Kino Der Skywalker

Wenn Sie den "Krieg der Sterne" für galaktisch halten, lesen Sie mal, wie es dazu kommen konnte. Dies ist die unglaubliche Geschichte des Himmelstürmers unter den Autorenfilmern - die Geschichte des George Lucas.

Von Von Tobias Kniebe

Jetzt, wo die Saga zu Ende geht, wirkt alles so unausweichlich. Der letzte "Star Wars"-Film ("Episode III - Die Rache der Sith") wird vom 19.Mai an den Erdball überrollen, innerhalb von drei Tagen läuft der Film in rund 9000 Kinos an, von Island bis Feuerland, überall wird er die Charts stürmen, die Kassen klingeln lassen, es ist das alte Spiel.

Klein, grün, sauer: Meister Yoda, eine der Kultfiguren der "Star Wars"-Episoden.

(Foto: Foto: dpa)

Es funktioniert immer wieder, die Bilanz ist der reine Irrsinn: Neun Milliarden Dollar, rechnet das Branchenmagazin Variety, hat allein das Merchandising der bisherigen "Star Wars"-Filme eingebracht, 3,4 Milliarden Dollar waren es an den Kinokassen. Sechs Filme und endlose Lagerhallen voller Nebenprodukte, Plastiklichtschwerter, Darth-Vader-Masken: Die Serie ist der Prototyp der globalen Blockbuster-Maschinerie.

Es war einmal: Ein irrer, kindlicher Dickkopf

Und doch gab es, in einer nicht so fernen, aber heute schon unvorstellbar fremden Galaxis, eine Welt ohne "Star Wars". Eine Welt vor dem 25. Mai 1977, bevor der erste Sternenzerstörer die Kinolautsprecher erzittern ließ.

Und das war eine Welt, in der George Lucas als irrer Phantast galt, als einer, dem keiner folgen wollte, als kindlicher Dickkopf und unbeirrbarer Autorenfilmer, der alle Dinge nur exakt auf eine Art anpacken konnte - auf seine. In dieser Zeit spielt sie, die wahre, die absolut unglaubliche und noch immer lehrreiche "Star Wars"-Legende.

Sie beginnt im Februar 1972, und bevor es losgehen kann, muss man das Bild, das heute über Lucas verbreitet wird, erst einmal aus dem Gedächtnis löschen. Der dickliche Mann mit dem Pfeffer-und-Salz-Bart, der Interview-Schweiger und Journalisten-Schreck mit der Stirnlocke, der Mann mit dem persönlichen Vermögen von geschätzten drei Milliarden Dollar (von dem er nicht wenig für sein eigenes Kinderhilfsprojekt Lucas Learning abzweigt) - den gibt es 1972 noch lange nicht.

Genauso wenig wie das maßgeschreinerte, antikholzvertäfelte Arbeitszimmer mit den hölzernen Jalousien, den Art-Deco-Lampen und der leuchtendweißen Orchidee auf dem Beistelltisch, in dem er heute, auf seiner Skywalker-Ranch in Kalifornien, dürre Sätze für die Nachwelt spricht.

Die Bohnenstange mit Hornbrille und ihr erster Flop

Der Lucas vor 30 Jahren? Ist eine Bohnenstange mit Hornbrille und wahrhaft existenzialistischer Qual in den Augen, der mit anderen hungrigen Filmemachern herumhängt: Francis Ford Coppola, Steven Spielberg, Brian De Palma, Martin Scorsese. Er ist damals noch keine 30 Jahre alt, aber schon Schöpfer eines düsteren und genialischen Flops namens "THX 1138".

Er hasst Hollywood, und Hollywood bestätigt seine Gefühle, indem es den Film missversteht und umschneidet, die Zusammenarbeit kündigt und dann noch Geld zurückverlangt. Sein nächster Film, "American Graffiti", ist zwar schon fertig und verspricht eine freundlichere Geschichte - aber den hat ja noch keiner gesehen.

Lucas, mit einem eisernen Schöpfungswillen ausgestattet, muss in diesem Augenblick etwas Neues beginnen, und er beginnt eine epische Story aus dem Weltraum, die ihm schon länger im Kopf herumspukt. Etwas für die Zehn- bis Vierzehnjährigen, sagt er sich, die seit Jahren kein Futter mehr für ihre Phantasie haben: Es gibt keine Western mehr, keine Piratenfilme, nicht einmal Disney macht noch gute alte Disneyfilme.

Die Legende beginnt...furchtbar langweilig!

