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Kino:Das große Aufblühen

Standfotos Dreharbeiten 'Milk & Honey'; Seriencamp

Die Serie „Milk & Honey“ erzählt von Gigolos in der brandenburgischen Provinz.

(Foto: Maor Waisburd Photography/Vox)

Der Markt für Streaming- und TV-Stoffe boomt. Beim "Seriencamp" in der Hochschule für Fernsehen und Film können Besucher etliche Premieren sehen. Das Münchner Festival entwickelt sich zum nationalen Branchentreff

Von Bernhard Blöchl

Allmählich wird eine Serie daraus. Zum vierten Mal geht das Festival nun über die Bühne, ein Festival in München, das bundesweit einmalig ist: ein Festival ausschließlich für Serien und TV-Kultur. Von Donnerstag bis Sonntag können Besucher in der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) mehr als 30 Produktionen auf großer Leinwand sehen, die ursprünglich für das kleine Format, also für zu Hause konzipiert wurden. Welt- und Deutschlandpremieren sind dabei, darunter das neue Comedy-Format "Für umme" und das internationale Cybercrime-Drama "Hackerville", aber auch Hits wie die US-Superheldenserie "Legion" oder Neues vom "Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel. Zahlreiche Regie- und Schauspiel-Größen stellen ihre Werke persönlich vor, etwa die Österreicherin Nora von Waldstätten ("Die purpurnen Flüsse"). Der Clou: Der Eintritt ist frei (nur die Teilnahme an der flankierenden Fachkonferenz kostet).

Die treibenden Kräfte hinter dem Seriencamp sind Malko Solf und Gerhard Maier. Die zwei Münchner Serienfreaks und Medienprofis haben vor drei Jahren genau das auf die Beine gestellt, was sie hierzulande vermisst hatten. "Wir haben beobachtet, wie viel in den USA passierte, in Großbritannien, in Skandinavien. In Deutschland damals noch wenig", sagt der Programmdirektor Maier, 41, der zuvor unter anderem als Filmredakteur für Piranha Media gearbeitet hat. Aus der Begeisterung für wegweisende Serien wie "Lost" oder "Die Sopranos" heraus, aus privatem wie beruflichem Interesse haben sich die Agenturgründer in Europa umgesehen, unter anderem bei Festivals in Málaga und London. Zunächst war da die Idee, ein reines Publikumsfestival in Deutschland zu etablieren, später formte sich der Wunsch, zusätzlich eine Fachtagung für die Branche zu bieten.

So soll das Seriencamp genau diese Zwitter-Funktion erfüllen: ein Festival für Serienfans mit Previews und Premieren, zugleich Branchentreff mit Workshops, Verkaufsplattformen und Foren zum Netzwerken. Die Entwicklung sei "zufriedenstellend", sagt der 42 Jahre alte Festivaldirektor Malko Solf. 3000 Besucher sind es laut ihm zur Premiere 2015 gewesen, 2017 habe sein Team mehr als 5000 Besucher in der HFF gezählt, darunter 250 Fachbesucher. Größe und Kompaktheit würden passen, 7000 Besucher laute das Ziel für künftig. Finanziert wird das Event einerseits durch die akkreditierten Branchengäste, andererseits durch Förderung (durch den Film-Fernseh-Fonds Bayern und die Stadt München für die Konferenz) und Sponsoring, etwa durch Sky und die Telekom. Gezeigt werden aber nicht nur Produktionen des Hauptsponsors, auch Netflix, HBO, Vox und andere prägen das Programm, zudem Werke ohne Sender und Web-Formate. Solf betont denn auch die Unabhängigkeit bei der künstlerischen Auswahl.

Für das Publikum - Malko Solf wünscht sich "eine gute Schnittmenge aus ein bisschen Nerd-Tum und Leuten, die das Haus verlassen" - bedeutet das: Es gibt Einblicke in die noch nicht ausgestrahlte achtteilige "Das Boot"-Fortsetzung von Andreas Prochaska, zwei Folgen der BBC-Thriller-Serie "Informer", zwei Folgen der Vox-Eigenproduktion "Milk & Honey" über Gigolos in der brandenburgischen Provinz und zwei Folgen von Michel Gondrys Serie "Kidding", mit Jim Carrey als Kinderfernsehstar. Auch Lena Dunhams ("Girls") US-Remake der britischen Serie "Camping", mit Jennifer Garner und Juliette Lewis, wird gezeigt (ebenfalls zwei Episoden). Die Spannbreite ist enorm: "Von der indischen Soap-Opera bis zu israelischen und belgischen Produktionen", umreißen die Organisatoren. Gerhard Maier betont auch den psychologischen Kollektivgedanken der Veranstaltung. "Solche Sachen fehlen im Zeitalter der individuellen Streaming-Möglichkeiten: zusammen etwas machen, auf demselben Stand sein."

Für die Gestalter der boomenden Branche, also Produzenten, Regisseure, Autoren und Sender-Verantwortliche, hat das vierte Seriencamp eine Neuheit zu bieten. Erstmals geht die gebührenpflichtige "Conference" nicht nur in der HFF über die Bühne (tagsüber, abends dann das Filmprogramm für das Publikum). Am Freitag findet im Isarforum am Deutschen Museum und im Blitz-Club nebenan der "Seriencamp Story Exchange" statt. Ein "Marktplatz zum Vernetzen" solle hier entstehen, sagt Maier. Sender und Produzenten begegnen Autoren und Regisseuren; sogenannte Pitches sollen Projekte voranbringen. Vorträge über die Zukunft des Web-Videos und des seriellen Erzählens sowie Einblicke in das norwegische, inzwischen weltweite Serien-Phänomen "Skam" runden das Programm der "Conference" ab.

Damit das Seriencamp in Serie bleibt, verfolgen die Veranstalter weitere Ideen: "Plot18" hieß kürzlich die Premiere eines interdisziplinären Storytelling-Forums, das das Seriencamp mitinitiiert hat. Für neue Stoffe und Erzählformen. Fortsetzung folgt.

Seriencamp, Festival und Konferenz, Do., 8., bis So., 11. Nov., HFF, Bernd-Eichinger-Platz 1, Eintritt frei (Konferenz gebührenpflichtig), Programm: seriencamp.tv

© SZ vom 07.11.2018
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