"King Richard" im Kino:Der Spielervater

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"King Richard" im Kino: Richard Williams (gespielt von Will Smith) war ein Eigenbrötler und Sturkopf - der ultimative Spielervater, mit unerwarteten Methoden und Manieren, die zumindest gewöhnungsbedürftig waren.

Richard Williams (gespielt von Will Smith) war ein Eigenbrötler und Sturkopf - der ultimative Spielervater, mit unerwarteten Methoden und Manieren, die zumindest gewöhnungsbedürftig waren.

(Foto: Imago)

Will Smith spielt "King Richard", der seinen Töchtern Venus und Serena Williams den Weg in die weiße Tenniswelt ebnete. Kein Sportfilm, sondern ein Drama über eine Sportlerfamilie.

Von Milan Pavlovic

"Ich dachte, die Decke stürzt ein", sagte Chris Evert, Ikone des feinen, weißen Tennissports, über die Szene, die Richard Williams weltweit berühmt machte. Sie trug sich zu im altehrwürdigen Wimbledon, unmittelbar nachdem seine Tochter Venus als 20-Jährige erstmals das berühmteste Turnier der Welt gewonnen hatte. Ihr Vater, trotz seiner dünnen Beinchen eine mächtige Erscheinung, rief von der Tribüne, so laut, dass niemand es überhören konnte, "Straight Outta Compton". Ein ironischer Verweis auf das verrufene Viertel von Los Angeles, in dem der Williams-Clan einige schwere Jahre verbracht hatte, bevor er nach Florida aufbrach und die Tennis-Welt auf den Kopf stellte. Im Juli 2000 erklomm der Vater also die Kommentatoren-Kabine von NBC, in der Evert zitterte, und reckte eine seiner berüchtigten Tafeln in die Höhe, auf die er diesmal gekritzelt hatte: "Es ist Venus' Party - und keiner war eingeladen."

Diesen Moment erwartet man unbedingt in einem Film über das Leben von Richard Williams, den ultimativen Spielervater, Eigenbrötler und Sturkopf. Er kommt dann aber ebenso wenig vor wie ähnliche Auftritte in Key Biscayne ("Willkommen zur Williams-Show"), wie die Entscheidung, die Schwestern Venus und Serena jenseits der Grand-Slam-Veranstaltungen nicht für dasselbe Turnier zu melden, damit sie möglichst nicht gegeneinander antreten mussten. Es fehlen auch viele andere markante Eckpfeiler der Biografie - ob nun der tragische Tod von Yetunde, einer Halbschwester von Venus und Serena, oder die Trennung von der starken Familienmutter Oracene.

Der Vater predigt Demut und Dankbarkeit, erzieht seine Kinder streng - aber eitel ist er trotzdem

Das alles liegt wohlgemerkt nicht daran, dass sich der Film "King Richard" keine Zeit nehmen würde (er dauert 144 Minuten). Oder dass er den umstrittenen Tennisvater reinwaschen möchte. Ganz im Gegenteil: Richard Williams kommt angemessen zwiespältig rüber, als Nervensäge und unberechenbare Größe, als Ein-Mann-Abriss-Birne. Williams weiß, dass er ohne Hartnäckigkeit nie gehört werden wird; er predigt Demut und Dankbarkeit, erzieht seine Kinder streng, würde sie am liebsten abkapseln; hängt sich selbst voll rein und bringt viele Opfer - aber der Gefahr der Eitelkeit entgeht er nicht immer.

Das, was fehlt, schärft die Sinne für das, was da ist. Es erweist sich als geschickter Schachzug des Drehbuchautors Zach Baylin, den Fokus des Films auf die Kindheit der späteren Grand-Slam-Siegerinnen zu legen. Erstens ist der Einfluss des Vaters in diesem Lebensabschnitt am größten; zweitens gewinnt das Leben außerhalb des Tennisplatzes an Gewicht; und drittens werden einzelne Spiele und Ballwechsel nachrangig. So sehr die Darstellerinnen der Schwestern als Sportlerinnen überzeugen, so wenig müssen sie diesen Eindruck unter wettbewerbsähnlichen Bedingungen bestätigen. Dies ist kein Sportfilm, sondern ein Drama über eine Sportlerfamilie.

"King Richard" im Kino: Aufbruch in eine fremde Welt: Die Williams-Schwestern flankieren ihren Vater (Will Smith), als sie in der ultraweißen Tennis-Welt vorspielen.

Aufbruch in eine fremde Welt: Die Williams-Schwestern flankieren ihren Vater (Will Smith), als sie in der ultraweißen Tennis-Welt vorspielen.

(Foto: Picturelux/Imago)

So plakativ manche Szenen mitunter wirken (Vater Williams spielt mit den Kindern bei Wind und Wetter und staubt in Klubs und auf öffentlichen Courts abgenutzte Bälle ab), so untertrieben dürften etliche von ihnen im Vergleich zur Wahrheit sein. Wenn die siebenköpfige Familie mit fünf Töchtern im VW-Bus unterwegs ist, wirkt das fast pittoresk, aber in die sentimentale "Little Miss Sunshine"-Falle tappt der Regisseur Reinaldo Marcus Green nie. Das ist auch angemessen, weil der Familienvater alles andere als ein Romantiker ist: Schon vor der Geburt von Venus und Serena hatte Richard Williams entschieden, die beiden zu Tennisprofis zu formen. Nun muss er es nur schaffen, seine Töchter in einer weißen Welt zu etablieren, weshalb er einen Klub nach dem anderen abklappert und jahrelang auf bestenfalls skeptische, meistens desinteressierte Menschen trifft.