Also setzt Lucas sich hin und schreibt 13 Seiten auf, und das beginnt dann tatsächlich so: "Dies ist die Geschichte von Mace Windu, dem verehrten Jedi-Bendu von Opuchi, verwandt mit Usby C.J. Thape, dem Padawaan-Führer der legendären Jedi."

Was soll man sagen? Seine Filmfreunde, allen voran sein Mentor Francis Ford Coppola, schütteln die Köpfe. Geschichten, die die Welt erobern und das Kino verändern, die fangen anders an.

Der erste Studioboss, bei Universal, lehnt die Story ab: was für ein Nonsens-Gebrabbel, Mister Lucas! Noch dazu Science- Fiction, das Genre der Flops! Der zweite, Alan Ladd Jr. von Twentieth Century Fox, versteht ebenfalls kein Wort, aber er schaut sich eine Arbeitskopie von "American Graffiti" an. Und er sieht: Talent. Talente machen tolle Dinge, denkt Ladd, auch wenn alles am Anfang nach Gebrabbel klingt. Also gibt er Lucas, auf Verdacht, einen Drehbuch- und Regievertrag für 150 000 Dollar.

"American Graffiti" kommt am 1. August 1973 in die amerikanischen Kinos und wird, gemessen an den lächerlichen Produktionskosten von 775 000 Dollar, ein phänomenaler Erfolg. Lucas beweist zum ersten Mal, dass er ein großes Publikum erreicht, und Menschen, die das bewiesen haben, werden in Hollywood auf Händen getragen. Auch Fox erklärt, dass beim "Star Wars"-Deal jetzt ein Nachschlag drin sei: mehr Geld!

Danke gerne, hätte hier jeder andere Regisseur gesagt und im Chateau Marmont die Korken auf die Hintern der Starlets knallen lassen. Aber nein danke, sagt Lucas, er hätte da lieber etwas anders: das Recht nämlich, unabhängig von Fox eine Fortsetzung zu drehen, und zwar selbst dann, wenn der erste Teil in die Hose gehen sollte. Sowie: die Erlaubnis, T-Shirts und Baseballkappen mit dem "Star Wars"-Logo zu bedrucken und die Gewinne zu behalten.

Das doofe, vollgefressene Monster

Das Hollywoodsystem - und da stellt man sich am besten auch in Lucas' Sinne ein vollgefressenen Monster vor wie das "Star Wars"-Monster Jabba the Hutt - das Hollywoodsystem rülpst guttural und schlägt sich lachend auf die Wampe: Rechte für Baseballkappen? Geschenkt, du Volltrottel! Damit wirst du ein paar Peanuts verdienen!

Und Fortsetzungen funktionieren nicht, das weiß jeder! Lucas ist das egal, er hat etwas anderes gewonnen: wieder ein wenig Unabhängigkeit. Dass er gerade den besten Vertrag der Filmgeschichte ausgehandelt hat, das weiß er selbst noch nicht.

Auch das Bild von Hollywood, wie es heute ist, muss man jetzt mal kurz aus dem Gedächtnis löschen: der endlose Strom von hirnlosen und erfolgreichen Fortsetzungen, die Kinderzimmer voller Plastikschrott mit Filmlogos darauf, die Verfilmung ganzer Comic-Bibliotheken, all das existiert noch nicht. "Star Wars", sagen Kritiker, sei überhaupt erst schuld daran, dass es so gekommen ist.

Eine gewaltige Maschinerie läuft nun an, soviel ist klar, und George Lucas, der das vielleicht schon ahnt, hat sich mit diesem Vertrag gleichzeitig davon befreit: Er muss nur noch machen, was er selber will. Seine Gewinne aus dem Merchandising werden so hoch sein, dass er alle "Star Wars"-Fortsetzungen aus eigener Tasche finanzieren kann: Heute ist er der erste und einzige Filmemacher der Welt, dem seine Blockbuster selbst gehören.

Wie schreibt man ein Drehbuch?

Er muss nicht einmal Kredite aufnehmen, oder (wie sein Freund, Dreamworks-Mitbesitzer Steven Spielberg) Aktionäre bei Laune halten. Fox, sein altes Studio, zahlt heute absurde Summen alleine für das Recht, "Star Wars" an die Kinos zu verleihen, und muss doch, von der ersten Werbeidee bis zum letzten Setfoto, jedes Detail von Lucas genehmigen lassen. Die Legende ist nun aber, Mitte der siebziger Jahre, erst einmal an dem Punkt, an dem ein Drehbuch entstehen muss.