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"Amerikanisches Idyll" im Kino:Der amerikanische Traum, ein Konstrukt

Kinostart - 'Amerikanisches Idyll'

Home & Garden-Häuslichkeit: Ewan McGregor, Jennifer Connelly.

(Foto: Lakeshore Entertainment/dpa)

Ewan McGregor verfilmt Philip Roths Roman "Amerikanisches Idyll" als eine Abrechnung mit der ländlichen Häuslichkeit in den USA.

Eines Morgens wird die amerikanische Idylle, die dieser Film beschwört, brutal zerfetzt. Eine kleine Poststation irgendwo auf dem Land in New Jersey, eine Zapfsäule davor und ein Fahnenmast. Sie ist exponiert, wie in der Wildnis zur Zeit des Wilden Westens, vermittelt aber doch eine Aura von Beständigkeit. Es ist kalt und diesig, der Postangestellte kommt raus mit der Flagge, befestigt sie an der Schnur und zieht sie den Mast hoch, alles gefilmt und montiert in bedächtigen, routinierten Einstellungen, dann geht er zurück ins Haus. Eine Totale, eine Explosion im Inneren des Hauses.

War Merry an diesem Anschlag beteiligt, Meredith, die Tochter von Swede und Dawn Levov? Swede, den sie in der Schule so nannten, weil er so blond und so athletisch war, hat vom Vater die Handschuhfabrik übernommen und versucht, sie durch die Wirren des Jahrzehnts zu bringen, Jugendrevolte, Bürgerrechtsbewegung, Vietnamkriegsproteste. Auf dem Bildschirm in Swedes Haus ist die berühmte Selbstverbrennung des Mönchs zu sehen. Merry ist erschüttert. Nach dem Anschlag auf die Post ist sie spurlos verschwunden.

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Schon in den Siebzigern wollte Philip Roth, nach dessen Roman der Film entstanden ist, über den Vietnamkrieg schreiben, aber erst zwanzig Jahre später brachte er das Buch zustande, "American Pastoral", 1998 bekam er den Pulitzerpreis dafür. Das Pastoral im Originaltitel, das herber klingt und weiter reicht als die deutsche Idylle, ist wichtig. Swede hat sich mit seiner Familie aufs Land zurückgezogen, in jene künstliche Ländlichkeit, die Amerika seit den Fünfzigern kultiviert hat, in seiner Kleinstadtarchitektur, seinen Home-&-Garden-Kinomelodramen.

Die Suche nach der Tochter erweist sich als Suche nach einem Phantom

Ewan McGregor spielt Swede, jugendlich blond, stets exakt gescheitelt, über Jahre und Jahrzehnte hinweg. Er führt zudem erstmals Regie, und seine Bemühung, sich selbst zurückzunehmen, als ein Teil des Gesamtbildes, ist überaus sympathisch - und lässt Swede manchmal aussehen wie einen Stoiker. Der amerikanische Traum war nie organisch, immer ein Konstrukt, und je natürlicher er sich gerierte, desto fragiler wurde er. Ein Haus auf dem Lande, Pferde, Wanderungen am Fluss, ist das zu stimmig? Swedes Frau ist eine Ex-Schönheitskönigin, gespielt von Jennifer Connelly, natürlich wird sie später fremdgehen. Nur Meredith (Dakota Fanning) stottert.

Das amerikanische Kino ist unglaublich bewegend, wenn es den Ödipus links liegen lässt und sich an Vater-Tochter-Geschichten macht. Swede will einfach nicht an Merrys Schuld glauben. Er will sie zurück - das ist die Suche nach einem Phantom, und das amerikanische Kino ist voll davon. Sie ist hier so herzzerreißend wie jene, auf die sich John Wayne machte nach seiner von Indianern geraubten Nichte, in den Fünfzigern, bei John Ford. Swede Levov, the Searcher.

American Pastoral, USA 2016 - Regie: Ewan McGregor. Buch: John Romano. Nach dem Roman von Philip Roth. Kamera: Martin Ruhe. Musik: Alexandre Desplat. Schnitt: Melissa Kent. Mit: Ewan McGregor, Jennifer Connelly, Dakota Fanning, Peter Riegert, Rupert Evans, Uzo Aduba, Molly Parker, Valorie Curry, David Strathairn. Tobis, 102 Minuten.

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