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Kino:Allmächtiger

Gott ist ein cholerischer belgischer Kleinbürger, der Spaß am Leiden der Menschen hat: Jaco Van Dormaels wunderbare Filmkomödie "Das brandneue Testament".

Von Martina Knoben

Zuerst die gute Nachricht: Gott ist nicht tot. Die schlechte: Er ist ein cholerischer Kleinbürger aus Brüssel, der in Bademantel und Schlappen durch die Gegend schlurft, Frau und Tochter schikaniert, im Kühlschrank nichts als Bier aufbewahrt und den Menschen nur erfunden hat, um seine bösen Spielchen mit ihm zu treiben.

Nun ist Brüssel, vor allem der Stadtteil Molenbeek, gerade in Verruf geraten. Jaco Van Dormael konnte von Paris nichts wissen, als er seinen Film drehte. Dass er seinen fiesen Allmächtigen ausgerechnet dort beheimatet, wo die wichtigsten EU-Institutionen ihren Sitz haben und Terroristennester vermutet werden, passt aber gut in einem Film, der großen Institutionen und Gedankengebäuden nicht traut, ihnen seinen respektlosen Witz und eine wunderbare Verspieltheit entgegenhält.

"Das brandneue Testament" ist saukomisch; herrlich ist Benoît Poelvoorde als missmutiges, tyrannisches und leider allmächtiges Ekel. An einem Uraltcomputer in einem kafkaesk in den Himmel ragenden Büroturm aus Karteikästen steuert er die Geschicke der Menschen, lässt voller Vergnügen Flugzeuge abstürzen, setzt Städte in Brand oder erfindet Naturgesetze wie das, dass immer die andere Schlange an der Supermarktkasse schneller ist. Zu viel darf man nicht verraten von Jaco Van Dormaels Einfällen - das Vergnügen besteht auch darin, von ihnen immer wieder überrumpelt zu werden. Die überbordende Fantasie und visuelle Üppigkeit erinnern an die Filme von Terry Gilliam ( "Brazil"; "12 Monkeys") oder Jean-Pierre Jeunet ("Die fabelhafte Welt der Amélie"). Minimalismus war gestern - dem sparsamen und oft harschen Realismus, der das Arthousekino in diesen Zeiten dominiert, hält "Das brandneue Testament" eine Lust am Fabulieren und visuellen Erzählen entgegen, die sich aus der Filmgeschichte speist. So ist die Genesis nach Van Dormael eine Abfolge von Stummfilmsequenzen. Und aus dem Stummfilm stammt auch der Slapstick mit seinen wohligen Grausamkeiten: Immer wieder kriegt Gott im übertragenen Sinn eine Torte ins Gesicht.

Das brandneue Testament

Gott (Benoît Poelvoorde) lässt die Menschen leiden und hat Spaß daran.

(Foto: NFP)

Dass es mit der göttlichen Allmacht bald nicht mehr weit her ist, dafür sorgt dessen Tochter Éa. Pili Groyne spielt sie als weises, niedliches Gott-Kind, das sich am tyrannischen Papa rächt, indem es allen Menschen ihr Todesdatum via SMS sendet. Was dazu führt, dass die Menschlinge sich ihrer Endlichkeit endlich bewusst werden, sich von Gott nicht länger manipulieren lassen und ihre Restzeit zum eigenen Vergnügen und Wohlbefinden zu nutzen wissen.

Nachdem sich Éa mit der tricktechnisch zum Leben erweckten Statue ihres Bruders JC (=Jesus Christ) verständigt hat, geht sie auf die Erde, um sechs weitere Apostel zu finden und deren Geschichten als "brandneues Testament" aufzuschreiben. Es wird, so viel sei verraten, auf die gute alte Carpe-Diem-Weisheit zulaufen, die vom Regisseur in den kitschigsten Farben ausgemalt wird - aber mit Stil, viel Herz und Verstand! Jedem seiner vom Leben enttäuschten Apostel widmet Van Dormael eine eigenen Episode, mit eigenem Stil und eigener Musik - was ja schon belegt, wie ernst der Regisseur diese Menschlein nimmt. Éa hat die Gabe, die Melodie zu hören, die jeder in sich trägt, weshalb "Das brandneue Testament" ein sehr musikalischer Film ist, in dem Händel, Purcell oder Chansons wie Charles Trénets "La Mer" den Ton vorgeben. Und dieser Ton ist eben nicht nur komisch, sondern auch melancholisch und märchenhaft - mit seinen Verspieltheiten feiert der Film ebenso das, was ist, wie das, was möglich wäre.

Da ist das Kino natürlich ganz in seinem Element, weshalb auch immer wieder Lieblingsfilme wie "Shining" oder "King Kong" im Schwingen einer Axt oder dem dicken Finger eines Gorillas anklingen. Dieser Gorilla wird in einer Episode der Lebensgefährte von Martine - sie ist die fünfte von Éas Aposteln und wird von Catherine Deneuve vollkommen unerschrocken verkörpert. Diese Göttin des europäischen Autorenkinos mit einem Gorilla ins Bett zu legen, wirkt erst mal wie ein zu derber Witz - entspricht aber vollkommen der Zirkusnatur des Kinos.

Le tout nouveau testament, F/B/Lux 2015 - Regie: Jaco Van Dormael. Buch: J. Van Dormael, Thomas Gunzig. Kamera: Christophe Beaucarne. Mit: Benoît Poelvoorde, Pili Groyne, Catherine Deneuve, François Damiens, Yolande Moreau. NFP, 116 Minuten.

© SZ vom 04.12.2015

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