Kino Der Tod der Familie

Thomas Vinterberg hat seine Jugend in einem Kollektiv in Kopenhagen verbracht. In seinem Film "Die Kommune" erzählt er von Glück und Leid revolutionärer Bürgerlichkeit.

Von Fritz Göttler

Die Stimmung ist heiter und entspannt, herzhaftes Lachen sprudelt durch den Raum. Die Bierflaschen sind schon geöffnet, die Spannungen in der Gruppe abgebaut, scheint es. Und alle sind bezaubert von dem kleinen blonden Jungen, der kaum über den Tischrand in die Runde gucken kann. Vilads ist sein Name, sechs Jahre ist er alt. Hat einen Herzfehler, muss alles ruhig angehen. Ich werde mit neun sterben, sagt er mit unerbittlicher Treuherzigkeit. Ja, große Heiterkeit.

Das Kollektiv, die Kommune, die dem Film den Titel gibt, hat sich an diesem Abend konstituiert, Vilads ist ihr jüngstes Mitglied. Der Rest ist ein Mix mittleren Alters, aus Abgeklärten, potenziell Gescheiterten, Gschaftlhubern. Eine Wohn-, eine Lebensgemeinschaft, die sich in einer großräumigen und -bürgerlichen Villa im Norden Kopenhagens selber bis in den kleinsten Küchendienst durchorganisiert.

Erik hat sie vom Vater geerbt, mit dem Makler haben er, seine Frau Anna und ihre Tochter Freja sie besichtigt, en passant, eigentlich wollte Erik sie zum Weiterverkaufen freigeben, für eine Million Kronen womöglich. 450 Quadratmeter, sagt er, das ist zu viel. Seine Frau und seine Tochter haben ihn dann irgendwie rumgekriegt, sie haben das Haus vermessen, ganz spielerisch, und: Als Architekt müsse Erik doch eigentlich großzügig wohnen. Es ist der Anfang der Siebziger, und die Errungenschaften der Revolution von '68 lasten immer noch auf den Menschen.

Der Gemeinschaftstisch ist ein theatralischer Ort, an dem theoretisiert und getafelt wird

Sie tragen schwere Rollkragenpullover und lange Mäntel, Haarschnitte, die dicht sind wie Perücken, und die Leichtigkeit, mit der sie bei ihren demokratischen Abstimmungen den Finger heben, ist fröhlich forciert. Thomas Vinterberg hat in den Siebzigern viele Jahre seiner Jugend in einem solchen Kollektiv gelebt, auch über die Scheidung seiner Eltern hinaus, sie zogen aus und ließen ihn zurück in der Obhut der anderen Erwachsenen. 2011 hat er die Geschichte auf der Bühne durchspielen lassen, am Akademietheater der Wiener Burg - sie war aber schon damals als Film gedacht, und der kaschiert nun überhaupt nicht seine theatralische Herkunft. Der große gemeinschaftliche Tisch des Hauses, an dem diskutiert und abgestimmt, theoretisiert und getafelt wird, markiert den Ort einer Inszenierung, immer öfter auch - eines Gerichts. Mit den anarchischen Momenten, die wir hierzulande mit den Kommunen der Sechziger verbinden, hat Vinterbergs Kollektiv nichts zu tun.

Ganz links Ulrich Thomsen als Erik, in der Mitte, Zigarette in der Hand, Trine Dyrholm als seine Frau Anna. Dyrholm hat für diese Rolle auf der Berlinale einen Silbernen Bären als beste Darstellerin bekommen.

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Erik (Ulrich Thomsen) ist nicht wirklich Architekt, er lehrt Architektur an der Universität, rationale Architektur. In seinem Büro sucht ihn eines Tages die junge Studentin Emma (Helene Reingaard Neumann) auf, sie verlieben sich ineinander. Erik quartiert Emma schließlich im Haus ein, neben Anna, diese selbst (Trine Dyrholm) hat es so vorgeschlagen. Sie will die Interferenz prüfen zwischen den natürlichen und den sozialen Beziehungen, will wissen, wie es um eine Freiheit steht, die nicht von Zwängen fremdbestimmt wird. Die zwei Frauen sind die zentralen Figuren des Films, direkt aufeinander bezogen, Erik ist nur Scharnier zwischen ihnen. Thomas Vinterberg hat bei der Vorbereitung die Filme von John Cassavetes immer wieder angeschaut, mit dessen Frau Gena Rowlands. Anna wird fast zermalmt von ihrem eigenen Experiment, sie verliert ihre Sicherheit und ihren Beruf - der Preis der Freiheit.

