nachts trinkt er Whiskey und notiert seine ganze Traurigkeit und Einsamkeit in sein Tagebuch. Lange wird er sich nicht mehr zu quälen haben, denkt Toller, denn in seinem Urin ist Blut, jedes Mal mehr, die Toilettenschüssel färbt sich rosa, wenn er pinkeln geht.

Ernst Toller (Ethan Hawke) auf seinem Streifzug durch eine Welt am Rande der Apokalypse.

(Foto: Filmfest München)

Bevor er sich aber dem baldigen Tod anvertrauen kann, spricht ihn eine junge Frau aus seiner Gemeinde an. Mary (Amanda Seyfried) ist eins seiner letzten treuen Schäfchen und bittet verzweifelt um Hilfe. Sie ist im vierten Monat schwanger, aber ihr Mann, verrät sie Toller atemlos, habe vor, das Kind nach der Geburt zu töten. Denn in diese Welt kurz vor der Apokalypse dürfe man kein Kind setzen.

Obwohl bis zu diesem Punkt ganz am Anfang der Handlung noch überhaupt nichts Schlimmes passiert, hat Schrader dem Zuschauer da schon längst den Schweiß auf die Stirn getrieben. Denn er filmt das ruhige Tageswerk des Pfarrers und seine Gespräche mit Mary wie einen Horrorfilm. Draußen vor der kleinen Kirche weht das letzte Herbstlaub vorbei, die Kamera schleicht langsam durch die Gänge des Gotteshauses, als würde gleich ein Monster ums Eck springen, und die düsteren Ambient-Klänge der walisischen Band Lustmord tun ihr Übriges für die Gruselstimmung. Auch dass der Film nicht im gängigen Breitbildformat gedreht ist, sondern im schmalen 4:3-Format, sorgt für eine klaustrophobische Stimmung.

Die Atmosphäre verheißt also nichts Gutes, und die Dramaturgie des Films folgt ihr alsbald, denn Mary stellt Toller ihren Mann vor, der sein ungeborenes Kind zu töten gedenkt. Michael (Philip Ettinger) ist ein Umweltaktivist, der für eine bessere Welt kämpfen wollte. Aber mal ehrlich, sagt er zum Pfarrer, den er durchaus wohlwollend empfängt: Die Erdtemperatur steigt, das Wetter spielt verrückt, Überbevölkerung, Hungersnöte, Flüchtlingsströme. Diese Welt, sie ist nicht mehr zu retten. Toller tut, was ein Pfarrer tun muss, redet ihm gut zu, ohne selbst an seinen eigenen Sermon zu glauben. Als er dann ein paar Tage später durch Zufall in der Garage seines neuen Schützlings eine Sprengstoffweste findet, geht er nicht zur Polizei, sondern nimmt sie mit ins Pfarrhaus. Er redet sich ein, den jungen, verirrten Mann vor Ärger bewahren zu wollen. Aber geht von dieser beigen Schachtel, in der die Weste liegt, nicht eine aufregende, fast schon erotische Magie aus? Es wird ja nicht schaden, einmal kurz und heimlich über den festen Stoff zu streicheln, die Macht zu spüren ..

. Verführung und Verderben, das waren Themen, die Paul Schrader schon immer fasziniert haben. Der Filmemacher, Jahrgang 1946, wuchs in einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus aus. Seine Mutter und sein Vater waren mit fast sektenhafter Begeisterung Calvinisten und droschen ihrem Sohn den Glauben wortwörtlich ein. Das Kino war für die Eltern Schrader selbstverständlich ein Teufelswerk. Als Paul - mit 17 - seinen ersten Film sah und beschloss, Filmemacher zu werden, sagte seine Mutter: "Vater und ich werden dich im Himmel vermissen."

Der Pfarrer geht auf einen Trip, inspiriert vom "Beatles"-Song "Magical Mystery Tour"

Seitdem hat Schrader so radikal wie kaum ein anderer amerikanischer Filmemacher die amerikanische Sehnsucht nach Fundamentalismus seziert. Als Drehbuchautor vor allem in "Taxi Driver". Damals, Anfang der Siebziger, galt Schrader unter den Kollegen des New Hollywood als gefährlicher Spinner, der ständig besoffen mit Pistolen herumfuchtelte. Wie autobiografisch die "Taxi Driver"-Hauptfigur Travis Bickle angelegt war, kann man allein daran ablesen, dass Robert De Niro sich für die Dreharbeiten Schraders Klamotten auslieh, um seiner Figur den letzten formalen Schliff zu geben.

Später schrieb Schrader noch weitere Filme für den Regisseur Martin Scorsese, der sich als Einziger getraut hatte, das "Taxi Driver"-Skript anzupacken, zum Beispiel "Raging Bull" und "Die letzte Versuchung Christi". Dann begann er, seine Geschichten um gefallene Männer auch selbst zu inszenieren. Mit "Hardcore", "Cat People" und "American Gigolo" blieb er den triebhaften, blutigen Anfängen des New Hollywood noch treu, als Weggefährten wie Steven Spielberg und George Lucas nur noch daran dachten, wie sie am besten Spielzeugfiguren zu ihren Filmen verkaufen können, um ihren Kontostand weiter in die Höhe zu treiben.

So nah wie jetzt mit "First Reformed" war Schrader aber seit Jahrzehnten nicht mehr am Furor des "Taxi Driver". Dieser bestand ja nie allein in einem verrückten Taxifahrer, auch wenn das viele schlechte Nachahmer fälschlicherweise so verstanden haben. Sondern in der alttestamentarischen Idee eines Menschen, der gerne rechtschaffen handeln möchte, sich aber aufgrund äußerer Umstände dazu gezwungen sieht, den Zorn einer übergeordneten Macht herauszufordern. Der Pfarrer Ernst Toller wird sich am Ende von "First Reformed" natürlich seine Weste anlegen. Dass dann aber trotzdem das Gegenteil dessen passiert, was man sich als "Taxi Driver"-Kenner vorstellen könnte, zeugt von der raffinierten Kinokunst dieses Regisseurs, der auch im hohen Alter noch mehr sein möchte als nur sein eigenes Denkmal. Er schickt seinen Pfarrer auf einen Trip, angelehnt an den Beatles-Song "Magical Mystery Tour" - und dass dieser Film bislang keinen deutschen Verleih hat, wird sich hoffentlich bald ändern.