Süddeutsche Zeitung

"Peace Or Love" von den Kings Of Convenience:Harmlos, aber nie doof

"Simon & Garfunkel" für Skandinavistik-Studenten: Die "Kings of Convenience" machen Musik, in der man sich wohlfühlt. Was sollte daran falsch sein?

Von Max Fellmann

Als die Kings Of Convenience vor ein paar Monaten auf Instagram ankündigten, dass sie bald, nach sagenhaften zwölf Jahren Pause, ein neues Album veröffentlichen würden, jubelte einer der ersten Kommentatoren darunter: "Jaaaa! Genau, wenn wir es am allermeisten brauchen!" Na ja, fast genau. Eigentlich hätte man es schon während all der Lockdown-Wochen sehr gut brauchen können. Schließlich macht niemand sonst Musik, die so dermaßen exakt zum Runterbremsen passt, zum Einigeln, zum Verstecken vor der Welt.

Die Kings Of Convenience sind die Poster Boys für eine Generation, die zwar online ständig mit der ganzen Welt verbunden ist, es aber eigentlich doch eher zu Hause gemütlich mag. Musik für die Flucht ins Innere, aber mit Blick in die Welt.

Genau das konnte man den beiden natürlich immer vortrefflich vorwerfen. Eskapistisches Gesäusel für blasse Außenseiter. Simon & Garfunkel für Skandinavistik-Studenten. Ging ja schon mit dem Titel des Debüts los, vor 20 Jahren, "Quiet Is The New Loud". Zarte, ganz zarte Töne, weicher noch als Kaschmirdecken. Zwei helle Stimmen, zwei akustische Gitarren, ab und zu Kontrabass und Geige, der Rhythmus mal sachter Samba, mal lauschiges Lagerfeuer. Kristallen in der Luft schwebende Töne. Wer schlechte Laune hat, kann so etwas Wohlfühlmusik nennen. Aber wer gute Laune hat, auch. Musik, in der man sich wohlfühlt. Ja herrlich, ja bitte!

Das Album entstand über mehr als fünf Jahre hinweg, aufgenommen in fünf Städten

Wenn man Eirik Glambek Bøe und Erlend Øye spricht, per Video, um über ihr neues Album "Peace Or Love" zu reden, sitzen die zwei, und es ist fast ein Witz, wie exakt das schon wieder passt, in einem Wohnzimmer im norwegischen Städtchen Bergen: braune Wand im Hintergrund, pastellige Bilder, Topfpflanze auf dem Fensterbrett. Gestreifte Wollpullover. Als wäre man zu Besuch in einem ihrer Album-Cover. "Den Vorwurf der Gefälligkeit hören wir oft", sagt Øye. "Natürlich sagen Cafébetreiber gern, ach, leg ich mal Kings Of Convenience auf, die stören nicht. Aber nun, wir machen freundliche Musik, was sollte daran falsch sein?"

Nichts. Absolut nichts. Gilt auch für "Peace Or Love". Elf Songs wie hingetupft, der Gesang oft nur ein Hauchen, als würden die zwei nachmittags am Fenster singen und keine Nachbarn nerven wollen. Liedermacherlieder, nie zu intensiv oder gar, Gott bewahre, laut. Was aber die beiden aus der Achtsamkeits-Ecke rausrettet: Sie kriegen immer rechtzeitig die Kurve. Für reine Massagemusik sind die Akkorde zu interessant, die zweistimmigen Gesänge zu ausgefuchst. Und die vermeintliche Leichtigkeit ist hart erkämpft. Stichwort: zwölf Jahre Pause. Manche Songs haben die beiden schon vor Ewigkeiten angefangen, erzählt Bøe, "aber wenn man ein Lied im Studio immer und immer wieder spielt und ganz genau hinhört, löst es sich irgendwie auf. Plötzlich klingt alles blöd und banal". Und dann? "Aufhören, liegen lassen, so lang wie möglich", sagt Erlend Øye, "und erst nach Monaten weitermachen, als würde man etwas ganz Neues beginnen. Man muss sich selbst überlisten." Also entstand das Album über mehr als fünf Jahre hinweg, aufgenommen in insgesamt fünf Städten.

