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"The Irishman" im Kino:Wenn Ikonen Abbitte leisten

Film "The Irishmen"

Gangster Frank Sheeran (Robert De Niro, dritter .v.l.) und Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa (Al Pacino) erfahren von Kennedys Ermordung.

(Foto: Netflix)
  • Martin Scorseses "The Irishman" erzählt von Mafialegende Frank Sheeran in einem gewaltigen, melancholischen, weit ausholenden Erinnerungsbogen.
  • Die Gesichter der Schauspieler um Robert De Niro, Joe Pesci und Al Pacino wurden teils künstlich gestrafft - mal mehr, mal weniger gut.
  • "The Irishman" ist eine Art Schlussstein für diesen großen und mächtigen Torbogen in Scorseses Werk.

Da ist sie wieder, diese lockende, gleitende, niemals innehaltende Kamera, mit der Martin Scorsese seine Zuschauer schon so oft geführt hat. Von der Umkleidekabine bis hinein in den Boxring, zusammen mit Jake LaMotta, dem "Raging Bull"; von der Straße vor dem legendären Copacabana bis zum besten Tisch vor der Bühne, zusammen mit Henry Hill, dem aufstrebenden Mobster in "Goodfellas"; oder direkt ins Innerste von "Casino", in den Geldzählraum, die Krypta der Gier.

Stets führte diese Kamera in den Kampf, in die allererste Reihe, ins Zentrum von Lust und Macht und Energie. Wohin aber geht es jetzt, zu Beginn von "The Irishman"? Dunkle Farben, gedämpfte Geräusche, leere Blicke: Scorsese lockt uns hinein in ein Altersheim, mit Lounges und Sitzecken und geschäftigen Pflegerinnen, dazu lassen The Five Satins ihren einschläfernden Doo-wop erklingen, "In The Still Of The Night".

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Bei einem alten Hünen, gespielt von Robert De Niro, kommt die Bewegung zum Stillstand. Es ist Frank "The Irishman" Sheeran. Wie er hier gelandet ist, wird der Film erzählen, in einem gewaltigen, melancholischen, weit ausholenden Erinnerungsbogen. Wie weit vom Rausch der Macht und Gier und Energie uns diese Reise aber wegführen wird, das ahnt man in diesem Moment noch nicht.

Die Gesichter wurden im PC verjüngt - die Körper nicht

Denn bald ist Frank Sheeran wieder jung, Ende der Fünfzigerjahre, ein Trucker und Familienvater mit kriminellen Ambitionen, der allein aber nicht viel gerissen hätte. Das ändert sich, als er Russell Bufalino kennenlernt, Oberhaupt eines Cosa-Nostra-Clans aus Pennsylvania, familiär und jovial, zurückhaltend und bescheiden in seinem Auftreten.

Hier trifft ein mit Computertechnik verjüngter Robert De Niro auf den ebenfalls digital gelifteten Joe Pesci, der eigens aus dem Ruhestand zurückgeholt wurde, um diesen umsichtigen Strippenzieher zu spielen, der dank Diskretion und strategischem Geschick bald ein führender Organisator im Rat der amerikanischen Mafiafamilien wird.

Diese Rolle ist völlig anders als jene Mafiosi, die Joe Pesci früher für Scorsese gespielt hat, Zeitbomben allesamt, randvoll mit Aggressivität und Komplexen. Alle Gefährlichkeit ist jetzt untergründig, was das Geschäft aber nicht weniger tödlich macht. Frank Sheeran, ein Muster an Loyalität und Zuverlässigkeit, wird Bufalinos Freund und Partner, vor allem aber sein Henker. Wenn jemand die Regeln verletzt und beseitigt werden muss, geht der Job immer an ihn.

Dann betritt Al Pacino die Bühne, auch er digital in seine Fünfziger zurückgeholt, und erstmals überhaupt dabei in einem Scorsese-Film. Er spielt den Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa, der ein wirklicher Medienstar seiner Zeit war und mit seiner Teamster-Gewerkschaft selbst der Oberboss eines zutiefst kriminellen Clans. Gewerkschaft und organisiertes Verbrechen, Teamster und Mobster, schon die Namensähnlichkeit lässt es ahnen, da gibt es engste Verbindungen, das macht zumindest in dieser Erzählung keinen Unterschied.

Auch Jimmy Hoffa jedenfalls kann einen Mann wie Frank Sheeran gebrauchen, der in aller Stille schmutzige Aufträge erledigt, auch er fasst Vertrauen zu ihm, macht ihn zu einem Unterboss der Gewerkschaft und zum persönlichen Freund. Mit Hoffa wird alles großspuriger und extrovertierter und bleibt doch genauso familiär. Die Frauen sind immer dabei und die Töchter auch - was immer an Morden und Verbrechen auch läuft, das Ideal bleibt der amerikanische Family Man, der für seine Kinder ein besseres Leben will.

Von der Invasion in der Schweinebucht bis zur Ermordung Kennedys

Frank Sheeran muss eigentlich keine Fragen stellen, das Gesetz der Familie gibt ihm den Rahmen vor, der sein Überleben sichert - bis zu dem Tag, an dem seine beiden Bosse und Vaterfiguren unversöhnlich aneinandergeraten. Da ist er zunächst als Vermittler gefragt, dem beide Seiten vertrauen, da kann er zusehen, wie seine Bemühungen scheitern, und zugleich steht dann plötzlich jedes schmutzige Geheimnis Amerikas gleich mit auf dem Spiel, von der Invasion in der Schweinebucht bis zur Ermordung John F. Kennedys.

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Da kann es dann irgendwann nur noch einen geben, da muss sich dann zeigen, wer am längeren Hebel sitzt - und da gewinnt das Schicksal dieses treuen Vollstreckers dann eine Dimension von Unausweichlichkeit und Verrat, die einer griechischen Tragödie nicht unwürdig wäre.

Erstaunlich dabei ist, dass diese drei Protagonisten reale Figuren sind, genau wie die Helfer und Helfershelfer um sie herum. Frank Sheeran starb 2003, er wurde 83 Jahre alt und lebte wirklich in einem Altersheim, als er den Entschluss fasste, seine Geschichte zu teilen. "I Heard You Paint Houses" hieß die Beichte, die er dem Anwalt und früheren Strafverfolger Charles Brandt diktierte, im Grunde eine Selbstanklage für Verbrechen, die ihm nie nachgewiesen werden konnten. So unklar ist die Lage bis heute, dass er einer der geschicktesten Killer überhaupt sein könnte - oder aber einer der größten Fabulierer.