Kino-Boom in der Krise:"Der Teufel trägt Prada" für Krisenzeiten

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In die Hit-Region wird "The Last House on the Left", das Remake des Debüts von Wes Craven, kaum vorstoßen - der Film wirkt dann doch zu beunruhigend. Hier, im Kino nebenan, ist schon der blaue Himmel giftig, jedes Vogelgezwitscher schrill vor Unheil. Auch die Vergewaltigung, vor der man den Saal lieber verlassen sollte: großartig. Und erst der brennende und explodierende Kopf des Bösewichts in der Mikrowelle: Hut ab! Dutzende Zuschauer geben während der Vorführung auf, der Rest knuspert stoisch sein Popcorn, nur gelegentlich mit den Schlägen aufstöhnend.

Müsste in diesen Zeiten nicht eher ein Film wie "Confessions of a Shopaholic" einschlagen - eine Art "Der Teufel trägt Prada" für Krisenzeiten? Sind nicht alle Amerikaner ein bisschen wie Rebecca, die pathologisch shoppende Jung-Newyorkerin mit dem alles verschlingenden Kleiderschrank und den explodierenden Kreditkartenschulden? Der Groß-Produzent Jerry Bruckheimer habe das Ende nach dem Finanzcrash noch einmal eigens an die neue Empfindlichkeiten des Publikums angepasst, heißt es. Aber explodierende Schulden im Kino? Das ist wohl zu nah dran - nur zwei Menschen haben sich im Regal Union Square in diesen Film verirrt.

Überhaupt nicht komisches Sozialdrama

Schwerer ist zu erklären, warum die hingewurschtelte schwarze Klamotte "Tyler Perry's Madea Goes to Jail" sich seit Wochen dauerhaft in den Top Ten hält. Madea ist eine alle um den Verstand bringende Oma aus Atlanta, die vom Regisseur Tyler Perry selbst gespielt wird, die absurdeste und witzigste Drag-Queen des US-Entertainments, die allerdings den Sprung in die Auslandsmärkte bisher nicht recht geschafft hat. Ihrem Camp-Dialekt könnten die Amerikaner trotzdem ewig zuhören. Darunter scheint auch ein erstaunlich ernstes, überhaupt nicht komisches Sozialdrama durch: Prostitution, Gefängnis, Misshandlung und Drogen. Den Spaß in Saal zehn scheint das nicht zu dämpfen - die vergleichsweise doch eher reichen New Yorker betrachten den Film, als spiele er in einem anderen Land.

Gleich nebenan läuft währenddessen "Coraline" in 3D - und hier sitzen an diesem Abend die meisten Zuschauer: mit Plastikbrillen und offenem Mund. Der berückende Animationsfilm von Henry Selick ist wohl für Kinder gedacht, aber die Geschichte der kleinen Coraline, die durch eine verbotene Tür des elterlichen Hauses in ein Schattenreich hinabsteigt, wirkt doch ziemlich verstörend. Aber schon die 3-D-Technik, die sich in den US-Kinos immer mehr durchsetzt, schlägt alle in Bann - Insektenschwärme schweben über den ersten Stuhlreihen, und wenn die Hexe ihre klappernden Stahlfinger nach Coraline ausstreckt, zuckt man unwillkürlich im Sessel zurück. Als das Mädchen am Ende seine Eltern gerettet hat, bricht der Saal in erleichterten Applaus aus.

Nicht alle glauben daran, dass es wirklich die Krise ist, die die Leute ins Kino treibt. Hollywood hole jetzt nur die Ernte der Boomjahre ein, als man dank der Investitionen von Hedgefonds im Geld schwamm, lautet eine Theorie. Statt die aussichtsreichsten Filme für den Sommer aufzuheben, habe man jetzt selbst in sonst ruhigen Monaten wie diesem einen vollen Bauchladen. Die Studios hätten das Publikum in den letzten Jahren mit zu schwierigen Stoffen überfordert, lautetet eine andere Erklärung. Nach den Enttäuschungen mit Filmen wie "There Will be Blood" oder "No Country for Old Men" habe man das Ruder herumgerissen.

Es sieht ganz so aus, als würde die Kette der Hits nicht so schnell abreißen. Schon dieses Wochenende droht in "Knowing" mit Nicholas Cage wieder die Auslöschung der gesamten Menschheit. Aber diesmal wirklich! Immerhin spart man sich dann das Geld für die Krankenversicherung.

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