Kino: "Der Junge im gestreiften Pyjama" Niedlich naiv

So bunt, so glatt, so frühlingsschön: Nazideutschland durch die Augen eines Achtjährigen, der das KZ als Abenteuerspielplatz sieht.

Von Harald Eggebrecht

Am Ende dieses Films will man die Position Claude Lanzmanns annehmen, dass es keine Bilder zum Holocaust jenseits der Dokumente geben kann, also keine gestellten, gespielten, erfundenen, der - horribile dictu - Realität nachempfundenen oder ähnliches mehr.

"Der Junge im gestreiften Pyjama": Jack Scanlon alias Shmuel wartet im Arbeitslager auf seinen Freund Bruno.

(Foto: Foto: dpa)

Dabei versucht Mark Herman in "Der Junge im gestreiften Pyjama" nach dem Fabel genannten Roman von John Boyne seine Protagonisten so behutsam, unspektakulär und aufmerksam wie möglich in Szene zu setzen, Überdrehungen zu vermeiden, schrille Töne, Grausamkeiten und Brutalitäten meist nur anzudeuten oder elliptisch zu vermeiden. Dennoch schleicht sich, auch durch den schwer erträglichen Musikleim von James Horner, eine Art milde Kitschigkeit ein, die unrettbar verstimmt und distanziert.

Gezeigt wird die Geschichte des achtjährigen Bruno (Asa Butterfield), dessen Vater (David Thewlis), ein überzeugter Nazi und Soldat, zum KZ-Kommandanten ernannt wird. Doch davon wissen Bruno und seine Schwester Gretel nichts, und die schöne Mama (Vera Farmiga) scheint nicht zu ahnen, was sich hinter dem Aufstieg ihres Gatten tatsächlich verbirgt. Der Abschied von Berlin wird mit Champagner und Salonmusik in einer großbürgerlichen Villa im Kreise von Militärs und Nazigrößen gefeiert. Nur Brunos Großmutter führt defätistisch-ironische Reden, während der Großvater vor strammem Stolz gar nicht aus dem Kinnrecken herauskommt.

Es folgt die Fahrt aufs "Land", in das neue, einsam irgendwo im Wald liegende Haus. Bruno träumt seinen Berliner Spielkameraden nach und langweilt sich. Nicht einmal in die Schule kann er gehen, stattdessen kommt ein Hauslehrer, der die beiden Kinder ideologisch richtig erziehen soll. Bruno entdeckt durch ein Fenster einen Bauernhof, dessen Bewohner seltsamerweise alle gestreifte Pyjamas tragen. Er fragt die Eltern, erhält aber keine Antwort, am nächsten Tag ist das Fenster vernagelt. Allerdings hilft einer der ausgemergelten Bauern in der Küche und verbindet ihm später einmal das Knie nach einem Schaukelunfall.

Schließlich gelingt es Bruno, hinterm Haus einen Schlupf zu finden, der ihn durch den Wald an einen Stacheldrahtzaun führt. Hinter dem sitzt Shmuel (Jack Scanlon), auch er im gestreiften Pyjama. Die beiden Knaben freunden sich trotz des elektrischen Stacheldrahtes an. Shmuel antwortet auf Brunos Fragen, dem allmählich klar wird, dass der Bauernhof ein Lager ist, in dem Menschen misshandelt werden oder spurlos verschwinden. Inzwischen entdeckt auch die Mutter die wahre Berufung ihres Gatten.

Als Shmuel in der Kommandantenvilla wegen seiner Kinderhände als Gläserputzer auftaucht und Bruno die Freundschaft mit ihm aus Angst vor dem forschen Jungoffizier verleugnet, scheint der Bruch unvermeidlich. Doch die Buben vertragen sich wieder, und Bruno will seine Schmach tilgen, indem er Shmuel hilft, seinen verschwundenen Vater im Lager zu finden. Shmuel besorgt ihm einen gestreiften Pyjama, so verkleidet gräbt sich Bruno unter dem Zaun durch und macht sich mit Shmuel auf die Suche. Doch sie landen mit vielen anderen in der Todeskammer. Vor dem Lager schreien Vater und Mutter verzweifelt nach ihrem Sohn.

Herman scheut nicht davor zurück, über diesem melodramatischen Schluss ein Gewitter losbrechen zu lassen, er wagt Bilder aus der Todeskammer, zeigt, wie Soldaten von oben Zyklon B einstreuen. Diese Schlusssequenz hat etwas von einem verbotenen Rausch an sich. Aber schon lange vorher will man nicht mehr folgen, weil man nicht glauben kann: Dass die Mutter derart ahnungslos sein soll über den Auftrag ihres Gatten, dass die Welt so bunt, glatt und frühlingsschön, so gediegen und gutbürgerlich aussieht, dass der wache Bruno so lange treuherzig naiv bleibt und dass der KZ-Häftlingsjunge Shmuel so gutmütig vor sich hin erzählt, als gebe es doch so etwas wie ein Abenteuer innerhalb des Zauns.

Konstruierte Unwahrheit

Es passt dazu, dass Herman am Ende das altbewährte, aber in diesem Zusammenhang nur fatal wirkende Mittel der Parallelmontage - alternierend zwischen dem Gang in die Gaskammer und Brunos vergeblich heraneilenden Eltern - einsetzt und so den lange sanft dahingleitenden Bildfluss vehement beschleunigen kann.

Schon bei Spielbergs "Schindlers Liste", obwohl auf wahren Begebenheiten beruhend, blieb bei allem Respekt vor dem Regisseur und der Absicht seines Films ein untilgbarer Rest von Reserviertheit. Was in Boynes Roman durch die Vorstellungskraft des jeweiligen Lesers vielleicht funktionieren kann, verwandelt sich hier in der Konkretion der Bilder ins Konstruierte, Spekulative, Geschmäcklerische und manchmal ins niedlich Banale - mit einem Wort: ins Unwahre.

THE BOY IN THE STRIPED PYJAMAS, GB/USA 2008 - Regie, Buch: Mark Herman. Nach dem Roman von John Boyne. Kamera: Benoît Delhomme. Schnitt: Michael Ellis. Musik: James Horner. Mit: Asa Butterfield, Jack Scanlon, Amber Beattie, David Thewlis, Vera Farmiga. Disney, 94 Minuten.

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