Thomas Vinterberg erforscht in all seinen Filmen gesellschaftliche Gemeinschaft, ihre Funktion und Dysfunktion, den Zusammenhang von Kommune und Kommunikation. Wie das kreative Potenzial einer Gemeinschaft zusammenspielt mit dem destruktiven, wie sie feste Klassen, Kategorien, Ordnungen zersetzt und neue Konstellationen und Formen bildet. Und wie die Architektur das Leben bestimmt in ihren Räumen, seine Bewegungen, seine Emotionen, seine Imagination.

In seinem vorigen Film "Am grünen Rand der Welt", nach dem Roman "Far from the Madding Crowd" von Thomas Hardy, hat der Übergang von der Landwirtschaft zur Industrialisierung in England die Kommunikation zwischen Mann und Frau radikal verändert und befreit. Der Film davor, "Die Jagd", erzählt von einer ländlichen Männergesellschaft, die von weiblichem Misstrauen durchgerüttelt wird. Sein Dogma-Erfolg "Das Fest" dokumentierte 1998 in den Strukturen einer Großfamilie die Perversion der modernen Gesellschaft. "Die Kommune" schaut nun aus, als hätte Vinterberg kapitelweise David Coopers "Der Tod der Familie" verfilmt, damals die böse, hemmungslose Streitschrift gegen autoritäre Strukturen und für eine revolutionäre Befreiung und Ich-Findung. "Wie einfältig ist es doch, vom Tod Gottes oder vom Tod des Menschen zu sprechen", schrieb David Cooper, "solange wir nicht einmal den Tod der Familie exakt ins Auge fassen können - den Tod dieses Systems, dessen gesellschaftliche Funktion es ist, den größten Teil unserer Erfahrungen abzufiltern, um so unsere Handlungen aller echten und uneigennützigen Spontaneität zu berauben."

Für Vinterberg sind die Jahre der Kommune eine glückliche Zeit gewesen, eine Kindheit in sozialistischem Überschwang - die Reste dieses Überschwangs sind bis heute in skandinavischen Erinnerungen und Geschichten zu erleben. Noch immer erzählt er fasziniert, wie sich damals jedes Mitglied seinem Einkommen gemäß an der Miete beteiligen durfte - und dieses Prinzip erfand ausgerechnet derjenige, der am besten verdiente und also dreimal so viel zahlte wie die anderen. Die Gemeinschaft dieser "Kommune" bewegt sich in einer beinahe irrealen Atmosphäre, sie erinnert an die kunterbunte olympische Götterrunde, in der Großzügigkeit immer wieder umschlägt in Großspurigkeit, Noblesse in Kleinlichkeit.

Der Kapitalismus ist ausgehebelt, die emotionale Ausbeutung abgeschafft

So liefert "Die Kommune" eine vibrierende Momentaufnahme der Siebziger, die Revolution scheint in kleinem Kreis erfolgreich zu sein, der Kapitalismus ist ausgehebelt, die emotionale Ausbeutung abgeschafft. Und doch ist es nur die Travestie einer Revolution - eine großbürgerliche Travestie. Anna kennt sich aus mit Performances, sie ist Nachrichtensprecherin beim Fernsehen. Sie meint zu wissen, wie man das Gesicht wahrt. Ihr tapferes Experiment aber ist nur der traurige Versuch, die Liebe zu sozialisieren. Und Erik operiert bedenkenlos mit dem kapitalistischen Prinzip der Ersetzung, er ersetzt die ältere Frau durch die jüngere.

Es ist die Vergänglichkeit, sagt Thomas Vinterberg, von der am Ende "Die Kommune" handelt. Die Vergänglichkeit der Liebe. Die Vergänglichkeit des Fleisches und des Körpers. Einmal sitzen die zwei Frauen, kurz nachdem Emma in die Kommune eingezogen ist, nebeneinander auf einer Bank am Straßenrand, beide sind blond, ein kräftiger Wind spielt mit ihrem Haar. Sie ähneln einander und sind doch unheimlich weit voneinander entfernt. "Deshalb wollte ich diesen Spiegelbildeffekt schaffen", sagt Vinterberg. "Die junge Haut und die alte Haut. Ich schaue mich jeden Morgen mit Entsetzen an und denke: Wir alle werden sterben!"

Der Tod ist präsent in diesem Film, wie immer, wenn es um Veränderung und Revolution geht, um die verlorene Jugend und die verpasste Zukunft. Ich werde mit neun sterben, sagt der kleine Vilads, und mit seiner Koketterie schafft er es, alle im Raum zu bezaubern.

Kollektivet, Dänemark/Schweden/Niederlande 2016 - Regie: Thomas Vinterberg. Buch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm. Kamera: Jesper Tøffner. Schnitt: Anne Østerud, Janus Billeskov. Produktionsdesign: Niels Sejer. Mit: Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrøm Hansen, Lares Ranthe, Fares Fares, Magnus Millang, Julie Agnete Vang, Anne Gry Henningsen, Sebastian Grønnegaard Milbrat. Prokino, 112 Minuten.