Man muss sich Richard Williams' Wirkung auf den weißen Sport der frühen 1990er vielleicht so vorstellen wie den Auftritt von Eddie Murphy in "Nur 48 Stunden" (1982), als dieser in einer Redneck-Spelunke zum Albtraum für die scheinbar überlegenen Weißen wird - mit dem Unterschied, dass Richard Williams ohne Polizeimarke auskommen musste.

Will Smith spielt Williams als Mann, der Übung darin hat, sich kleiner zu machen als er ist

So spielt die (Rassen-)Politik stets auf eine wichtige, aber niemals erstickende Weise eine der Hauptrollen. Ohnehin sind nicht bloß die Weißen das Problem - auch die neidischen schwarzen Nachbarn und diverse Gangmitglieder missgönnen Williams und Co. die Idee von einer Freiheit jenseits des Ghettos. Wie sich dieses Problem im Film auflöst, ist historisch nicht belegt, aber es wirkt überzeugend - auch und gerade, wenn man bedenkt, wie knapp das alles war; und wie Hauptdarsteller Will Smith, der für diesen Auftritt für einen Oscar nominiert wurde, in seinen früheren Filmen vorgegangen wäre.

Smith spielt Williams als Mann, der Übung darin hat, sich kleiner zu machen, als er ist: die Schultern tief hängend, als würde er seine einschüchternde Körpergröße kaschieren wollen; oder als hätte er in seinem Leben so viel Prügel bezogen und Abfuhren erteilt bekommen, dass er sich gar nicht mehr strecken kann. Wenn er dann die ältere Venus vorspielen lassen darf, verstört er regelmäßig potentielle Investoren, nervt Fachleute und Trainer durch sein eigenes Coaching ("Vergiss nicht den offenen Stand!"). Sein einziges Pfund sind die beiden Kinder, deren Qualitäten auch ein Blinder am Klang ihrer Schläge erkennen würde.

Am Ende gibt es dann doch noch zwei Matches, Anfang 1994, Venus' erster Ausflug auf die Profi-Tour. Doch auch da geht es den Filmemachern weniger um einzelne Punkte, sondern vor allem um mentale Erfahrungen - wie die damalige Top-Spielerin Arantxa Sánchez-Vicario mit einem ihrer patentierten Psychotricks die deutlich führende, gerade mal 13-jährige Venus aus dem Tritt bringt; und wie diese durch die Niederlage mehr lernt als durch jeden Sieg zuvor.

"King Richard" im Kino: Richard Williams mag etliche Trainer und Manager verärgert und entfremdet haben (rechts Jon Bernthal als Rick Macci) - aber einige wichtige Maßnahmen des Vaters haben sich über die Jahre als sinnvoll erwiesen.

Richard Williams mag etliche Trainer und Manager verärgert und entfremdet haben (rechts Jon Bernthal als Rick Macci) - aber einige wichtige Maßnahmen des Vaters haben sich über die Jahre als sinnvoll erwiesen.

(Foto: Picturelux/Imago)

Auf Dauer haben sich viele Mantras des Vaters und Trainers Williams als sinnvoll erwiesen - ob nun der riskante offene Stand bei Grundlinienschlägen, den Serena bald noch besser beherrschte, weshalb die kleine Schwester mehr als dreimal so viele Grand-Slam-Turniere gewann als Venus (23:7). Auch nicht von der Hand zu weisen ist die Tatsache, dass sich Richards jahrelang belächelte Weigerung, die Töchter weiter Jugendtennis spielen zu lassen, gelohnt hat. Anders als andere, früh ausgezehrte Teenager-Stars wie Tracy Austin, Andrea Jaeger oder Jennifer Capriati spielen die beiden Williams-Schwestern noch heute, mit 41 bzw. 40 Jahren, wenn ihre Körper es zulassen. Dann sieht man sie bei Doppeln ausgiebig giggeln, ganz so wie im Film als Teenies, zwei Verschworene, unbekümmert in einer feindlichen Welt.

Richard Williams entfernte sich nach der Trennung von Oracene immer weiter von seinen Töchtern. Ein Schlaganfall tat sein Übriges, um öffentliche Auftritte zu limitieren. Selbst zur Premiere "seines" Films konnte er nicht kommen. Das ist umso betrüblicher, als man gerne erfahren hätte, wie er zu ein paar Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre steht: zu Venus' rarer Autoimmunkrankheit, die sie seit Jahren bremst; und natürlich zum denkwürdigen Verhalten von Serena, die mindestens zweimal - bei Niederlagen in New York gegen Kim Clijsters (als Williams 2009 eine Linienrichterin bedrohte und disqualifiziert wurde) und gegen Naomi Osaka (der sie 2018 mit einer Schimpftirade gegen den Schiedsrichter das Scheinwerferlicht stahl) - massiv gegen den Kodex ihres Vaters verstieß. Natürlich würde man auch gerne hören, was er von "King Richard" hält. Die Geschichte des Williams-Clans ist mit diesem Film noch lange nicht auserzählt.

King Richard, USA 2021 - Regie: Reinaldo Marcus Green. Buch: Zach Baylin. Kamera: Robert Elswit. Mit: Will Smith, Aunjanue Ellis, Saniyya Sidney. Telepool, 144 Minuten. Kinostart: 24. Februar 2022.

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