Kino Billard mit Matrosen

Jim im neonbeleuchteten Stadtteil Soho.

(Foto: dpa)

Der Spielfilm "Postcards From London" ist ein schwules, surreales Märchen über einen Jungen, der in der Großstadt zum Stricher wird.

Von Doris Kuhn

Die Großstadt als Ort der Geheimnisse und Abenteuer, als Ort zu dem man sich auf den Weg macht, wenn man 18 ist und vom Land kommt. Genau das tut Jim im Kinofilm "Postcards from London", und Regisseur Steve McLean erfindet ihm dafür den Stadtteil Soho neu: alles ist neonbeleuchtet, die Musik in den Bars laut, käufliche Jungs spielen Billard mit Matrosen.

Natürlich braucht man, wenn man ein unvorhersehbares Leben will, die Kunst. Das lernt auch Jim, sobald er eine Stelle bei den Strichern annimmt, die stilsicher angezogen in Barfenstern sitzen und lesen.

Sie sind stolz auf ihr Gewerbe, aber sie verkaufen nicht bloß Sex. Sie nennen sich "Raconteure", will heißen sie pflegen mit ihren Kunden das postkoitale Gespräch über Kunst. Von der Kundenbegegnung ist insgesamt wenig im Bild, aber Kunstgeschichte bekommt Jim durch Gespräche oder Bücher vermittelt, von Caravaggio bis Francis Bacon, von Fassbinder bis Derek Jarman. Und schon verändert sich Jim. Erst schrammt er knapp dran vorbei, selbst ein Kunstwerk zu werden, so begeistert ist halb Soho von seinem Aussehen. Dann wird er zur Muse eines unglücklichen Malers. Zuletzt findet sich ein verborgenes Talent bei ihm, aus dem Kunsthändler Gewinn schlagen könnten, er selbst womöglich auch. Die Kunst funktioniert hier immer als Verführung, nicht bloß für die Protagonisten, sondern auch für die Zuschauer. Denn während die Jungs um Jim sich zu Traumfiguren des käuflichen Sex stilisieren, macht Steve McLean so etwas Ähnliches mit seinem Film. Er verwandelt ihn in surreales Kino, in dem die Geschichte hinter die Form zurücktritt.

Sein ganzes Soho ist eine Art Konzeptalbum, Orte und Personen werden in möglichst artifizieller Schönheit gezeigt. Oft stehen die Schauspieler vor schwarzem Hintergrund, als wären sie allein im All. Zu diesem Stilwillen der Bilder kommen junge Schauspieler, die gerade dabei sind, zu Ruhm zu gelangen. Die Hauptfigur Jim etwa wird gespielt von Harris Dickinson, dessen unschuldiges Gesicht letztes Jahr schon im schwulen Teen-Drama "Beach Rats" zu sehen war. Jetzt verändert es sich schon, man muss es schnell anschauen, bevor die Popularität darin Spuren hinterlässt.