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Kino:Botschaft an die Welt

Der SZ-Publikumspreis-Gewinner "For Sama" hat Chancen auf einen Oscar als bester Dokumentarfilm

Wenn in der Nacht auf Montag in Los Angeles die Oscars vergeben werden, die wichtigsten Filmpreise der Welt, könnten auch in Karlsfeld bei München die Champagnerkorken knallen. Nicht etwa, weil hier eine nominierte Schauspielerin, ein Set-Designer oder eine Kamerafirma beheimatet wäre. Aber Claudia Oettrich hat vielleicht Grund zu feiern. Sie ist die Frau, die dafür sorgt, dass einer der außergewöhnlichsten Filme unter den Nominierten von März an groß in deutschen Kinos anläuft. Oettrich ist Filmverleiherin, ihre Firma Filmperlen ist einer der kleinsten Verleihe Bayerns, einer, der nun groß herauskommt - auch wenn es nicht zum Oscar reichen sollte.

Der Film, um den es geht, heißt "For Sama". Er ist die aufwühlendste, berührendste und schmerzvollste Liebeserklärung, die eine junge Mutter ihrer Tochter machen kann. Waad al-Kateab erzählt darin über fünf Jahre lang, von 2012 bis Ende 2016, von ihrem Leben im aufständischen Aleppo. Die Studentin und Journalistin, damals Anfang 20, filmte mit dem Handy, später mit der Kamera, insgesamt 500 Stunden Material. Sie filmte die Hölle des Bürgerkriegs in Syrien: die Bombeneinschläge im Krankenhaus, die Wiederbelebungsversuche eines Kaiserschnitt-Babys, Kinder, die Kinder betrauern, blutende Schädel. Sie filmte auch das Normale, ja, das Schöne im Alltag: ihre Liebe zu Hamza, einem jungen Arzt und Bruder im Geiste des Widerstands, ihre erste gemeinsame Wohnung, ihren Babybauch. Jenem Kind, Sama, und damit auch dem Zuschauer erklärt sie, warum sie trotz der Lebensgefahr geblieben ist. Es ging ihr um friedlichen Protest und unverfälschte Bilder, auch für den Fall, dass sie nicht überlebt. "Wirst du mir das je verzeihen?", fragt sie einmal. Am Ende sagt sie: "Ich bereue nichts." Der von Channel 4 News und ITN Productions produzierte Film (Co-Regie: Edward Watts) ist Dokument, Erklärung und Statement. "Es gab noch nie einen Film aus einem Kriegsgebiet, der von einer Frau gedreht wurde. Von Innen heraus", schwärmt Oettrich, die sehr stolz darauf ist, ihn in Deutschland zugänglich machen zu dürfen. "For Sama" hat bereits Dutzende Preise gewonnen, in Cannes den für den besten Dokumentarfilm, und beim Filmfest München gab's wenig später den Publikumspreis von Süddeutscher Zeitung und Bayern 2. Er hat prominente Fürsprecher, Brad Pitt und Cate Blanchett zum Beispiel.

Die kleine Erfolgsgeschichte dahinter gehört Claudia Oettrich. Sie selbst steht nicht gern im Rampenlicht. Beim Filmfest München im vergangenen Sommer hatte sie die Auszeichnung stellvertretend für Waad al-Kateab entgegengenommen, die zwar zu Gast war, aber nicht bis zur Abschlussgala bleiben konnte. Heute lebt die Regisseurin in London. Oettrich war auf der Bühne zurückhaltend, bescheiden, hier und da um englische Worte ringend. Beim Gespräch vor ein paar Tagen machte sie den gleichen charmanten Eindruck. Da erzählte die gelernte Kauffrau und frühere Reiseleiterin freudig aufgeregt, wie sie im Januar in ihrem Büro in Karlsfeld live via Internet dabei gewesen sei, als die Oscar-Nominierungen verkündet wurden. "Dann war bei uns eine riesengroße Schreierei."

Gegründet wurde die Firma Filmperlen 2013, die selbständige Verleiharbeit begann 2017 mit dem Film "Die beste aller Welten". Bis zu vier Werke pro Jahr wolle man ins Kino bringen, 2020 sind es sechs, darunter der Münchner Dokumentarfilm "Lionhearted - Aus der Deckung". Claudia Oettrich, die seit 24 Jahren Verleiharbeit macht, früher unter anderem bei einem Münchner Arthausverleih, kann sehr gut einschätzen, was "For Sama" für ihre Firma bedeutet. "Das ist ein Film, der uns hohes Ansehen verleiht. Weil er sehr qualitativ und anspruchsvoll ist."

Claudia Oettrich betreibt in Karlsfeld den kleinen Verleih Filmperlen. Mit dem Dokumentarfilm "For Sama" ist ihr ein großer Coup gelungen. Am 5. März bringt sie das Werk in die deutschen Kinos - und hofft vorab auf einen Oscar.

(Foto: Filmperlen)

Einfach war der Weg nicht. "Als kleiner Verleih hab ich mir anfangs wenige Hoffnungen gemacht", erzählt sie. Nach der Aufführung in Cannes hatte sie sich beim Weltvertrieb, Autlook Filmsales aus Österreich, erkundigt, ob die Deutschlandrechte noch frei seien. Sie waren es. "Den hatte keiner so richtig auf dem Schirm." Also sah sie sich den Film an, war berührt und begeistert, und machte ein Angebot. Trotz vergleichsweise geringem Budget bekam sie den Zuschlag. Eine Europa-Förderung hat zwar nicht geklappt, aber der Film-Fernseh-Fonds Bayern (FFF) engagierte sich mit einer Verleih-Förderung.

Etwa 70 Kinos in Deutschland zeigen den Film von März an. "Das ist bei einem Dokumentarfilm richtig viel", sagt Oettrich. Nach den Oscars könnten noch einige dazu kommen. Das Feedback, das sie bereits bekommt, reiche von: "Diesen Film muss jeder sehen" bis zu "Der Film kann die Welt verändern". "Klar, die Kinobetreiberin war in einer unheimlichen Emotion, als sie mir das geschrieben hat", erzählt die Verleiherin. "Mir sind trotzdem die Tränen gekommen."

© SZ vom 07.02.2020
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