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Kino:Das tränenschöne Leben

Die Tragikomödie "Glück ist was für Weicheier" eröffnet die Hofer Filmtage. Damit bekräftigt Anca Miruna Lazarescu ihr großes Erzähltalent, das auch Seriensendern nicht verborgen bleibt

Viele Wege führen nach Hof. Anca Miruna Lazarescu nahm die Route über Berlin und Timișoara. Die Regisseurin aus Dachau, die mit ihrer neuen Arbeit an diesem Dienstag die 52. Hofer Filmtage eröffnet, ist sehr beschäftigt in diesen Wochen. In einem "Writers' Room" in der Hauptstadt tüftelt sie an einer neuen Netflix-Serie, in ihrer rumänischen Geburtsstadt hat die internationale Produktion "Hackerville" Premiere, in die sie stark eingebunden war, und den Applaus zum Start des renommierten Kinofests in Oberfranken, den holt man sich auch nicht alle Jahre ab. "Ein Eröffnungsfilm muss ja immer sehr viel leisten", weiß Lazarescu. "Er muss unterhalten können, er muss einen vielleicht auch nachdenklich stimmen können." Eine große Freude und Ehre sei das jedenfalls für sie.

Mit Glück hat der Höhenflug der 39-Jährigen nicht viel zu tun, eher mit Talent, Demut und Durchhaltevermögen, mit Leidenschaft fürs Erzählen sowieso. Glück? "Glück ist was für Weicheier." So heißt denn auch der Film, ihre zweite große Kinoarbeit. Und wie schon bei ihrem 2016 beim Filmfest München uraufgeführten und in der Folge von Kritikern gefeierten Debüt "Die Reise mit Vater" handelt es sich um eine Tragikomödie. Diese geht der Frage nach, wie viel eine Familie ertragen kann und mit welcher Haltung man dem miesen Verräter Schicksal begegnet. Konkret geht es um einen Witwer (Martin Wuttke) und seine kleine Tochter (Ella Frey), die dabei zusehen müssen, wie die ältere Tochter beziehungsweise Schwester (Emilia Bernsdorf) gegen eine tödliche Lungenkrankheit kämpft. "Ich glaube, dass Familie ein großartiger Background ist, um tragikomische Geschichten zu erzählen", sagt Anca Miruna Lazarescu, "man kann ihr nicht entkommen, oder nur sehr schwer." Deshalb sei Familie ein immer wiederkehrendes Thema für sie. Der Tragik des allgegenwärtigen Todes begegnet die Regisseurin mit sanftem Humor und findet eine wunderbare Poesie in ihren Bildern: die buchstäblich und metaphorisch gegen den Strom schwimmende Außenseiterin in Zeitlupe; das zwanghafte Korrigieren ihrer Socken; das milde, zaghaft optimistische Lächeln am Frühstückstisch.

Was kann eine Familie ertragen? Ein Witwer (Martin Wuttke) und seine kleine Tochter Jessica (Ella Frey) kämpfen sich in "Glück ist was für Weicheier" durch einen Alltag voller Sorgen. Doch als Bademeister hat Stefan gelernt: So leicht geht ein Mensch nicht unter.

(Foto: Bernd Spauke/Concorde Filmverleih)

Das Auf und Ab im Leben kennt die Filmemacherin gut. "2018 könnte tatsächlich nicht weiter weg von 2016 stehen", sagt sie. Sieben Jahre lang hatte sie an "Die Reise mit Vater" gearbeitet, um dann festzustellen, dass der Film an der Kinokasse durchfiel. Finanziell ein Desaster, auch für sie persönlich. "Da fängt man schon an, sich zu überlegen, sich noch Regisseurin zu nennen." Sie jobbte als Lokaljournalistin und unterrichtete an der Uni Passau Film und Regie. "Die Studenten nahmen das so unfassbar dankbar auf. Ich habe dann für mich entschieden: Ich sitze das aus." Für ihren langen Atem wurde sie belohnt: Während der Dreharbeiten zu "Weicheier" habe sie die Anfrage von "Hackerville" bekommen, einer Koproduktion von HBO und dem deutschen Bezahlsender TNT. Später habe auch Netflix angeklopft, und das Zweifeln hatte ein Ende. Vorerst.

