"The Irishman" im Kino:Ein missglückter Einsatz von Gesichtsbräuner

Was Robert De Niro wiederum wohl völlig egal war, als er das Buch entdeckte. Ihm ging es um die existenzielle Dimension darin, um den Fluch des gewaltsamen Lebens. Damit hat er die anderen angefixt, irgendwann waren sie alle an Bord. Wer dann aber nicht mitziehen wollte, war Hollywood, anderthalb Jahrzehnte lang fehlte die Finanzierung, bis schließlich Netflix das Geld und den Mut aufbrachte. Verlorene Jahre, muss man im Rückblick sagen, und das sieht man auch.

Denn vor fünfzehn Jahren waren De Niro, Pacino und Joe Pesci noch in dem Alter, ihre Figuren auch ohne digitale Verjüngung zu spielen, da reichte die Spannkraft ihrer Körper noch, um aus Sitzen zu springen oder Treppenstufen zu nehmen, wie Mittfünfziger das eben tun. Das geht heute nicht mehr, weil sie alle die 75 schon überschritten haben. Die künstliche Straffung der Gesichter funktioniert mal mehr, mal weniger gut, manchmal wirkt sie eher wie ein missglückter Einsatz von Gesichtsbräuner. Die Sprache der Körper aber und die Geschmeidigkeit der Gelenke, die kann man digital am wenigsten fälschen. Das verschärft den Grundton der Melancholie, der hier alles durchzieht.

Was dann aber auch wieder passt, denn die entscheidende Phase des Films, das letzte Drittel, handelt vom Schwinden der Kraft, von dem Grau, das sich im Alter über das Leben senkt, wenn Bilanz gezogen wird, von der Last der Vergeblichkeit. Überleben im ewig sich drehenden Todesspiel, war das nicht das Ziel? Für die Familie sorgen, die Töchter aufwachsen sehen, erleichtert zuschauen, wie sie ihren Platz im Leben finden, darum ging es doch.

Aber was, wenn sie am Ende wie Frank Sheerans Tochter Peggy sind, die als Kind schon nicht hinschauen konnte, wenn ihr Vater brutal wurde, auf deren fragenden und verstörten Blick der Film immer wieder zurückkommt, während sie erwachsen wird und dann von Anna Paquin gespielt wird. Eines Tages weiß sie einfach, dass der Preis für ihre Sicherheit zu hoch war, dass etwas in ihrem Vater längst tot ist, und es reicht ihr ein einziges Wort, um sich für immer von ihm loszusagen. Damit war dann auch das umsonst.

Tatsächlich ist es wohl der Tod selbst, der sich in der Kamerafahrt ganz am Anfang an den greisen Frank Sheeran heranpirscht, sanft, aber unaufhaltsam, "In The Still Of The Night". Mit seinem Herannahen sind Reue und Bedauern unerträglich geworden und der Wunsch übermächtig, sich noch einmal zu erklären. Und also hebt der Irishman, dieser große loyale Schweiger vor jedem Cop und Richter und Staatsanwalt, schließlich zu reden an.

Die Schauspieler wissen ebenfalls, welche Ikonen sie geworden sind

Aber er ist nicht der Einzige, der hier Bilanz zieht - De Niro, Pacino, Pesci und Martin Scorsese tun es auf ihre Weise auch. Sie wissen, wie unvergesslich plastisch sie den Kampf um Respekt, um Lust und Macht und Gier und Energie gemeinsam beschworen haben, nicht nur in ihren Mafiafilmen. Sie wissen, was sie alles an cineastischer Kraft, an Überhöhung und Mythisierung aus diesen Momenten von Leben und Tod herausgekitzelt haben und welche Ikonen sie damit geworden sind. Für nachkommende Filmemacher, die sich immer noch aufputschen mit diesen Szenen, und für neue Gangster-Generationen auf den Mean Streets dieser Welt.

Weshalb man diesen Film auch als einen Versuch der Abbitte lesen kann. Warum sonst diese endlose Abfolge harter Männer, die ihr gewaltsames Ableben und die Art ihres Sterbens schon mit sich herumtragen, als hätte das Schicksal ihnen Totenscheine um den Hals gehängt? Warum sonst diese eiskalte, blitzschnelle, mausgraue Finalität der Todesschüsse? Warum sonst die Hässlichkeit des Moments, auf den alles hinausläuft, dem Scorsese seine filmischen Mittel geradezu verweigert, damit er nur schnell vorbei ist, irreversibel wie das Leben selbst?

Was wir bisher erzählt haben, war nicht die ganze Geschichte - das ist es, was Scorsese und seine Mitstreiter in "The Irishman" zu sagen scheinen. Denn es kommt doch unausweichlich der Punkt, wo sich jede Glorifizierung erschöpft und jeder Gewinn verflüchtigt hat, wo nichts bleibt als Sinnlosigkeit und Leere.

Wenn man so will, ist "The Irishman" eine Art Schlussstein für diesen großen und mächtigen Torbogen in Scorseses Werk, den man das Portal der menschlichen Abgründe nennen konnte. Gemeißelt schon in der Dämmerung einer Ära, die nun bald zu Ende geht, und quasi mit letzter Kraft an einen Platz gewuchtet, wo bisher noch ein tragender Baustein fehlte. Dort thront er nun, unverzichtbar, und gibt dem ganzen Werk eine neue, umfassende, möglicherweise finale Stabilität.

The Irishman, USA 2019 - Regie: Martin Scorsese. Buch: Steven Zaillian. Kamera: Rodrigo Prieto. Schnitt: Thelma Schoonmaker. Mit Robert De Niro, Al, Pacino, Joe Pesci, Ray Romano. Ab Donnerstag im Kino, ab 27. November auf Netflix.

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