Kino Das Ding im Käfig

Das Mädchen Ava (Noée Abita) wird mit ihrer Kriegsbemalung zum Schrecken der Strandbesucher.

(Foto: Verleih)

Der französische Film "Ava" erzählt eine ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, die Hauptdarstellerin Noée Abita ist eine Entdeckung.

Von Tobias Kniebe

Von Anfang an ist es das Schwarz, das Unruhe bringt. Ein Strandbad, bunte Sonnenschirme, spielende Kinder: Sommerferien in der Gironde, an der französischen Atlantikküste. Durch das Gewusel läuft ein großer Wolfshund, so schwarz, dass er das Licht zu schlucken scheint. Die Kamera folgt ihm, niemand beachtet ihn recht - nur Ava, die im Badeanzug in der Sonne liegt, die Füße im Wasser baumelnd, ist sofort von ihm fasziniert.

Ava schaut aus riesigen dunklen Augen in die Welt. Ihr braunes Haar ist zerzaust, ihre Stirn und Lippen drücken eine weiche Skepsis aus, zwischen Träumen und Schmollen. Dreizehn Jahre ist sie alt, so will es der Film, aber sie könnte auch sechzehn oder siebzehn sein, was dann näher am realen Alter der Darstellerin Noée Abita wäre, die eine wirkliche Entdeckung ist.

Bald greift das Schwarz um sich. Ava fährt zum Augenarzt, der recht unverblümt erklärt, dass sie erblinden wird - eine Retinitis Pigmentosa, die sich nicht aufhalten lässt. Ihre Mutter weint - und beginnt sofort mit der Verdrängung. Ava aber überspringt alle normalen Reaktionen, sie leugnet und klagt nicht, stattdessen denkt sie sich eine Art Trainingsprogramm aus, macht sich bereit für die Dunkelheit. Und so wird der Film "Ava" dann kein Psychodrama über fortschreitende Erblindung, sondern einfach die Erkundung eines sehr speziellen, faszinierenden Mädchens. Ava ist ein Geschöpf der französischen Regisseurin Léa Mysius, die mit ihrem Kurzfilmen schon Aufsehen erregte, noch keine dreißig ist und 2017 die Entdeckung der "Semaine de la Critique" in Cannes war. Avas sarkastisches Desinteresse an ihrer kleinen Schwester im Laufstall etwa - "Das Ding bleibt in seinem Käfig" - hat nichts mit ihrer Krankheit zu tun. So ist sie einfach.

"Dafür bin ich zu bösartig", sagt sie dann auch auf die Frage, warum sie keinen Freund hat - auf Französisch: "trop méchante". Ava steht in der Tradition jener "filles méchantes", die das französische Kino schon immer gefeiert hat, von "Betty Blue" bis zu Catherine Breillat. Da mischt sich pubertärer Trotz mit einer genuinen Kraft des Widerstands gegen Erwartungen und Rollenbilder, aber auch die Utopie einer oft frühreifen, gänzlich freien Erkundung des Sexuellen.

So taucht der Wolfshund wieder auf und führt Ava zu seinem Besitzer Juan, einem 18-jährigen Sinto auf der Durchreise, der in einem verlassenen Weltkriegsbunker am Strand schläft und sogar eine Waffe hat. Er hat erst einmal kein Interesse an ihr, weil er gerade seine große Liebe verloren hat, aber Ava ist auch nicht leicht abzuwimmeln. Gemeinsam werden sie der Schrecken der Nudisten in den Dünen, denen sie, in fantastischer Kriegsbemalung, Geld und Kühltaschen abnehmen.

Ein französisches Sommermärchen vom Ende der Unschuld und vom Beginn des Erwachsenwerdens, in dem die Drohung der heranrückenden Blindheit nur als Verstärker und Beschleuniger wirkt. Léa Mysius findet dafür so klare, ungewöhnliche Bilder, dass sie als Filmautorin mit einer großen Zukunft erkennbar wird. Und sie verankert die Performance ihrer Hauptdarstellerin Noée Abita in einer selbstverständlichen Natürlichkeit, die den Film seine wunderbare Balance stets bewahren lässt.

Ava, FR 2017 - Regie und Buch: Léa Mysius. Kamera: Paul Guilhaume. Mit Noée Abita, Laure Calamy, Juan Cano. Eksystent Distribution, 101 Minuten (Startet am 27. September).