Wie im Film, der in Hof mehrmals zu sehen ist (Kinostart wohl Anfang 2019), ist das Glück vergänglich. Das weiß Lazarescu. Es gibt da eine eindringliche Szene, in der dem gebeutelten Familienvater ein Augenblick der Freude und Freiheit vergönnt ist. Ein Moment beim Probefahren eines schicken Autos. Er endet von jetzt auf gleich. Und die Stimmung kippt.

"Seit meiner Kindheit bin ich es gewohnt, dass Lachen und Weinen ganz nah beieinander liegen", sagt Anca Miruna Lazarescu, die in Rumänien geboren wurde und mit elf nach Deutschland kam. "Ich glaube, die Tragikomödie ist meiner Erzählseele am nächsten." An der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), wo man sich seit jeher sehr darum bemüht, schlummernde Themen und Geschichten aus den Studenten herauszulocken, wurden auch bei Lazarescu die Weichen gestellt. Ihre preisüberflutete Abschlussarbeit "Silent River" (2011) sowie "Die Reise mit Vater" (2016) rückten Befindlichkeiten ihrer Heimat in den Fokus.

Anca Miruna Lazarescu, geboren 1979, hat an der Hochschule für Fernsehen und Film Regie studiert. Ihr Debüt "Die Reise mit Vater" (2016) bekam großes Lob. Sie lebt in Dachau.

(Foto: Hofer Filmtage)

Nun hat sie sich erstmals von den rumänischen Wurzeln gelöst, die Idee zu "Glück ist was für Weicheier" stammt von einer Kollegin. Kontinuität gibt es aber auch weiterhin in ihrem Werk. So ist Christian Stangassinger erneut für die - beeindruckende - Kamera verantwortlich; ebenfalls an der HFF hat sie Silvia Wolkan kennengelernt, die das Drehbuch schrieb, schon vor langer Zeit im Übrigen. Fast acht Jahre hat es nun gedauert, bis ihr gemeinsames Projekt vollendet werden konnte.

Die Stärken des Films liegen auch in der Hingabe der Schauspieler. Martin Wuttke, den viele aus dem früheren Leipzig-"Tatort" an der Seite von Simone Thomalla kennen, spielt den Vater, einen Bademeister und Sterbebegleiter, mit großer Empathie zwischen Hoffnung und Brüchigkeit. Das größte Wunder aber ist Ella Frey. Die Newcomerin aus München verleiht der zwölfjährigen Jessica so viel Menschlichkeit, dass es fest weh tut. In der Schule wird sie gemobbt, zuhause lauert der Tod, unglücklich verliebt ist sie auch. Die Marotten, die das Mädchen entwickelt hat, zum Beispiel den Glauben an böse Zahlen und heilende Beischlafrituale für ihre Schwester, verkörpert Frey glaubhaft und berührend.

Hofer Filmtage

Etwa 140 Filme aus 25 Ländern stehen bei den 52. Hofer Filmtagen auf dem Programm, darunter 59 Weltpremieren. Die Säulen des 1967 gegründeten Festivals sind Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme. Der Hauptfokus liegt auf Produktionen aus Deutschland; seit jeher gilt Hof als Bühne für Talente. Von Dienstag, 23., bis Sonntag, 28. Oktober, werden wieder zahlreiche Gäste erwartet, darunter der Franzose Barbet Schroeder, dem die Retrospektive gewidmet ist, sowie die Schauspielerin Katja Riemann und der Regisseur Edgar Reitz, der in diesem Jahr den neuen Goldpreis begleitet. Infos unter www.hofer-filmtage.com. blö

Der Film mag sich nicht so recht entscheiden, ob er die kleine Heldin in einem Coming-of-Age-Drama in den Vordergrund rücken soll, oder ob der Vater und seine Seelenlage das Gerüst für ein Melodram bilden. Dass beides funktioniert, liegt an der Regisseurin, die ihre Figuren frei sich entwickeln lässt und der Geschichte gibt, was sie braucht. Ohne sich formal zu verkünsteln. Es erstaunt deshalb nur bedingt, dass mit HBO und Netflix zwei potente internationale Auftraggeber auf die Filmemacherin aus Dachau zugekommen sind ("Sie wollen Serien auf Kinoniveau."). Und dass sie für das Cyber-Crime-Drama "Hackerville" (Start am 8. November auf TNT Serie) in Timișoara Regie führen durfte, verbucht sie unter: erfüllte Träume. "Wann hat man schon die Chance, in seiner Geburtsstadt zu drehen?" Das große Träumen geht weiter.

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