Die vielen Orte, das hat auch mit Øyes Rastlosigkeit zu tun. Man kennt ihn als DJ. Und als Sänger anderer Bands. Vor Jahren ist er nach Sizilien gezogen, aber bis heute ständig in der Welt unterwegs. Spielt mit Reggae-Bands in Europa, musiziert mit Bekannten in Südamerika. Als die Pandemie ihn im vergangenen Jahr in Mexiko festsetzte, nahm er halt dort spontan ein Album mit Freunden auf.

Eirik Glambek Bøe sitzt derweil zu Hause in Bergen, hat Familie und unterrichtet zeitweise Architekturpsychologie. Man darf ja nicht Künstler und Werk gleichsetzen, aber bitte, in diesem Fall stimmts halt: Die beiden sind wie ihre Musik, die Musik ist wie die beiden. Zugleich norwegisches Kaminfeuer und Rotwein am Strand von Palermo. Behagliches Abhängen zu Hause und dabei doch immer endloses Fernweh.

"Peace Or Love" (Universal) wäre also tatsächlich der perfekte Soundtrack zum Lockdown gewesen. Aber hurra, zum Sommer des Aufatmens passt es genauso. Am Fluss sitzen, Schuhe ausziehen, in den Himmel schauen. Kein R-Wert, kein Impfenzentrumsvarianteninzidenzirgendwas jetzt. Peace. Love. Es geht dann fast etwas arg luftig los, mit dem Gitarren-Arpeggio des ersten Songs "Rumours" wäre auch ein Werbespot für Wellnesshotels nicht falsch untermalt. Aber es lohnt sich, geduldig zu sein, einzusteigen, mitzugehen. Wer das beim ersten Hören für laues Gezupfe hält, liegt genauso falsch wie jemand, der bei Slayer denkt: Alles nur aggressives Gedresche. Nach ein paar Sekunden setzt Bøe mit dem Gesang ein, zart, aber bestimmt. Bevor es in Pantoffeln zum Warmwasserbecken gehen könnte, federn die zwei rechtzeitig nach links weg, lassen Luft, lassen Raum, lassen Töne verklingen. Innehalten. Luft holen. Für hemmungsloses Schmachten zu nordisch-verkopft. Für stocksteifes Nerdtum zu romantisch.

Ja, diese Musik ist harmlos. Aber doof ist sie nie.

"Rumours" ist dann auch prompt kein bisschen hygge, sondern handelt von peer pressure und böswilligen Mitmenschen. "They call you names", singt Bøe, aber: "Don't let them tell you who you are." Lass dir von niemandem einreden, wer du bist. Bei zwei Liedern singt die wunderbare Leslie Feist mit, und zusammen klingen die drei wie ein alteingespieltes Ensemble. Peter, Paul & Mary für das 21. Jahrhundert. Weil Bøe und Øye auf Englisch singen, haben die Texte außerdem immer mal wieder einen liebenswerten Hauch von Wörterbuchpoesie: "I lost count how many times I tumbled around inside your washing machine / Hung myself out to dry to regain some of my self esteem" ("Washing Machine").

Wie viele Menschen würden sie mit norwegischen Texten erreichen? Keine ølle Såu

Frage also: Warum überhaupt eine Fremdsprache? Antwort Øye: "Wir sprechen sehr unterschiedliche Dialekte. Wir haben's probiert, aber wenn wir auf Norwegisch singen, muss sich immer einer von uns verstellen." Außerdem: "Auf Englisch kann ich einen sehr persönlichen Text schreiben, ohne mich dabei nackt zu fühlen." Und dann natürlich, bitte, der wichtigste Aspekt, den die beiden höflich umgehen: Wie viele Menschen in Chile, Kalabrien, Rio oder Berlin würden sie mit norwegischen Texten erreichen? Keine ølle Såu.

"Peace Or Love" ist also wieder ein schönes Album, und doch, doch, es kommt genau, wenn wir es am allermeisten brauchen. Und ja, stimmt schon, die zwei machen sehr genau da weiter, wo sie vor zwölf Jahren aufgehört haben. Aber, um noch mal Slayer zu bemühen: Würde man von denen ein Folk-Album wollen? Eben. Es gibt Bands - manchmal sind es die extrem lauten, manchmal sind es die ganz, ganz leisen - die sollen doch bitte sehr gern immer genau ihr Ding machen. Und jetzt Schuhe aus und runter an den Fluss.

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